Experte der Universität: "Religion ist weltpolitisch gesehen ein ungemein wichtiger Faktor"
Die Kirche ist sehr viel mehr als ein Ort, an dem die Menschen zur Andacht
gehen sowie Trost suchen und neue Kraft schöpfen. Sie ist unter anderem
auch ein wichtiger Bildungsträger und Arbeitgeber. Dennoch gelingt es den
Kirchen hierzulande immer weniger, das Denken und Handeln der Menschen zu
prägen, wie Religionswissenschaftler Prof. Dr. Christoph Kleine von der
Universität Leipzig sagt. Im Interview anlässlich der am Montag (13.
September) beginnenden Jahrestagung der Deutschen Vereinigung für
Religionswissenschaft spricht er über die Bedeutung der Religion und
Kirche in unserer modernen Gesellschaft.
Ein Aspekt der Tagung ist „Religion in der sozialen Umwelt“: Welchen
Stellenwert hat Religion in unserer modernen westlichen Welt?
Diese Frage ist nicht pauschal zu beantworten, da es „unsere moderne
westliche Welt“ nicht gibt. Vergleichen Sie nur einmal Deutschland mit den
USA. In Deutschland scheinen die Menschen sich immer weniger mit den
institutionalisierten Religionen zu identifizieren. In den USA sind
Religion und auch die Beziehung zu einer Kirche dagegen für viele Leute
immens wichtig. Außerdem muss man auch innerhalb einzelner Länder
verschiedene Ebenen unterscheiden: als institutionelle Akteure haben die
großen Kirchen in Deutschland nach wie vor einen ganz erheblichen Einfluss
auf Politik und Medien. Die Kirchen zählen darüber hinaus zu den größten
Arbeitgebern und genießen als solche zahlreiche Sonderrechte. Auf der
anderen Seite gelingt es den Kirchen aber immer weniger, das Denken und
Handeln der Menschen zu prägen – sie bieten nur noch einer relativ
begrenzten Zahl von Menschen kognitive und normative Orientierung. Und
dann müssen wir noch Religion als Faktor bei der Stiftung oder
Konstruktion kultureller Identität bedenken. Gerade Rechtspopulisten
bemühen ja gern das Bild vom „christlichen Abendland“ oder von den
„jüdisch-christlichen Grundlagen“ unserer Kultur, ohne selbst deswegen
unbedingt religiös zu sein. In dieser Hinsicht hat Religion dann eben auch
eine nicht zu unterschätzende Funktion als Mittel der Ab- und Ausgrenzung.
Die Abgrenzung gegen „das Fremde“ erfolgt seit einigen Jahren vielfach
über die Religion. Der Islam gilt vielen als das Fremde schlechthin, das
die eigene Kultur herausfordert. Dabei irritiert viele Deutsche, dass
eingewanderte Muslime häufig sehr viel religiöser zu sein scheinen als die
Mehrheitsbevölkerung.
Woran liegt es, dass Kirche, Glauben und religiöse Bindung gerade auch in
Deutschland an Bedeutung verlieren?
Wenn ich diese Frage sicher beantworten könnten, würde ich sicher
irgendeinen Preis gewinnen. Allerdings gilt auch hier wieder, dass man
zwischen Kirche, Glauben und religiöser Bindung unterscheiden muss. Ich
habe ja schon gesagt, dass die Kirchen nicht generell an Bedeutung
verlieren. Gerade im Osten etablieren sie sich zunehmend als
Bildungsträger; und in manchen Gegenden Westdeutschland haben die Kirchen
fast schon ein Monopol auf Pflegeeinrichtungen und Kinderbetreuung. Was
den Glauben angeht, stellen wir zunächst einmal eher eine Diversifizierung
fest – so wie in anderen Bereichen der individuellen Überzeugung auch. Die
Menschen konstruieren sich ihre eigenen Glaubensvorstellungen, die dann
eher situativ und flexibel abgerufen werden. Das hat natürlich mit der
allgemeinen Individualisierung zu tun. Und was die Bindung angeht, sehen
wir auch einen soziologischen Trend weg von festen, lebenslangen
Mitgliedschaften hin zu einem eher konsumistischen Verhalten. Religiöse
Angebote werden bei Bedarf als Dienstleistungen in Anspruch genommen. Das
ist im übrigen religionsgeschichtlich und im globalen Maßstab gesehen eher
der Normalfall. Enge Bindungen an religiöse Organisationen finden wir
interessanterweise eher im Zusammenhang mit kleineren, radikaleren
Gemeinschaften. Ich glaube, die Großkirchen werden vielfach als eine Art
quasi-staatliche Institutionen wahrgenommen, die etwa den gleichen Charme
verströmen, wie eine Behörde. Das hat historische Gründe und erklärt
teilweise den besonders hohen Säkularisierungsgrad in Westeuropa. Auch der
relative hohe Grad an sozialer Sicherheit in Deutschland scheint ein
Säkularierungsfaktor zu sein. Studien legen nahe, dass soziale
Unsicherheit Menschen eher zur Religion treibt.
Was können Sie als Religionswissenschaftler tun, um wieder mehr und vor
allem junge Menschen für religiöse Themen zu interessieren?
Als Religionswissenschaftler sehe ich es nicht unbedingt als meine
Aufgabe, junge Menschen für religiöse Themen, wohl aber, sie für Religion
als Thema zu interessieren. Wir leben in einer Gesellschaft, die sich
selbst als stark säkularisiert wahrnimmt und sich an den Gedanken gewöhnt
zu haben scheint, dass Religion immer unwichtiger wird. Ich habe bereits
darauf hingewiesen, dass die Vorstellung von einem allgemeinen
Bedeutungsverlust der Religion schon für unsere Gesellschaft etwas
irreführend ist. Für den Großteil der menschlichen Gesellschaften weltweit
gilt das noch viel mehr. Es ist davon auszugehen, dass der allergrößte
Teil der Menschheit in seinem Denken, Handeln und Fühlen in erheblichem
Maße von Religion zumindest mitbestimmt ist. Religion hat einen
erheblichen Einfluss auf die Politik in den USA (vor allem unter Trump),
Brasilien, Indien, Israel und so weiter – von Afghanistan, Iran oder
Pakistan will ich hier gar nicht reden. Religion ist weltpolitisch gesehen
ein ungemein wichtiger Faktor. Aber auch unabhängig von diesen eher
problematischen Aspekten religiöser Relevanz in der Gegenwart ist völlig
klar: Wir verstehen die menschliche Kultur nicht, wenn wir nichts über
Religion wissen. Das gilt auch für die unsere. Diese anhaltende Relevanz
der Religion für das Verständnis dessen, was in der Welt vor sich geht,
versuche ich den jungen Menschen zu vermitteln. Aber die Studierenden, die
zu uns kommen, bringen natürlich schon von sich aus ein Interesse an
Religion mit.
