Die erste am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden mit dem
antiviralen Wirkstoff Remdesivir behandelte COVID-19 Patientin konnte am
Donnerstag (14. Mai 2020) entlassen werden. Die 53-jährige
Krankenschwester aus Niesky wurde gut zwei Wochen auf der Intensivstation
der Klinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie behandelt und musste
davon sieben Tage maschinell beatmet werden. Weil sich der Zustand der
Patientin unmittelbar nach der Verlegung aus einem Görlitzer Krankenhaus
drastisch verschlechtert hatte, entschieden sich die Intensivmediziner des
Uniklinikums für die Gabe des derzeit nur in Rahmen von Studien
anwendbaren Remdesivir.

Nach ihrer überstandenen SARS CoV2-Infektion hat Jenny Fischer noch auf der Intensivstation damit begonnen, ihre durch die Erkrankung geschwächte Lunge zu trainieren.  Marc Eisele
Nach ihrer überstandenen SARS CoV2-Infektion hat Jenny Fischer noch auf der Intensivstation damit begonnen, ihre durch die Erkrankung geschwächte Lunge zu trainieren. Marc Eisele

Das ursprünglich gegen das Ebola-Virus entwickelte Medikament "Remdesivir"
hat bei COVID-19-Patienten positive Effekte gezeigt: Es milderte schwere
Verläufe ab und verkürzte die Zeitspanne intensivmedizinischer Versorgung.
So auch bei Jenny Fischer:
„Ich habe mich in die Hände der Menschen hier am Uniklinikum gegeben, weil
ich wusste, dass ich nur so überleben kann“, erzählt die sehr gelöst
wirkende  Patientin am Vorabend ihrer Entlassung aus der Corona-ITS des
Dresdner Uniklinikums. „Ich war immer für andere da und bin wie meine
Mutter ein Stehaufmännchen. Dass das Corona-Virus jemanden wie mich, der
vorher keine gesundheitlichen Probleme hatte, so schwer erkranken lässt,
hätte ich nicht geglaubt. Vor der Verlegung nach Dresden hatte ich durch
meine Atemprobleme Todesangst.“

„Die intensivmedizinische Versorgung von Patienten mit besonders schweren
Krankheitsverläufen ist auch für die Intensivmedizin eines
Universitätsklinikums eine große Herausforderung. Doch die über viele
Jahre aufgebaute Expertise und die Vernetzung mit Fachkollegen aus aller
Welt ermöglichen uns Therapien auf dem aktuellen Stand der Medizin. Dass
wir auf diese Weise Leben retten können, zeigt die Bedeutung der
universitären Spitzenmedizin“, sagt Prof. Michael Albrecht, Medizinischer
Vorstand des Dresdner Uniklinikums. An der Klinik für Anästhesiologie und
Intensivtherapie des Dresdner Uniklinikums wurde schon vor Jahren ein Zen­
trum für differenzierte Lungenunterstützung etabliert, das sich auf die
Therapie besonders komplexer Beatmungsfälle spezialisiert hat und auch
außerhalb der COVID-19-Pandemie als überregionales Zentrum spezielle
Verfahren wie die extrakorporale Membranoxygenierung (ECMO) anbietet.

„Die Gabe von Remdesivir ist eine von mehreren Optionen,
COVID-19-Patienten mit spezifischen, aber noch nicht in der klinischen
Routine etablierten Therapien zu versorgen. Mit der erstmaligen Gabe des
antiviralen Wirkstoffs haben wir guten Gewissens Neuland betreten können.
Denn die Versorgung schwerstkranker Menschen ist Alltag auf unserer
Intensivstation, bei der wir regelmäßig nach neuen Wegen suchen und uns
dazu eng mit Kollegen aus der ganzen Welt vernetzt haben. So gelang es
uns, nach der Entscheidung für die Gabe von Remdesivir bei dieser
Patientin das Medikament sehr kurzfristig zu bekommen“, sagt Prof. Thea
Koch, Direktorin der Klinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie des
Dresdner Uniklinikums.

„Ich kann die Menschen nicht verstehen, die sich nicht vor dem Corona-
Virus schützen oder die Krankheit herunterspielen“, sagt Jenny Fischer,
als ihr das Ärzteteam vor ihrer Entlassung die CT-Bilder ihrer Lunge vom
Tag der Verlegung ins Uniklinikum zeigen. Die Entzündungsreaktion auf das
Virus „SARS CoV2“ hat mehr als die Hälfte ihrer Lunge befallen, was sie in
Lebensgefahr brachte. Eine lebensgefährliche Diagnose. 16 Tage später
macht die 53-Jährige nun regelmäßig Atemübungen, die in den kommenden
Wochen in einer Rehaklinik intensiv fortgesetzt werden: „Ich hoffe, dass
ich bald wieder als Krankenschwester arbeiten kann.“ Dass das Uniklinikum
und das Team der ITS stolz und sehr zufrieden über den Behandlungserfolg
sind, versteht Jenny Fischer. Ihr und ihrem Team gehe es bei der Arbeit
auf einer chirurgischen Station ebenso, wenn es beispielsweise um die
erfolgreiche Versorgung großer Wunden geht.

„Auch außerhalb der COVID-19-Epidemie behandeln wir auf unserer
Intensivstation jährlich etwa 50 Patienten mit schwersten Formen des
akuten Lungenversagens auf unserer Intensivstation. Dabei setzen wir
regelhaft spezielle Verfahren der differenzierten Beatmungs- und
Lagerungstherapie bis hin zum maschinellen Lungenersatz im Rahmen einer
ECMO-Therapie ein“, erklärt Prof. Peter Spieth. ECMO steht für
„Extrakorporale Membranoxygenierung“ – ein maschinelles
Lungenersatzverfahren, bei dem das Blut des Patienten außerhalb des
Körpers das Kohlendioxid entzogen und mit Sauerstoff angereichert wird.
„Neben dem hochspezialisierten medizinischen Behandlungsteam auf der
Intensivstation halten wir auch rund um die Uhr ein Team bereit, um
besonders schwer erkrankte Patienten aus anderen Kliniken luft- oder
bodengebunden ans Dresdner Uniklinikum verlegen zu können, wenn an diesen
Krankenhäusern die Therapiemöglichkeiten erschöpft sind“, so Prof. Spieth
weiter. Der Anästhesiologe und Intensivmediziner leitet das Zentrum für
Akutes Lungenversagen (ARDS) undExtrakorporale Membranoxygenierung an der
Klinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie.

Im Fall der COVID-19-Patientin Jenny Fischer wurde unmittelbar nach ihrer
Übernahme aus einem ostsächsischen Krankenhaus eine maschinelle Beatmung
sowie eine Bauchlagerungstherapie notwendig. Computertomographische Bilder
der Lunge und spezielle Labortests zeigten den Intensivmedizinern, dass
für COVID-19 typische periphere Lungenarterienembolien vorlagen, die
entsprechend behandelt wurden. Zusammen mit der Remdesivir-Therapie
besserte sich der Gesundheitszustand der 53-Jährigen rasch, sodass die
invasive maschinelle Beatmung nach gut einer Woche beendet werden konnte.
„Durch unsere Expertise in der Behandlung von schwersten Formen des ARDS
sind wir fachlich und technisch optimal auf die Versorgung von
intensivpflichtigen COVID-19-Patienten vorbereitet. Trotzdem ist diese
Erkrankung aufgrund der teilweise sehr langen und medizinisch komplexen
Verläufe nicht zu unterschätzen und unterstreicht die Notwendigkeit
spezialisierter Intensivstationen“, so der Medizinische Vorstand des
Dresdner Uniklinikums, Prof. Michael Albrecht.

Hintergrundinformation Remdesivir
Das ursprünglich zur Behandlung von Ebola entwickelte Medikament gilt als
ein mögliches Therapeutikum, um schwere SARS-CoV2-Infektionen zu
behandeln. US-Amerikanische Aufsichtsbehörden haben den begrenzten Einsatz
des Wirkstoffes in Krankenhäusern per Ausnahmegenehmigung freigegeben.
Basis dafür war eine klinische Studie, die nachweisen konnte, dass die
Gabe von Remdesivir bei COVID-19-Patienten die Zeit bis zu einer Genesung
um mehrere Tage verkürzen kann. In Deutschland ist das Mittel innerhalb
eines vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM)
bestätigten Arzneimittel-Härtefallprogrammes zugänglich und wird in
klinischen Studien getestet, an denen sich auch das Universitätsklinikum
Carl Gustav Carus Dresden beteiligt.