Das Vereinigte Königreich hat sich für die Aushandlung eines
Freihandelsabkommens in eine starke Position gegenüber der EU gebracht.
Zum einen ist die jetzt gültige Rückfalllösung im Falle keines
Freihandelsabkommens für die EU deutlich teurer, als der Backstop von
Theresa May es gewesen wäre. Zum anderen hat London für die Zeit nach dem
endgültigen Ausscheiden eine kluge Zollstrategie vorgelegt, die die EU
unter Druck setzt.

„Nach dem Ausscheiden aus der Europäischen Union wird Großbritannien nur
auf wenige Produkte Zölle erheben. Diese sind so schlau gewählt, dass sich
das Land gleichzeitig die Versorgung durch günstige Importe aus
Drittländern sichert, trotzdem hohe Zolleinnahmen verzeichnet und
Exporteure aus der EU besonders betroffen wären“, sagte IfW-Präsident
Gabriel Felbermayr anlässlich einer gemeinsamen Analyse mit den IfW-
Forschern Alexander Sandkamp und Vincent Stamer. „Großbritannien hat sich
damit in eine starke Verhandlungsposition für ein Freihandelsabkommen mit
der EU gebracht.“

Demnach will das Vereinigte Königreich nach dem endgültigen Ausscheiden
aus der Europäischen Union nur auf knapp 800 Produkte Abgaben erheben. Das
sind nur 4,8 Prozent aller 16.000 Produkte der EU-britischen Zollliste.
Auf mehr als 95 Prozent der Waren würden keine Zölle erhoben. Bezogen auf
den Warenwert liegt der Durchschnittszoll auf Importe in das Vereinigte
Königreich dann nur bei 1,2 Prozent. Damit erhebt Großbritannien deutlich
geringere Zölle als die EU, die rund 80 Prozent aller Produkte mit Zöllen
belegt, bezogen auf den Warenwert liegt der Durchschnittszoll bei 3
Prozent.

Dennoch würde Großbritannien damit Zolleinnahmen von Ländern außerhalb der
EU von 1,4 Milliarden Euro generieren, weil vor allem volumenstarke
Produkte aus den Bereichen Automobil und Textilien betroffen sind.
Aufgrund der spezifischen Handelsstruktur wären Exporteure aus der EU
besonders betroffen und müssten ohne ein Freihandelsabkommen 4,9
Milliarden Euro an Zöllen an das Vereinigte Königreich abführen. Verlieren
europäische Exporteure dadurch Marktanteile in Großbritannien, verursacht
dies einen spürbaren wirtschaftlichen Schaden in der EU.

„Großbritannien setzt die EU durch seine Zollstrategie unter Druck. Nach
dem Ausscheiden aus der EU wird das Königreich als Handelspartner für
andere Länder attraktiver. Europäische Exporteure bekommen deutlich mehr
Konkurrenz, dies ist ein starker Anreiz für die EU, ein
Freihandelsabkommen mit den Briten zustande zu bringen“, so Felbermayr.

Zusätzlicher Erfolgsdruck für die EU besteht durch die komplexe
Rückfalllösung, die sie mit Boris Johnson vereinbart hat, sollte kein
Freihandelsabkommen gelingen. „Nordirland ist in diesem Fall faktisch
gleichzeitig Teil des britischen Zollgebiets und Teil des europäischen
Binnenmarktes“, fügt Co-Autor Stamer hinzu. „Die EU ist dann zur Wahrung
ihrer Interessen auf die britische Zollbehörde angewiesen, die sie nicht
kontrollieren kann. Im Vergleich zur May-Lösung und dem Backstop, der
einen Verbleib Großbritanniens in der EU-Zollunion vorgesehen hatte, ist
die Johnson-Lösung deutlich teurer, bürokratisch extrem aufwendig und es
droht massiver Betrug.“

Die EU muss nach dem Brexit sowohl auf britische Mitgliedsbeiträge in Höhe
von 6,8 Milliarden Euro als auch auf ihre bisherigen Zolleinnahmen durch
Importe aus Drittländern nach Großbritannien verzichten, aufgrund der
höheren Zollsätze sind dies aktuell 3,7 Milliarden Euro, abzüglich der
Kosten der Zollbehörden. Ohne Abkommen müssten Exporteure aus
Großbritannien 6,7 Milliarden Euro an Zöllen an die EU abführen.

Zur vollständigen Analyse: https://www.ifw-
kiel.de/fileadmin/Dateiverwaltung/Media/Images/News_Press_Releases/2020/draft_brexit_kpb_gf.pdf