Die Psychologie perfekter Produkte
Egal, wie innovativ die Technik ist: Wenn die Menschen sich mit einem
neuen Produkt nicht wohlfühlen, wird es am Markt scheitern. Prof. Dr.
Alisa Lindner ist darauf spezialisiert, Technik und menschliche
Bedürfnisse zusammenzubringen. Seit dem Sommersemester forscht und lehrt
sie im Master-Studiengang „Autonomes Fahren“ am Studienort Kronach der
Hochschule Coburg.
Technischer Fortschritt hat immer eine psychologische Seite: „Auf der
Autobahn automatisiert fahren – das klingt erst mal cool: Ich kann Zeitung
lesen oder schlafen“, sagt Prof. Dr. Alisa Lindner. „Aber möchte das der
Fahrer oder die Fahrerin überhaupt? Und fühlen sie sich sicher genug?“
Solche Fragen sind ihr Thema im Master-Studiengang „Autonomes Fahren“: Wie
übergibt der Mensch an ein automatisches System? Wie übernimmt er wieder?
Und wie lange braucht er dafür? Lindner ist Psychologin und einer ihrer
Schwerpunkte ist User Experience Design, zu Deutsch etwa: nutzerzentrierte
Produktentwicklung. In der Automobilindustrie hat sie mehrere Jahre
Erfahrung darin gesammelt, die Wünsche von Kundinnen und Kunden mit neuen
technischen Möglichkeiten zu verknüpfen.
Jetzt geht es um autonome Fahrzeuge: Sie benötigen aus technischer Sicht
weder Gas- noch Bremspedal. Auch das Lenkrad ist ersetzbar. Aber wie würde
es sich anfühlen, hinterm Steuer zu sitzen – ohne Steuerrad? Welche
Alternativen passen zu dem, wie wir das Fahren gelernt haben? Jeder hat
ein Bild davon, wie Autos aussehen. „Und jetzt kommen wir und sagen: Wir
machen das anders.“ Die Professorin erklärt, worauf es ankommt, damit das
funktioniert: „Ich muss immer auch überlegen, was die Menschen erwarten.
Letztlich: Wofür sind sie bereit, Geld auszugeben?“
Lindner hat Psychologie mit Schwerpunkt Arbeits- und Ingenieurpsychologie
an der Technischen Universität Darmstadt und der University of
Hertfordshire in England studiert. Promoviert hat sie mit Daimler am
Institut für Arbeitswissenschaften (iad) des Fachbereichs Maschinenbau der
TU Darmstadt. Bevor sie als Professorin für den neuen Studiengang an die
Fakultät Maschinenbau und Automobiltechnik der Hochschule Coburg berufen
wurde, war sie Projektleiterin und User Experience Designerin in der
zentralen Forschung und Entwicklung bei der Robert Bosch Automotive
Steering GmbH. „In der Industrie sind die Aufgaben so unterschiedlich, und
deshalb ist es einfach wichtig, dass man seine Arbeit aus verschiedenen
Blickwinkeln hinterfragen kann. Wir brauchen mehr Ingenieure, die über den
Tellerrand schauen.“
Andere Blickwinkel
Von Anfang an lernen die Studierenden im Master Autonomes Fahren, sich
auszutauschen: Sie arbeiten in Projektteams an verschiedenen Produktideen.
Wenn sie fragen: „Sollen wir das so oder so machen?“, bekommen sie zur
Antwort: „Entscheidet das selber, überlegt euch gemeinsam, was Sinn
ergibt.“ Die Lehrenden in Kronach verstehen sich als Coaches. „Es gibt
auch keinen festen Stundenplan.“ Lindner lacht: „Es ist wie im echten
Leben: Man organisiert sich über Outlook-Termine. Die Studierenden lernen,
Verantwortung zu tragen.“ In diesem Semester ist der Studiengang am Lucas-
Cranach-Campus gestartet, aber für Lindner ist nicht alles neu. Die Region
kennt sie bereits sehr gut: Die Professorin, Jahrgang 1989, ist im
Landkreis Coburg aufgewachsen.
