Wessen Arbeit ist wieviel wert? In den systemrelevanten Berufen wird im Durchschnitt weniger verdient als allgemein.  Foto: canstockphoto
Wessen Arbeit ist wieviel wert? In den systemrelevanten Berufen wird im Durchschnitt weniger verdient als allgemein. Foto: canstockphoto

AT legt Datenreport und Impulspapier zur Aufwertung systemrelevanter
Berufe vor
Ob sichere gesundheitliche Versorgung, Notbetreuung von Kindern oder
psychosoziale Beratung: In der Krise fällt besonders auf, wie notwendig
soziale Dienstleistungsarbeit ist, damit das Miteinander funktioniert und
Arbeit und Produktion in anderen Branchen aufrecht erhalten werden können.
Zur Aufwertung systemrelevanter Berufe hat das Institut Arbeit und Technik
(IAT /Westfälische Hochschule Gelsenkirchen) ein Impulspapier vorgelegt:

Es braucht mehr Investitionen in soziale Dienstleistungen, mehr
Aufmerksamkeit für die Zusammenarbeit der Berufe, für bessere
Arbeitsbedingungen und Einkommen, für neue attraktive Aufgaben und
Qualifizierungswege, für Arbeits- und Gesundheitsschutz und für eine
bedarfsgerechte Digitalisierung. Denn diese Felder eröffnen schon heute
Perspektiven zur strukturellen Aufwertung sozialer Dienstleistungsarbeit.

Der aktuelle Datenreport basiert auf einer Sonderauswertung des WSI -
„LohnSpiegels“. Betrachtet werden Löhne, Gehälter und Arbeitsbedingungen
in systemrelevanten Berufen. Die Ergebnisse zeigen, dass die Gehälter in
diesen Tätigkeiten insgesamt unter dem Durchschnitt liegen, was der
gesellschaftlichen Bedeutung der Arbeit nicht entspricht. Hinzu kommt:
Neben dem allgemein als zu niedrig empfundenen Einkommensniveau sind auch
die Unterschiede innerhalb einzelner Berufsfelder immens. Die
Beschäftigten in den systemrelevanten Berufen arbeiten zudem im
Durchschnitt 6,3 Wochenstunden mehr als vertraglich vereinbart. In den
übrigen Berufen gibt es dagegen durchschnittlich rund 1,2 Überstunden pro
Woche.

Anhand von Forschungsergebnissen des IAT werden im Impulspapier konkrete
Handlungsfelder und Handlungschancen zur strukturellen Aufwertung sozialer
Dienstleistungsarbeit skizziert. So gelingt es bislang nur unzureichend,
Bildungsinvestitionen in innovative Bildungs- und Studienangebote durch
neue Aufgaben- und Tätigkeitsfelder sowie durch entsprechende
Gratifikationssysteme im betrieblichen Alltag zu fundieren. In anderen
Ländern sind Pflegende zudem bspw. in der betrieblichen Gesundheitspflege,
der Schulgesundheitspflege oder Familiengesundheitspflege tätig. Die
Institutionalisierung dieser gesellschaftlich sinnvollen Arbeitsfelder
steht hierzulande noch aus.

Die Corona-Pandemie wird einen enormen Schub für neue digitale Lösungen in
der sozialen Dienstleistungsarbeit mit sich bringen. Digitalisierung
eröffnet grundsätzlich die Chance, bestehende Dienstleistungen besser auf
den Bedarf abzustimmen, neue Angebote zu entwickeln und die Beschäftigten
sinnvoll zu unterstützen. Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen, dass die
Beschäftigten deutscher Krankenhäuser sich mehrheitlich als digital
kompetent einschätzen und sich bei der Einführung digitaler Technik am
Arbeitsplatz mehr beteiligen wollen, jedoch nur knapp die Hälfte hat das
Gefühl, dass dies in ihrem betrieblichen Kontext auch tatsächlich
erwünscht ist. Durch Digitalisierung fallen oft zusätzliche Aufgaben an,
die in der betrieblichen Praxis, wie auch die Kompetenzentwicklung der
Kollegen*innen, häufig parallel zum Arbeitsalltag und informell von den
Teams miterledigt werden müssen. Aufwertung erfordert zum einen, diese
strukturellen Veränderungen von Aufgaben-, Tätigkeits- und
Belastungsprofilen sichtbarer und für Aufwertungsstrategien nutzbar zu
machen. Zum anderen können Beschäftigte und Einrichtungen von einer
vorausschauenden Personalarbeit künftig erheblich profitieren. Vor allem
dann, wenn neue Arbeits- und Tätigkeitsfelder frühzeitig identifiziert und
durch neue Lernformen/-formate so unterstützt werden, dass „Arbeiten 4.0“
für die Beschäftigten nicht zur Sackgasse wird, sondern neue berufliche
Entwicklungsperspektiven eröffnet.

Damit neue Lösungen für Beschäftigte und Betriebe nachhaltig sind, ist die
Stärkung von Mitbestimmung und Sozialpartnerschaft in der sozialen
Dienstleistungsarbeit erforderlich. Erste Ergebnisse einer bundesweiten
Befragung zur Rolle betrieblicher Interessenvertretungen bei betrieblichen
Digitalisierungsprozessen in Pflegeeinrichtungen zeigen, dass sie
gegenüber digitalen Innovationen grundsätzlich positiv eingestellt sind.
Gegenwärtig hat jedoch nur ein Drittel der befragten Gremien
„Digitalisierung“ als strategisches Entwicklungsthema auf der Agenda, für
zwei Drittel der Befragten spielt das Thema in der Gremienarbeit hingegen
„nur am Rande“ oder sogar „gar keine“ Rolle. Hier zeigt sich, dass bei
sozialpartnerschaftlichen Gestaltungsstrategien für die Mitwirkung und
Mitgestaltung von Beschäftigten derzeit noch viel Luft nach oben ist.