Ministerpräsident Stephan Weil lässt sich von Martin Günther erläutern, wie Menschen und Roboter als hybrides Team Fertigungsaufgaben gemeinsam bewältigen. Foto: Universität Osnabrück/Elena Scholz  Foto: Universität Osnabrück/Elena Scholz
Ministerpräsident Stephan Weil lässt sich von Martin Günther erläutern, wie Menschen und Roboter als hybrides Team Fertigungsaufgaben gemeinsam bewältigen. Foto: Universität Osnabrück/Elena Scholz Foto: Universität Osnabrück/Elena Scholz

Bereits jetzt steckt die Künstliche Intelligenz (KI) in vielen
Produkten, Prozessen und Verfahren. Auf seiner Rundreise durch
Niedersachsen besuchte Ministerpräsident Stephan Weil gestern (12.
Februar) das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI)
in Osnabrück, um sich einen Überblick über die „besonders spannenden KI-
Entwicklungen im Lande“ zu verschaffen.

Nach der Begrüßung durch die Universitätspräsidentin Prof. Dr. Susanne
Menzel-Riedl und Patrick Rosen (ROSEN Gruppe) in den neu bezogenen Räumen
bei ROSEN in der Berghoffstraße (ehemals Mölk), stellte der Leiter Prof.
Dr. Joachim Hertzberg die Forschungsperspektiven des DFKI-Labors
Niedersachsen vor.

Das DFKI-Labor Niedersachsen besteht seit 2019 und verfügt über Standorte
in Osnabrück und Oldenburg, die mit den jeweiligen Universitäten stark
kooperieren. Ziel ist es, die KI-Forschung in der Land- und
Meereswirtschaft sowie in der Produktion voranzutreiben und hierbei auf
regionale Strukturen aufzubauen. „Das übergreifende Forschungsthema ist
die umfassende Umgebungswahrnehmung“, erläuterte Hertzberg den Gästen.
„Das reicht von der digitalen Transformation und Datenhoheit in der
Landwirtschaft über intelligenten Umweltschutz in Flüssen und Meeren bis
zur nachhaltigen Industrie 4.0 und Wertschöpfung durch Daten.“ An beiden
Standorten arbeiten derzeit rund 40 Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftler.

Der Osnabrücker Forschungsbereich Planbasierte Robotersteuerung (Prof. Dr.
Joachim Hertzberg) entwickelt Algorithmen zur Steuerung autonomer mobiler
Robotiksysteme. An diesem Nachmittag wurde dem Ministerpräsidenten, den
Journalisten und Gästen das Projekt „Hybr‐iT“ vorgestellt. Es zeigt, wie
Menschen und Roboter als hybrides Team Fertigungsaufgaben gemeinsam
bewältigen. In dem Fertigungsszenario für den Flugzeugbau übernehmen die
Roboter das, was für den Menschen unergonomisch oder physisch belastend
ist, wie zum Beispiel das Setzen und Versiegeln der Niete am Flugzeugrumpf
oder die Montage von Kabelkanälen in der Tragfläche, erläuterte der
Osnabrücker Wissenschaftler Martin Günther. Wichtig sei dabei, dass sich
alle Entwicklungen in „Hybr‐iT“ naht‐ und reibungslos in vorhandene
industrielle Strukturen integrieren lassen.

Ein weiteres Experimentierfeld für Roboter und Algorithmen bietet die
digitale Transformation der Land- und Ernährungswirtschaft im Nordwesten
Deutschlands. Das „Agrotech Valley Forum“, ein Zusammenschluss von
Universität und Hochschule Osnabrück, dem DFKI, dem Landkreis Osnabrück
und derzeit elf weiteren Unternehmen hat sich zum Ziel gesetzt, die Region
zu einem global bedeutenden Inkubator für nachhaltige
Lebensmittelproduktion auf Basis digitaler Technologien zu machen. Die
DFKI-Wissenschaftler beschäftigen sich mit einer sensor- und
datenbasierten Entscheidungsfindung im Pflanzenbau und der praktischen
Erprobung mit Feldrobotern. „Ziel ist es, durch das realistische
Betriebsumfeld bedarfsorientierte Lösungsansätze für die Produzenten im
Agrotech Valley zu entwickeln“, so der stellvertretende
Forschungsbereichsleiter Dr. Stefan Stiene.

Der zweite Osnabrücker Forschungsbereich Smart Enterprise Engineering
(Leitung: Prof. Dr. Oliver Thomas) arbeitet an innovativen Methoden für
den Einsatz von Smart Products, Smart Services und Smart Systems in
digitalen Geschäftsmodellen. Wirtschaftsinformatiker Thomas: „Wir haben
die Vision, durch die Verbindung der Perspektiven der
Wirtschaftsinformatik und der Künstlichen Intelligenz die Potenziale einer
umfassenden Informationsbereitstellung zu heben und Wettbewerbsvorteile
für den Mittelstand durch die Unterstützung und (Teil-) Automatisierung
komplexer Tätigkeiten wie zum Beispiel Qualitätskontrollen zu nutzen.“

Durch die angewandte und praxisnahe Forschung in Zusammenarbeit mit
regionalen Akteuren der Wirtschaft sowie den Transfer des Wissens in die
Praxis und die Entwicklung von branchenspezifischen Servicemodulen werde
die Zusammenarbeit und Vernetzung des DFKI mit kleinen und mittelständigen
Unternehmen aus der gesamten Region vorangetrieben, so Prof. Thomas.

Der dritte Forschungsbereich Marine Perception aus Oldenburg (Leitung:
Prof. Dr. Oliver
Zielinski) befasst sich mit der Erforschung und Entwicklung intelligenter
Sensoren, die im Meer und anderen aquatischen Umgebungen einsetzbar sind.
In dem vorgestellten, von der Weltbank initiierten Projekt, geht es um den
Einsatz multispektraler Kameras auf Drohnen sowie Algorithmen für die
Bestimmung des Plastikmülls auf Flüssen und an Stränden in Kambodscha.
Plastikmüll in den Weltmeeren stellt eine wachsende Gefahr für das marine
Ökosystem und auch den Menschen dar. Seinen Ursprung hat dieser Müll
zumeist an Land und gelangt dann über Flüsse ins Meer. Insbesondere der
asiatische Raum stellt eine wesentliche Eintragsquelle dar.

Das DFKI-Labor Niedersachsen wird nach einem Zeitraum von drei bis fünf
Jahren evaluiert. Geschaut wird, ob die Kriterien für die Entstehung eines
eigenständigen Standortes erfüllt sind. Hierzu zählen sowohl eingeworbene
Mittel wie auch Personalzahlen, Publikationen, Promotionen und
Auszeichnungen. „Nach aktuellem Stand befindet sich das Labor auf einem
Wachstumspfad, der bereits zum frühestmöglichen Bewertungszeitpunkt Ende
2021 ein positives Ergebnis erwarten lässt“, konnte Prof. Hertzberg den
Gästen erfreut mitteilen.