Erhalt der Biodiversität und Schutz der Artenvielfalt sind nicht nur ein Wert an sich – sondern zugleich die Existenzgrundlage des Menschen. Das zweitägige Online-Forum der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) lotet Chancen und Risiken aus, die bei diesem Ziel die Digitalisierung mit sich bringt. © Guntram Hufler/piclease
Erhalt der Biodiversität und Schutz der Artenvielfalt sind nicht nur ein Wert an sich – sondern zugleich die Existenzgrundlage des Menschen. Das zweitägige Online-Forum der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) lotet Chancen und Risiken aus, die bei diesem Ziel die Digitalisierung mit sich bringt. © Guntram Hufler/piclease

Corona-Pandemie, Klimakrise und die Sorge um Biodiversität: Allein diese weltumspannenden Herausforderungen bedeuten bereits große Bürden für Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft. Zusätzlicher Druck entfaltet ein Faktor, der zunehmend den Alltag der Menschen durchdringt: die Digitalisierung. Ein zweitägiges Online-Forum, veranstaltet von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) und dem Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ), widmet sich einem Aspekt und geht der Frage nach, ob und wie digitale Technologien zum Erhalt der Biodiversität, also der globalen Vielfalt aller lebenden Organismen, Lebensräume und Ökosysteme, beitragen.

Am DBU-Online-Forum „Biodiversität und Digitalisierung“ am 9. und 16. März jeweils von 14 bis 16:30 Uhr nehmen Expertinnen und Experten aus Politik und Forschung teil. Anmeldungen zum Online-Forum sind noch möglich: https://www.dbu.de/@Online-Forum_Biodiversität&Digitalisierung. Nach den Worten von DBU-Generalsekretär Alexander Bonde ist der Schutz der Artenvielfalt neben dem Klimawandel „eine der zentralen Fragen der Zukunft“.  

Bis zu einer Million Arten vom Aussterben bedroht

Wie dramatisch die Lage ist, hatte unter anderem der Weltbiodiversitätsrat IPBES im Mai 2019 verdeutlicht, als er vor dem drohenden Verlust von bis zu einer Millionen Arten weltweit warnte. In dieser Konstellation kann Digitalisierung laut Bonde zu einem „entscheidenden Werkzeug für mehr Umwelt-, Klima- und Artenschutz“ werden. Zwar sei klar, dass digitale Technologien grüner werden müssten, also ressourcenleichter und energieeffizienter. „Aber es geht um weit mehr“, so Bonde. „Biodiversität kann von Digitalisierung profitieren. Diese hilft, Ökosysteme besser zu verstehen sowie Arten und Lebensräume zu erhalten.“ Es komme darauf an, Daten etwa zu Schutzgütern zu generieren, aber auch zu anderen Parametern wie Bodenzustand, Temperatur- und Niederschlagsverläufen. Bonde: „Erst ein solches effektives Monitoring ebnet den Weg für rechtzeitige, geeignete Maßnahmen zum Schutz der Biodiversität.“

„Der Mensch selbst ist ein Element der Natur“

Prof. Dr. Josef Settele vom UFZ, der am DBU-Online-Forum teilnimmt, ergänzt: „Wenn der Mensch es sich weiter leistet, viele Arten zu verlieren, verbaut er sich auch Optionen für eine nachhaltige Zukunft.“ Denn, so Settele: „Der Mensch selbst ist ein Element der Natur. Unsere ganze Ernährung basiert auf Biodiversität. Wir sind lediglich Teil der Nahrungskette. Im Klartext: Wann immer etwas Biodiversität verlorengeht, stirbt zugleich ein Stück Existenzgrundlage.“ Settele, einer der Co-Vorsitzenden des Globalen Berichts des IPBES, warnt: „Die Forschung geht davon aus, dass das Artensterben in den vergangenen 50 Jahren um das 10- bis 100-Fache beschleunigt worden ist – gerechnet auf einen Zeitraum von zehn Millionen Jahren“, sagt der Agrarwissenschaftler. 

Wie wirtschaften und konsumieren wir?

Als wesentliche Treiber für den schleichenden Artenverlust sieht Settele neben der direkten Ausbeutung von Umwelt und Natur die Art der Landnutzung. Hinzu kämen Klimawandel und Umweltverschmutzung. „Die Hauptrolle spielen indirekte Treiber, die mit unserem Wertesystem zu tun haben – und solchen Fragen: Wie wirtschaften wir? Wie konsumieren wir?“, sagt Settele. Die Digitalisierung spiele dabei eine „wichtige Rolle“. Sie biete sich als nützliches Instrument etwa beim precision farming an. „Eine nachhaltige Landnutzung würde zum Beispiel davon profitieren, wenn mittels digitaler Tools bei der Unkrautbekämpfung weniger Herbizide eingesetzt werden oder es zu geringerer Umweltbelastung kommt“, so Settele. „Beim Erhalt der Biodiversität hängt viel davon ab, mit Digitalisierung Forschung voranzutreiben und negative Folgen für die Artenvielfalt zu vermeiden“, so Settele.

Engagement von ehrenamtlichen Naturschützerinnen und Naturschützern

Wolfram Günther, Sachsens Staatsminister für Energie, Klimaschutz, Umwelt und Landwirtschaft, ist am 16. März live beim DBU-Online-Forum zu Gast und sieht ebenfalls großes Potenzial in der Digitalisierung: „Die Auswertung von Satellitendaten, DNA-Nachweise in Proben oder die digitale Aufzeichnung etwa von Fledermausrufen eröffnen dem Naturschutz viele neue Möglichkeiten – genauso wie digitale Geodatenbanken, mit denen sich Zielkonflikte zwischen Flächennutzungen schneller und transparenter steuern lassen.“ Artenschutz müsse „überall dort gedacht und umgesetzt werden, wo Flächen genutzt werden. Eines ist für Günther auch klar – trotz Digitalisierung: „Wirksamer Naturschutz braucht weiterhin das analoge Engagement von Verbänden, Vereinen und den vielen ehrenamtlichen Naturschützerinnen und Naturschützern.“

„Mutiger Weg“ der EU-Kommissionspräsidentin

Biologin Karin Zaunberger, ebenfalls beim DBU-Online-Forum dabei, arbeitet im Referat Biodiversitätsschutz der EU-Kommission und formuliert das so: „Die jungen Leute in der Fridays-for-Future-Bewegung haben es begriffen: Wir brauchen einen systemischen Wandel. Unser Wirtschaften darf nicht weiter zur Naturzerstörung beitragen.“ Digitalisierung sei „ein wunderbares Instrument, aber ihre Richtung muss kanalisiert werden – ansonsten besteht die Gefahr, dass die Fortschritte zulasten der Biodiversität gehen.“ Und: Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen habe mit dem europäischen Grünen Deal einen „mutigen Weg“ eingeschlagen. Maßstab etwa für Wirtschaft sei nicht mehr allein das Kriterium „Wachstum“, so Zaunberger. Es sei höchste Zeit, „Abschied von diesem Mantra“ zu nehmen. Zaunberger: „Noch ist die Wirtschaft zu sehr gepolt auf kurzfristigen Profit. Aber das ist ein zu enges Paradigma. Das Bruttoinlandsprodukt ist eine Maßzahl, die viel außen vorlässt.“