»Würden Sie mir nahtlose Strümpfe über die Mauer werfen?« – Chronik der Mauer präsentiert Kassiber von DDR-Grenzposten
Zum 60. Jahrestag des Mauerbaus zeigt die Website www.chronik-der-mauer.de
seltene Kassiber, die über die Berliner Mauer geworfen wurden. Diese
kleinen Papierzettel enthielten handschriftliche Bestellungen von
Zigaretten und Damenstrümpfen, aber auch politische Witze. Sie wurden
heimlich von DDR-Grenzpolizisten geschrieben und von Menschen aus West-
Berlin beantwortet. Die Kassiber sind seltene Zeugnisse der deutschen
Teilung und zeigen, wie Menschen aus Ost und West der Teilung trotzten und
versuchten, in Verbindung zu bleiben.
Für die DDR-Grenzpolizisten herrschte eigentlich ein striktes
Kontaktverbot. Wären sie bei ihrem Warenaustausch erwischt worden, hätten
ihnen empfindliche Strafen gedroht. Trotzdem nahmen sie das Risiko in Kauf
und warfen die kleinen Kassiber über die Mauer, um begehrte Westwaren zu
erhalten, die es im Osten nur schlecht oder in schlechter Qualität gab. Um
nicht aufzufliegen, blieben die Grenzer stets anonym. Ein West-Berliner
Anwohner aus der Bernauer Straße hat acht Kassiber gesammelt und
aufbewahrt. Seine Tochter hat sie nach seinem Tod der Stiftung Berliner
Mauer übergeben.
Die Stiftung Berliner Mauer ist seit 2021 Kooperationspartner des
Bildungsportals www.chronik-der-mauer.de. Sammlungsleiter Dr. Manfred
Wichmann von der Stiftung Berliner Mauer ist froh, dass die Stiftung
Berliner Mauer nun Partner des Portals ist: „Unser Prinzip lautet: Wir
sammeln, um zu zeigen. In den letzten Jahren haben wir zahlreiche
historische Zeugnisse und einmalige Originalobjekte zusammengetragen.
Viele davon sind private Schenkungen und vermitteln heute unbekannte
Details der Teilung. Diese neuen Perspektiven wollen wir über das Internet
allen zugänglich machen und die außergewöhnlichen Geschichten hinter den
Sammlungsstücken erzählen.“
Die Website vermittelt fundierte historische Kenntnisse über die Berliner
Mauer und trägt dazu bei, die Erinnerung an die deutsche Teilung wach zu
halten. Auf leicht zugängliche Weise sollen insbesondere Fragen der
jüngeren Generationen beantwortet werden, die keine persönlichen
Erinnerungen an die Zeit der deutschen Teilung haben. 2022 wird auf www
.chronik-der-mauer.de eine Online-Ausstellung zur Geschichte des
Checkpoint Charlie zu sehen sein. Die Ausstellung wird gemeinsam mit
Studierenden das Masterstudiengangs Public History an der Freien
Universität Berlin erarbeitet. Projektleiter Dr. Hanno Hochmuth vom
Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) erläutert:
„Wir möchten die Geschichte der deutschen Teilung und des Kalten Krieges
aus neuen Perspektiven erzählen. Deshalb sind wir sehr froh, dass wir für
die Website Chronik der Mauer auf die Sammlung der Stiftung Berliner Mauer
zugreifen können.“
Das Portal wurde vor 20 Jahren vom ZZF Potsdam, der Bundeszentrale für
politische Bildung und vom Deutschlandradio ins Leben gerufen. Mit rund
350.000 Aufrufen pro Jahr zählt die zweisprachige Website zu den
wichtigsten Online-Angeboten zur Geschichte der Berliner Mauer und der
deutschen Teilung im Internet. Kernelement der Website sind die Biografien
der mindestens 140 Todesopfer an der Berliner Mauer, die in einem
gemeinsamen Forschungsprojekt des ZZF Potsdam und der Stiftung Berliner
Mauer ermittelt wurden.
