Kann die Gefleckte Schnarrschrecke auch in Hamburg wieder heimisch werden?
Die Gefleckte Schnarrschrecke ist in weiten Teilen Deutschlands
ausgestorben, so auch in Hamburg. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler
des Leibniz-Instituts zur Analyse des Biodiversitätswandels (LIB) am
Standort Hamburg haben die Gründe für den Rückgang einer der seltensten
Insektenarten Deutschlands untersucht. Sie stellten fest, dass diese Art
unempfindlich gegenüber der Klimaerwärmung ist und gezielte Maßnahmen zum
Schutz ihrer Lebensräume ein Comeback ermöglichen könnten.
Die Gefleckte Schnarrschrecke (Bryodemella tuberculata) gehört mit
stattlichen vier Zentimetern Länge, leuchtend roten Hinterflügeln und dem
charakteristischen Schnarren, das sie im Flug erzeugt, zu den
auffälligsten Heuschrecken in Deutschland. Während die Art in weiten
Teilen Asiens verbreitet ist, kommt sie in Mitteleuropa äußerst selten
vor. Die Studie zum Vorkommen der Schrecke wurde nun in der
Fachzeitschrift „Biodiversity and Conservation“ veröffentlicht.
Lara-Sophie Dey, Doktorandin an der Universität Hamburg und Leiterin der
Studie, hat 380 Objekte analysiert, die sie selbst gesammelt hat oder die
in den vergangenen 150 Jahren in naturkundlichen Museen Europas und Asiens
hinterlegt wurden. Sie stellt fest: „Früher war die Gefleckte
Schnarrschrecke in Mitteleuropa weit verbreitet. Im Verlauf der letzten
100 Jahre sind jedoch die meisten Populationen ausgestorben." Die Art war
zum Beispiel in der Lüneburger Heide häufig zu beobachten und wurde auch
in Hamburg nachgewiesen, wo genau geht allerdings aus den historischen
Museumsdaten nicht hervor.
In den Oberläufen der in den Alpen entspringenden Flüsse Isar und Lech
findet die Schnarrschnecke in Deutschland ihre letzten Rückzugsorte. Doch
auch dieses Lebensumfeld in den letzten verbliebenen Wildflusslandschaften
Deutschlands verändert sich. Haben früher die alljährlichen Hochwasser
nach der Schneeschmelze große Bereiche der Talaue durch Abtrag der
Vegetation und Umlagerung des Kiesbetts offengehalten, bleibt die reißende
Flut inzwischen häufig aus. Oliver Hawlitschek, Laborleiter am Hamburger
Standort des Leibniz-Instituts zur Analyse des Biodiversitätswandels (LIB)
beobachtet: „Leider führt die Änderung der Abflussdynamik durch die
Abführung von Wasser zur Energiegewinnung im Walchenseekraftwerk seit
Jahrzehnten zum unerwünschten Aufwuchs von Vegetation auf dem Kiesbett.
Dieser für Mitteleuropa fast einzigartige Lebensraum droht dadurch
verloren zu gehen."
Die Forscherinnen und Forscher untersuchten nun, ob dieser Rückgang
vornehmlich eine Reaktion auf den Klimawandel ist oder andere Ursachen
hat. Dazu haben sie Computermodelle der ökologischen Nische der Gefleckten
Schnarrschrecke berechnet. Wäre der Klimawandel die Hauptursache des
Aussterbens, wären gezielte Schutzmaßnahmen für einzelne Populationen nur
bedingt effektiv.
Es zeigt sich aber: Die Art war in Mitteleuropa in Gebieten ausgestorben,
die nahezu optimale klimatische Bedingungen boten, während sie in Teilen
Asiens auch in weitaus weniger günstigen Klimazonen überleben kann. Martin
Husemann, Heuschreckenspezialist und Kurator für Insekten am LIB-Standort
Hamburg, schließt daraus: „Wir stellen fest, dass das Aussterben einzelner
Populationen der Schnarrschrecke stets lokale Lebensraumveränderungen zur
Ursache hatte. Daraus schließen wir, dass gezielte Schutzmaßnahmen für
diese Populationen auch in Zeiten des beschleunigten Klimawandels weiter
sehr wichtig sind."
Eine weitere gute Nachricht: Durch Naturschutzmaßnahmen haben einstige
Lebensräume der Gefleckten Schnarrschrecke, so zum Beispiel die Lüneburger
Heide, ihren ursprünglichen Zustand wiedererlangt. Vielleicht kann diese
Heuschrecke, die zu Deutschlands seltensten Insektenarten gehört, in naher
Zukunft auch dort wieder heimisch werden.
Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Lara-Sophie Dey
Leibniz-Instituts zur Analyse des Biodiversitätswandels (LIB)
Zoologisches Museum Hamburg
Martin-Luther-King-Platz 3
20143 Hamburg
+4915786350340
Dr. Oliver Hawlitschek
Leibniz-Instituts zur Analyse des Biodiversitätswandels (LIB)
Zoologisches Museum Hamburg
Martin-Luther-King-Platz 3
20143 Hamburg
oliver.hawlitschek@uni-hamburg
+491709036994
Originalpublikation:
Dey, LS., Simões, M.V.P., Hawlitschek, O., Sergeev M.G., Xu S.Q.,
Lkhagvasuren D., Husemann M. (2021) Analysis of geographic centrality and
genetic diversity in the declining grasshopper species Bryodemella
tuberculata (Orthoptera: Oedipodinae). Biodiversity and Conservation.
https://doi.org/10.1007/s10531
