Ein derartiger Umbruch wie derzeit stellt die Agrarwirtschaft
vor ungeahnte Herausforderungen. Mit Blick auf Nachhaltigkeit sowie
Klima-, Arten- und Ressourcenschutz ist gar von „Trendumkehr“ und
„Transformation“ die Rede. Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) nimmt
diese umwälzenden Entwicklungen in einer Neuauflage ihrer Reihe
„DBUdigital Online-Salon“ morgen, Freitag, von 14 bis 16 Uhr unter die
Lupe. Hochkarätige Gäste aus Praxis, Politik, Wasserwirtschaft und
Wissenschaft gehen einer Frage nach: Was ist uns eine nachhaltige
Landwirtschaft wert? Wer will, kann sich noch anmelden:
https://www.dbu.de/@DigitalGrueneWoche

Agrarpolitische Debatten rund um die Internationale Grüne Woche

Der morgige DBU-Online-Salon versteht sich überdies als Bereicherung der
agrarpolitischen Debatten rund um die Internationale Grüne Woche (IGW),
die dieses Jahr wegen der Corona-Pandemie erstmals im digitalen Format
stattfindet. Neben Hubertus Paetow, selbst Landwirt und zugleich Präsident
der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG), nehmen Silvia Bender,
die Staatssekretärin im brandenburgischen Ministerium für Landwirtschaft,
Umwelt und Klimaschutz, Prof. Dr. Friedhelm Taube von der Universität Kiel
sowie Prof. Dr. Uli Paetzel, der Präsident der Deutschen Vereinigung für
Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall (DWA), teil. Sophie Zielcke von der
Boston Consulting Group (BCG) wird nach der Begrüßung durch DBU-
Generalsekretär Alexander Bonde einen Impulsvortrag halten.

Studie der Boston Consulting Group zur nachhaltigen Landwirtschaft

Zielcke war an der BCG-Studie „Die Zukunft der deutschen Landwirtschaft
nachhaltig sichern“ vom November 2019 beteiligt. Ein ernüchterndes Fazit:
Die Bäuerinnen und Bauern stehen unter immensem Druck, weil wiederum die
gesamte Agrarwirtschaft einen gewaltigen Spagat bewältigen muss –
einerseits verantwortlich für Nahrungsmittelproduktion und Erhalt der
Kulturlandschaft, andererseits Ursache für externe und von der
Gesellschaft zu tragende Umweltkosten in Höhe von rund 90 Milliarden Euro,
während aber lediglich eine Bruttowertschöpfung der Landwirtschaft von
etwa 21 Milliarden Euro zu Buche schlägt. Und: Verbraucherinnen und
Verbraucher wollen Lebensmittel zu günstigen Preisen, erwarten aber
zugleich einen möglichst geringen ökologischen Fußabdruck seitens der
Landwirtschaft.

„Leistungen für nachhaltiges Wirtschaften honorieren“

„Wenn Landwirtschaft zukunftsfähig bleiben will, müssen wir rechtzeitig
die Weichen dafür stellen“, sagt DBU-Generalsekretär Alexander Bonde. „Wir
brauchen eine Agrarwirtschaft, die die Rentabilität von Betrieben mit
einer nachhaltigen sowie umwelt- und biodiversitätsfreundlichen
Bewirtschaftung verbindet.“ Ziel müsse es sein, „den Umweltschutz in den
Betriebsablauf zu integrieren“. Bonde weiter: „Eine solche Veränderung
kann nur gelingen, wenn Landwirten die gesellschaftlich gewollten
Leistungen für nachhaltiges Wirtschaften honoriert werden.“

Zu enge Fruchtfolgen und zu hohe Nährstoffeinträge

Der Präsident der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) und selbst
Landwirt, Hubertus Paetow, hält eine solche Weichenstellung gleichfalls
für unausweichlich: „Es gibt aus meiner Sicht keinen Zweifel daran, dass
die Landwirtschaft im Bereich der ökologischen Nachhaltigkeit zu negativen
Entwicklungen beigetragen hat. Hier brauchen wir eine Trendumkehr.“ Es
gelte, in der heutigen Landwirtschaft die Praktiken zu identifizieren, die
diese negativen Entwicklungen verursachen – wie etwa zu enge Fruchtfolgen
oder zu hohe Nährstoffeinträge. Aus Paetows Sicht reicht es jedoch nicht,
sich auf den Ökolandbau als Allheilmittel zu fokussieren. Etwas anderes
sei für die Weiterentwicklung der Landwirtschaft „viel wichtiger“. Paetow:
„Wir müssen weg von einem einseitigen Fortschrittsverständnis, bei dem es
allein um Effizienz- und Ertragssteigerung geht – also nur um Erträge und
Kosteneffizienz. Diese Rechnung geht nicht mehr auf.“ Ebenso wichtige
Kriterien für Innovationen seien die Beiträge zu Artenvielfalt, Klima- und
Umweltschutz.

Das Modell einer Gemeinwohlprämie

Friedhelm Taube, Professor für Grünland und Futterbau an der Universität
Kiel und unter anderem mit dem Forschungsschwerpunkt Ökolandbau, plädiert
derweil für ein vom Deutschen Verband für Landschaftspflege (DVL)
entwickeltes Modell einer Gemeinwohlprämie. Denn für eine „unumgängliche
Transformation“ der Agrarwirtschaft bedürfe es finanzieller Anreize. Das
Prinzip des DVL-Modells sei recht einleuchtend. Taube: „Auf Grundlage
einer definierten „sehr guten Landwirtschaft im Einklang mit Umweltzielen“
können Betriebe Ökopunkte sammeln – also etwa für den über die
gesetzlichen Vorgaben hinausgehenden Einsatz bei Artenvielfalt, Klima- und
Umweltschutz.“ So würde man zum Beispiel auch die Nährstoffbilanz bei
Stickstoff und Phosphor berücksichtigen und bemessen. Und ein solches
System müsste laut Taube auch Basis der EU-Agrarpolitik werden. „Denn
eines ist seitens der Wissenschaft lange klar: Die bisherige
milliardenschwere EU-Agrarpolitik mit Direktzahlungen an die Landwirte
mittels Flächenprämien pro Hektar entsprechende Umweltleistung muss ein
Ende haben – spätestens in zehn bis zwölf Jahren“, so der Kieler
Professor.

Ernährungsmuster stehen auf dem Prüfstand

Taube mahnt, „beim Schwenk auf den breit angelegten Transformationspfad“
gehe es nicht nur um die Landwirte. Auch die Konsumseite sei zu
berücksichtigen. „Unsere Ernährungsmuster stehen auf dem Prüfstand.“ Der
Kieler Professor fügt hinzu: „Verbrauch und Verzehr tierischer
Nahrungsmittel müssen drastisch reduziert werden – mindestens um die
Hälfte, wenn wir den Empfehlungen der Ernährungswissenschaftler folgen.“
Daraus folge die „notwendige Reduzierung der Tierhaltung, vor allem bei
Schweinen und Geflügel“. Der auf EU-Ebene anvisierte Europäische Grüne
Deal und die Strategie „Farm to Fork“ („Vom Hof auf den Teller“) gehen
Taube zufolge in diese Richtung. „Beide EU-Vorhaben bedeuten nichts
anderes als die Transformation der Agrarwirtschaft“, so der Kieler
Professor.

Nachhaltige Landwirtschaft als „unverzichtbarer Baustein“

Als „Grundlage für eine gesunde Ernährung“ aber auch als „unverzichtbarer
Baustein“ zum Erreichen der Ziele beim Arten-, Klima- und Gewässerschutz
sieht Silvia Bender eine nachhaltige Landwirtschaft. Wichtig sei zugleich,
die Position der Landwirtschaft in der Wertschöpfungskette zu stärken, so
die Grünen-Staatssekretärin im brandenburgischen Ministerium für
Landwirtschaft, Umwelt und Klimaschutz. „Damit Bäuerinnen und Bauern
angemessene Preise für ihre Produkte erzielen können und nicht als letztes
Glied in der Kette die Brosamen erhalten, die Handel und Verarbeitung nach
ihren ruinösen Preiskämpfen übrig lassen.“ Wie Taube verwies auch Bender
auf das DVL-Modell einer Gemeinwohlprämie als ein geeignetes Mess-
Instrument. Denn perspektivisch müssten alle Agrarzahlungen nach dem
Prinzip „öffentliches Geld für öffentliche Leistungen“ ausgegeben werden.