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Allgemeine Lage der Transplantationsmedizin 2020 in Deutschland

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Die deutschen Transplantationszentren konnten ihre lebensrettende
Tätigkeit der Organtransplantation auch während der Pandemie
aufrechterhalten und haben trotz phasenweise deutlich geringerer
Intensivbettenkapazität die Situation bestmöglich gemeistert. Die Zahl der
Transplantationen ist im Jahr 2020 gegenüber 2019 letztlich nur um 6%
zurückgegangen. Das zeigt die enorm hohe Leistungsfähigkeit der deutschen
Transplantationsmedizin, die aber nicht über ein grundlegendes Problem
hinwegtäuschen darf: Der Organmangel in Deutschland ist nach wie vor
dramatisch eklatant, eine Trendwende nicht in Sicht.

Das Jahr 2020 war geprägt durch die SARS-CoV-2-Pandemie und brachte für
das gesamte Gesundheitssystem nicht gekannte Herausforderungen mit sich.
Diesen hat sich die Transplantationsmedizin gestellt und die Situation
bestmöglich gemeistert. Nachdem zu Beginn der Pandemie nicht einmal sicher
war, ob bei Überlastung überhaupt Transplantationen durchgeführt werden
können, ist zu konstatieren, dass die Gesamtbilanz im Vergleich zum
Vorjahr zumindest nicht desaströs ausfiel, wie zunächst befürchtet: Im
Jahr 2020 wurden bundesweit 3.518 Organe transplantiert, 502 davon waren
Lebendspenden (Quelle: DSO-Jahresbericht 2020, S. 48) – 2019 waren es
insgesamt 3.767 Organe gewesen (Quelle: DSO-Jahresbericht 2019, S. 82).
Insgesamt konnten im Jahr 2020 3.347 Menschen transplantiert werden
gegenüber 3.543 im Jahr 2019. Angesichts der Tatsache, dass die
Möglichkeit der Transplantation letztlich immer von der
Intensivbettenkapazität abhängt und zwei Pandemiewellen im Jahr 2020
erfolgten, ist der moderate Rückgang der durchgeführten Transplantationen
von gut 6% erklär- und vertretbar.

„Erfreulicherweise mussten die deutschen Transplantationszentren ihre
lebensrettende Tätigkeit der Organtransplantation nicht einstellen. Doch
auch wenn wir mit dieser Leistungsfähigkeit der deutschen
Transplantationsmedizin unter Pandemiebedingungen zufrieden sein können,
darf das nicht über ein ganz grundlegendes Problem hinwegtäuschen“,
erklärt Prof. Dr. Christian Strassburg, Bonn, Präsident der Deutschen
Transplantationsgesellschaft (DTG). „Deutschland ist im Hinblick auf die
Organspende europaweit fast das Schlusslicht, mit Ausnahme von Luxemburg
müssen Patientinnen und Patienten nirgendwo anders so lange auf ein
lebensrettendes Organ warten wie bei uns. Die Situation ist desaströs –
und so war sie auch schon vor der Corona-Pandemie.“

Mit 10,7 Spendern pro 1 Million Menschen ist die Spenderrate in
Deutschland nach Luxemburg die niedrigste unter den Eurotransplant-
Mitgliedländern. Seit 2018 haben die Spenderzahlen zum zweiten Mal in
Folge abgenommen (2018: 955 Spender, 2019: 932 Spender, 2020: 913
Spender). Dabei verzeichnete Deutschland von 2017 mit 797 Spendern einen
erfreulichen Zuwachs auf 955 Spender im Jahr 2018, was möglicherweise mit
der medialen Aufmerksamkeit zusammenhing, die das Thema Transplantation
und Organspende 2018 erfuhr, als Bundesgesundheitsminister Jens Spahn
einen Gesetzesentwurf für die doppelte Widerspruchslösung vorlegte. Leider
waren das Interesse und das Engagement pro Organspende in der Bevölkerung
nicht nachhaltig, wie der Trend belegt. Auch die Zahl der Patientinnen und
Patienten auf der Warteliste ist nach einem Rückgang zwischen 2017 und
1019 (von 10.110 auf 9.005) wieder auf 9.447 angestiegen.

Das Gesetz zur „Verbesserung der Zusammenarbeit und der Strukturen bei der
Organspende“ trat am 1. April 2019 in Kraft und wurde damals von der DTG
sehr begrüßt. Allerdings lässt sich der Effekt auf die Spenderzahlen
derzeit nicht sicher einschätzen, weil die Corona-Pandemie die Situation
in den Kliniken und auf den Intensivstationen stark verändert hat. Es ist
und bleibt letztlich schwer einzuschätzen, ob das Gesetz unter
„Normalbedingungen“ einen positiven Trend herbeigeführt hätte.

„Vor diesem Hintergrund bleibt es ein wichtiges Anliegen der DTG, auf eine
Erhöhung von Spenderzahlen hinzuwirken und ergebnisoffen zu diskutieren“,
so DTG-Präsident Prof. Strassburg abschließend.