Rettungskredite_Bilateral and multilateral lending
Rettungskredite_Bilateral and multilateral lending

Weltweit könnte die Kreditvergabe zwischen Staaten zur Bewältigung der
Corona-Krise Rekordhöhen erreichen, die die riesigen internationalen
Finanzhilfen nach 2008 noch übersteigen. Der geplante 750 Mrd. Euro
Corona-Wiederaufbaufonds der Europäischen Union wäre historisch gesehen
gängige Praxis, gerade zwischen eng verflochtenen Staaten. Dies geht aus
einer empirischen Analyse der beiden IfW-Forscher Christoph Trebesch und
Sebastian Horn mit der neuen Weltbank-Chefökonomin Carmen Reinhart hervor,
in der sie Geldflüsse zwischen Staaten von 1790 bis heute ausgewertet
haben.

„Wenn internationale Kapitalmärkte einfrieren, sind in der Geschichte sehr
oft die Staaten bzw. öffentliche Gläubiger wie der Internationale
Währungsfonds IWF eingesprungen. Das erleben wir auch jetzt bei der
Corona-Krise wieder, wo bereits mehr als 100 Länder beim IWF nach Hilfen
angefragt haben. Wir stehen vor einem neuen starken Anstieg von
internationalen Rettungskrediten“, sagte IfW-Forscher Christoph Trebesch,
der das Forschungszentrum International Finance leitet.

Laut Analyse leihen sich Staaten untereinander vor allem in Krisenzeiten
sehr hohe Geldbeträge, die Summen belaufen sich oftmals auf ein Vielfaches
dessen, was in privaten Märkten international transferiert wird. Besonders
die Hilfen in Kriegszeiten und globalen Finanzkrisen sind enorm. „Weder
das geplante Hilfspaket der EU in Höhe von 750 Mrd. Euro zur Bewältigung
der Corona-Krise noch die Griechenland-Kredite sind im historischen
Vergleich ungewöhnlich“, so Trebesch.

Rettungssummen in der Corona-Krise könnten Rekorde brechen

Während des Ersten Weltkriegs flossen internationale Hilfen in Höhe von 12
Prozent des Bruttosozialprodukts (BIP) der USA, während des Zweiten
Weltkriegs in Höhe von 10 Prozent, dies entspräche heute zwei Billionen
US-Dollar. Während der globalen Finanzkrise lagen die internationalen
Hilfen bei rund fünf Prozent des US-BIPs.

Trebesch: „Die weltweiten Rettungssummen in der Corona-Krise könnten
Rekorde brechen und die zwischenstaatlichen Finanzhilfen während der
Eurokrise übertreffen. Bereits jetzt schießen die Nothilfen des IMF und
der Weltbank in die Höhe, ebenso liegen die Devisentauschgeschäfte der
amerikanischen Notenbank FED zur Bereitstellung von Dollar-Liquidität,
sogenannte Swap Lines, mit 400 Mrd. US-Dollar auf Rekordniveau. Aber noch
ist unklar, wie viele Kredite am Ende tatsächlich fließen werden. An die
enormen internationalen Transfers während der Weltkriege werden wir wohl
nicht herankommen, denn diese entsprächen heute 2.000 Milliarden Dollar
pro Jahr.“

In globalisierter Welt helfen Rettungskredite auch Geberland

Die Studie zeigt eine empirische Regelmäßigkeit auf: Je stärker zwei
Länder wirtschaftlicher integriert sind, desto eher beobachtet man
gegenseitige Rettungskredite in Krisenzeiten. Dies ist nicht nur heute so,
sondern lässt sich auch schon im 19. Jahrhundert beobachten. „In einer
globalisierten Welt ist die Finanzkooperation zwischen Staaten nicht
überraschend“, so Trebesch. „Rettungskredite können für beide Seiten
Vorteile haben. Im Krisenland wird die Situation stabilisiert, aber dies
hilft auch der Wirtschaft des Geberlands, insbesondere den im Ausland
aktiven Exporteuren und Banken.“

Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nahmen die Geldflüsse
zwischen Staaten systematisch zu. Gründe sind die Institutionalisierung
des zwischenstaatlichen Geldverkehrs durch den IMF, die Weltbank und auch
viele regionale Entwicklungsbanken und Rettungsfazilitäten, wie zum
Beispiel der Europäische Stabilisierungsfonds. Außerdem hat sich China zu
einem sehr großen staatlichen Kreditgeber entwickelt. Nach einer Analyse
des IfW (https://www.ifw-kiel.de/de/publikationen/medieninformationen/2019
/china-vergibt-viel-mehr-auslandskredite-als-bislang-bekannt/
) schuldete
die übrige Welt China (Stand 2017) mehr als fünf Billionen US-Dollar.
Während die Kredite für Militär und Kriegsfinanzierung in der Bedeutung
abnahmen, wurden sie vermehrt für Hilfsprogramme in Finanzkrisen und zur
Entwicklungsförderung vergeben.

Trebesch kritisiert, dass die Kreditvergabe zwischen Staaten größtenteils
intransparent abläuft. „Es gab bisher kaum belastbare Daten, offenbar
haben Regierungen häufig kein Interesse daran, offenzulegen, wem sie Geld
leihen und was zurückgezahlt wird, obwohl es sich ja um steuerfinanzierte
Kredite handelt“, so Trebesch.