Regional

Friedhofskultur

Am Sonntag, 20. September, ist der Tag des Friedhofs. Diesmal ist der Tag noch ein wenig spezieller als sonst, denn Anfang des Jahres ist die Friedhofskultur in Deutschland offiziell von der UNESCO zum Immateriellen Kulturerbe ernannt worden. Täglich kommen zahlreiche Menschen auf die Bochumer Friedhöfe, aus ganz unterschiedlichen Gründen. Dabei wird nicht nur getrauert und erinnert: Menschen kommen, um Gräber zu gestalten und zu pflegen, andere, um sich eine kleine Auszeit vom Alltag zu nehmen, und wiederum andere, um zu arbeiten. Der Friedhof ist also ein Ort, an dem gelebt wird, und der zu unseren Städten ganz selbstverständlich dazugehört.

 

Mit der Verleihung des Titels „Immaterielles Kulturerbe“ im März diesen Jahres will die UNESCO bewusstmachen, welchen Wert der Kulturraum Friedhof für die Menschen und die Gesellschaft hat. Er ist nämlich weit mehr als ein Ruheort für die Verstorbenen: Die Friedhofskultur ist eine tragende Säule unseres kulturellen Selbstverständnisses und erfüllt im öffentlichen Zusammenleben viele soziale Funktionen. Friedhöfe geben der Erinnerung einen Ort, sie sind auch gestaltete Parkanlagen, auf denen sich so viele Denkmäler und Skulpturen finden wie sonst nirgends, außerdem sind sie Lebensraum für viele Pflanzen und Tiere. Über Generationen entstandene Trauerrituale helfen, mit dem Verlust von Menschen zurechtzukommen. Vor allem aber ist die Friedhofskultur ein eindrucksvoller Spiegel der Gesellschaft, der wie ein Seismograph die Veränderung unseres Lebensumfelds sichtbar macht. So wirken sich gesellschaftliche Veränderungen wie die Abkehr von klassischen Partner- und Familienstrukturen, die wachsende Mobilitätsanforderung der Wirtschaft, die Sehnsucht nach einem Leben in Einklang mit der Natur, der demografische Wandel, wachsende Individualisierungswünsche bis hin zu steigender Preissensibilität auch sichtbar auf die Nachfrage und Gestaltung der Gräber aus.

 

Die Abkehr von klassischen Partner- und Familienstrukturen ist auch auf dem Friedhof Weitmar erkennbar. Die erste Beisetzung im Jahr 1925 fand, wie damals üblich, im Sarg und in einer Familiengrabstätte statt. In den letzten fast 100 Jahren hat sich das Grabartenangebot auf diesem Friedhof stark ausdifferenziert und neben der Sargbestattung im Wahl- oder Reihengrab ist es mittlerweile möglich, zwischen elf verschiedenen Grabformen für die Beisetzung von Särgen und Urnen zu wählen.

 

Auf die Nachfrage nach Urnengräbern und pflegefreien Grabformen oder dem Wunsch nach einer naturnahen Bestattung unter Bäumen hat die Stadt reagiert. In Weitmar sieht man dies an dem neuen Angebot der naturnahen Urnenbeisetzung als Einzel- oder Partnergrab sowie an den Rasengräbern mit Gestaltungsoption sowohl für Erd-  als auch für Urnenbestattungen. Nicht zuletzt erfreuen sich Kolumbarien seit Jahren einer steigenden Beliebtheit. Im Jahr 2019 erfolgten bereits 84 Prozent aller Beisetzungen als Urnenbegräbnis – bei steigender Tendenz.

 

Durch die neuen Grabarten stieg die Beisetzungszahl wieder auf ein derart stabiles und hohes Niveau an, dass zahlreiche Felder und Flächen, die eigentlich aus der Nutzung für Beisetzungen genommen werden sollten, perspektivisch wieder für den Beisetzungszweck erhalten werden können und der Friedhof Weitmar-Heinrich-König in seiner Funktion als Beisetzungsort auch weiterhin Zeugnis der Geschichte des Stadtteiles und der Stadt Bochum geben wird.

 

Eckdaten zum Friedhof Weitmar Heinrich König:

 

1925: Gründung durch die Gemeinde Weitmar

1925: Erste Beisetzung (Friedrich Adam Gorka, A2 37-38)

1926: Eingemeindung zur Stadt Bochum

1926-46: Belegung erstes Reihengrabfeld Sarg (Feld C2)

1946.03.27: Beisetzung Heinrich König

1952: Bau der Kapelle, Fenstergestaltung Egon Becker

1956: erste Erweiterung

1967-68: zweite Erweiterung

1976: Errichtung Gedenkstein für Heinrich König

1977: Planung der Anlage für Kriegstote

1978: Zusammenlegung der Kriegstoten von versch. Feldern

1980: Erweiterung der Anlage für Kriegstote (371 m2, 122 Tote)

1995 und 1997: teilweise Sperrung des alten Friedhofsteiles für Wiederbelegung

2004: Kapelle wird unter Denkmalschutz gestellt