Die Zukunft des Kabeljaus verstehen
Die Fischerei legt Fangmengen des beliebten Speisefischs ein Jahr im
Voraus fest. Langfristige Einflüsse wie veränderte Wassertemperaturen
werden dabei bisher nicht berücksichtigt. In einem internationalen Projekt
haben Forscher vom Helmholtz-Zentrum Hereon jetzt ein Rechenmodell
entwickelt, das die Zukunft des Kabeljaus erstmals ganze zehn Jahre im
Voraus abschätzen kann – und dabei sowohl die Fischerei als auch das Klima
berücksichtigt. Der Fischereiwirtschaft steht damit ein ganz neues
Planungswerkzeug zur Verfügung. Die Studie ist bei Nature Communications
Earth and Environment erschienen.
Die Zukunft der Kabeljau-Bestände in der Nordsee und in der Barentssee
lässt sich künftig möglicherweise deutlich besser vorhersagen als bisher.
Das ist das Ergebnis eines internationalen Forschungsprojektes unter der
Leitung des Helmholtz-Zentrums Hereon. Dem Team ist es erstmals gelungen,
die Entwicklung der Bestände für zehn Jahre im Voraus vorherzusagen und
dabei sowohl die Veränderungen durch den Klimawandel als auch die
Fischerei zu berücksichtigen. Traditionell geben Fischereiexperten für
etwa ein Jahr im Voraus Fangempfehlungen, auf deren Grundlage die
Fischereiquoten international verhandelt und festgesetzt werden. Dazu wird
zunächst die Größe der aktuellen Kabeljau-Bestände abgeschätzt und
anschließend berechnet, wie viel Kabeljau im kommenden Jahr gefangen
werden kann, um die Bestände optimal zu nutzen und nicht zu gefährden. Die
klimatischen Veränderungen von Wassertemperatur, Zirkulation und
Vermischung, die einen entscheidenden Einfluss auf die Vermehrung des
Kabeljaus haben, gehen in diese Vorhersage nicht ein, so dass sich die
Entwicklung der Bestände nur kurzfristig vorhersagen lässt.
Warme Nordsee macht Stress
Wie die Experten um die Klima-Modellierer Vimal Koul und Corinna Schrum
vom Hereon-Institut für Küstensysteme – Analyse und Modellierung jetzt im
Fachmagazin Nature Communications Earth and Environment schreiben, haben
sie in ihren Berechnungen erstmals die Temperatur berücksichtigt. Für die
Nordsee sagt die Klimavorhersage weiterhin Temperaturen auf hohem Niveau
voraus, so dass sich die Kabeljau-Bestände kaum erholen oder frühere
Größen erreichen werden. Insofern ist von gleichbleibend geringen
Fangmengen auszugehen. Besser sieht es für die Barentssee aus: Hier lassen
sich Bestände nachhaltig bewirtschaften.
Für die Forscher bestand die Herausforderung darin, dass Klimamodelle
nicht ausrechnen konnten, wie viel Fisch es künftig in den Meeren gibt.
Sie lieferten lediglich Informationen über die zu erwartenden
Temperaturen. „Wir mussten also zunächst ein Modell entwickeln, das die
Temperatur zu den Fischmengen in Beziehung setzt“, sagt Erstautor der
Studie Vimal Koul. Berücksichtigt wurde dabei unter anderem die
Meerestemperatur im Nordatlantik. Anschließend konnten die Forscher ihr
Vorhersagemodell laufen lassen. Das Modell startet mit den heutigen
Bedingungen – den aktuellen Temperaturen und dem aktuellen Kohlendioxid-
Gehalt der Atmosphäre - und kann dann berechnen, wie sich die Situation
mit steigenden Kohlendioxid-Konzentrationen verhält. Die künftigen
Temperaturen, die es berechnet, werden dann in die zu erwartenden
Fischmengen und Bestandsgrößen übersetzt. Um zu prüfen, wie zuverlässig
das Modell arbeitet, wurde es zunächst mit realen Fischdaten von den
1960er-Jahren bis heute verglichen. Wie sich zeigte, war es in der Lage,
für die Zehnjahreszeiträume seit den frühen 1960ern die Fischbestände
korrekt abzuschätzen. Insofern können die Forscher um Vimal Koul davon
ausgehen, dass auch der aktuelle Blick in die kommenden zehn Jahre stimmig
ist.
Intensität der Fischerei berücksichtigt
Interessant an der Studie ist auch, dass das Team aus Forschenden der
Klimamodellierung, Fischereibiologie und Ozeanographie vier verschiedene
Fischerei-Szenarien berücksichtigt. Damit konnten die Forscher bestimmen,
wie es den Kabeljau-Beständen gehen wird, wenn sie unterschiedlich stark
befischt werden – von intensiv bis nachhaltig. Insofern sind die
Ergebnisse der aktuellen Studie sehr praxisnah. „Die Zehnjahresschätzungen
werden der Fischereiwirtschaft künftig dabei helfen, die Fangmengen besser
zu planen – damit die Kabeljaubestände trotz veränderten Klimas nachhaltig
und schonend befischt werden“, sagt Koul. Auch könnte die neue
Zehnjahresvorhersage Fischereiunternehmen bei der Strategieplanung helfen,
indem es eine sichere Grundlage für Investitionen in neue Schiffe oder
Verarbeitungsanlagen schafft.
