Wissenschaftler der Universitätsmedizin Mainz entdecken neuen Therapieansatz für COVID-19
Patentübertragungsvereinbarung mit ARCA biopharma abgeschlossen
Ein Forscherteam der Universitätsmedizin Mainz hat einen neuen Ansatz zur
medikamentösen Behandlung von SARS-CoV-2-Infektionen entdeckt. Die
Wissenschaftler konnten zeigen, dass das gerinnungshemmende Protein rNAPc2
(recombinant Nematode Anticoagulant Protein c2) eine vielversprechende
Behandlungsoption bei schweren COVID-19-Verläufen darstellt. Der Wirkstoff
wirkt direkt auf die Blutgerinnung und hat das Potenzial,
Gerinnungsstörungen und damit einhergehende Entzündungen bei SARS-
CoV-2-Infektionen zu verhindern. Diese scheinen eine zentrale Rolle für
die Prognose von COVID-19-Patienten zu spielen.
Ausgehend von den Forschungsergebnissen zu rNAPc2 hat die
Universitätsmedizin Mainz jetzt eine Patentübertragungsvereinbarung mit
dem Wirkstoffinhaber ARCA biopharma abgeschlossen, die mögliche Einnahmen
mit einem Gesamtvolumen in siebenstelliger Höhe erwarten lässt.
„Die Forschung zum Einsatz von rNAPc2 bei COVID-19 zeigt einmal mehr, dass
die Universitätsmedizin Mainz Keimzelle für wegweisende wissenschaftliche
Erkenntnisse ist. Neben den Grundlagen für den COVID-19-Impfstoff von
BioNTech wurde in Mainz jetzt auch die Basis für eine neue,
erfolgversprechende medikamentöse Behandlungsmöglichkeit geschaffen“,
betont Univ.-Prof. Dr. Ulrich Förstermann, Wissenschaftlicher Vorstand und
Dekan der Universitätsmedizin Mainz.
Im Rahmen der vertraglichen Vereinbarung mit der Universitätsmedizin Mainz
erhält das US-Biotechunternehmen ARCA biopharma die weltweiten
Patentrechte für die Verwendung von rNAPc2 als potenzielle Therapie bei
COVID-19. „Wir freuen uns, durch unsere Kooperation mit ARCA biopharma die
Entwicklung von rNAPc2 für die klinische Anwendung weiter voranzutreiben
und damit einen wichtigen Beitrag im Rahmen der Eindämmung der
Pandemiefolgen leisten zu können“, kommentiert PD Dr. Christian Elsner,
Kaufmännischer Vorstand der Universitätsmedizin Mainz.
Der Vertrag beinhaltet Vorab- und Meilensteinverpflichtungen für ARCA
biopharma, die sich auf bis zu rund 1,6 Millionen Euro belaufen. Hinzu
kommen Lizenzgebühren an die Universitätsmedizin Mainz, sobald rNAPc2 die
Zulassung für die Behandlung von COVID-19-Patienten erhält und vermarktet
wird.
„Bereits zu Beginn der SARS-CoV-2-Pandemie hat es Hinweise auf ein
deutlich erhöhtes Risiko für die Bildung von Blutgerinnseln vor allem bei
Patienten mit schweren COVID-19-Verläufen gegeben“, berichtet Univ.-Prof.
Dr. Wolfram Ruf, Wissenschaftlicher Direktor des Centrums für Thrombose
und Hämostase (CTH) der Universitätsmedizin Mainz, der die Untersuchungen
an der Universitätsmedizin Mainz geleitet hat. Die häufige
Thrombosebildung bei den Betroffenen beruhe auf einer erhöhten
Gerinnungsfähigkeit des Blutes. Diese sogenannte Hyperkoagulation werde
auf eine entzündliche Reaktion (Inflammation) im Zuge der SARS-
CoV-2-Infektion zurückgeführt.
„Die thrombo-inflammatorischen Prozesse bei COVID-19 waren Ausgangspunkt
für unsere Forschung mit dem Wirkstoff rNAPc2“, erläutert Ruf. rNAPc2
greift direkt in die frühen Prozesse der Blutgerinnung ein, indem es den
sogenannten Tissue Factor (Gewebefaktor) hemmt. Beim Tissue Factor handelt
es sich um ein Protein, das die Blutgerinnung aktiviert und eine zentrale
Rolle bei der Entzündungsreaktion im Rahmen von Virusinfektionen und bei
der Virusverbreitung spielt. Damit unterscheidet sich der Wirkmechanismus
von rNAPc2 grundlegend von der Wirkweise, des bisher zur
Thromboseprophylaxe bei COVID-19-Patienten eingesetzten Gerinnungshemmers
Heparin. Als sogenanntes indirektes Antikoagulans stimuliert Heparin die
Wirkung des körpereigenen, gerinnungshemmenden Proteins Antithrombin und
hemmt damit die späteren Phasen der Blutgerinnung.
Frühere klinische und präklinische Untersuchungen, unter anderem für den
Einsatz bei der Ebola-Infektion, weisen darauf hin, dass rNAPc2 neben der
gerinnungshemmenden Wirkung auch über entzündungshemmende und antivirale
Eigenschaften verfügt.
Seit Dezember 2020 wird der Wirkstoff in einer internationalen,
multizentrischen klinischen Phase 2b-Studie von ARCA biopharma bei
stationär behandelten COVID-19-Patienten mit erhöhten Blutgerinnungswerten
untersucht. Dabei soll herausgefunden werden, ob durch eine Behandlung mit
rNAPc2 Thrombosen besser verhindert werden können als durch die
Standardtherapie mit dem Gerinnungshemmer Heparin.
„Basierend auf unseren Forschungsergebnissen erhoffen wir uns durch die
Therapie mit rNAPc2 nicht nur eine bessere Verhinderung der Thrombosen bei
COVID-19-Patienten, sondern auch eine verbesserte Unterdrückung der mit
der Gerinnungsaktivierung einhergehenden Entzündungsreaktion“, sagt Ruf.
Wenn sich rNAPc2 in den klinischen Studien bei COVID-19 als erfolgreich
erweist, könnte dies eine Anwendung bei weiteren thrombo-inflammatorischen
Erkrankungen ermöglichen. Dazu zählt unter anderem das Antiphospholipid-
Syndrom (APS), eine schwerwiegende Komplikation, die bei
Autoimmunerkrankungen wie dem systemischen Lupus erythematodes auftreten
kann.
Neben der Arbeitsgruppe des CTH von Professor Ruf sind insbesondere
Wissenschaftler des Instituts für klinische Chemie und
Laboratoriumsmedizin der Universitätsmedizin Mainz unter der Leitung des
Direktors Univ.-Prof. Dr. Karl Lackner sowie die Stabsstelle
Technologietransfer der Universitätsmedizin Mainz an dem Projekt
beteiligt.
