Spuren einer uralten Straße im See
800 Jahre Siedlungsgeschichte mit Landreformen, Seuchen und Kriegen sind
in den Sedimenten eines Sees in Polen erhalten. Die Schlüsselrolle spielte
die „Via Marchionis“ zwischen Brandenburg und dem heutigen Malbork in
Polen. Die Straße blieb jahrhundertelang bedeutsam. In einer polnisch-
deutschen Kooperation haben Forschende historische Ereignisse und den
Wandel des Naturraums verknüpft. Die Arbeit entstand im Rahmen des
Helmholtz Virtuellen Instituts ICLEA (Integrated Climate and Landscape
Evolution) und wurde von Michał Słowiński (Polnische Akademie der
Wissenschaften) und Achim Brauer (Deutsches GeoForschungsZentrum)
geleitet. Die Ergebnisse sind in „Scientific Reports“ erschienen.
Wer von der Stadt Brandenburg über Berlin nach Frankfurt an der Oder
reist, tut dies entlang einer uralten Trasse, die bis weit hinein nach
Polen reicht. Welchen Einfluss diese Ost-West-Verbindung auf die
Landschaftsgeschichte hatte, haben deutsche und polnische Forscher*innen
jetzt dokumentiert, indem sie die Sedimente des Czechowskie-Sees in der
Bory Tucholskie (Deutsch: Tucheler Heide) untersuchten und zusätzlich
historische Quellen auswerteten. Demnach lassen sich in den letzten
achthundert Jahren drei Phasen der Landschaftsentwicklung voneinander
abgrenzen: von einer nahezu unberührten Landschaft über eine mehrere
Jahrhunderte dauernde Zwischenphase – geprägt von Wechseln zwischen
starker Siedlungstätigkeit und der Rückkehr der Natur nach Kriegen – hin
zur heutigen Kulturlandschaft.
Einer der beiden Hauptautoren, Achim Brauer vom Deutschen
GeoForschungsZentrum GFZ in Potsdam, sagt: „Einen deutlichen Einfluss
hatten Kriege, da die Via Marchionis immer wieder für Truppentransporte
genutzt wurde, die zu lokalen Zerstörungen und Verwüstungen geführt haben.
In dieser Studie haben wir erstmals für jeden Krieg in der Geschichte die
Auswirkungen auf die Landschaft gezeigt. In der Regel haben die Kriege zu
mehr oder weniger starken Verwüstungen (‚Renaturierungen‘) der Landschaft
geführt, die auch unterschiedlich lange angehalten haben.“
Zu anderen Zeiten waren es politische Entwicklungen, die ihre Spuren in
der Landschaft hinterließen, so etwa eine Agrarreform im Jahr 1343. Diese
führte mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung zu einer beschleunigten
„Anthropogenisierung“ der Landschaft, also zu deutlich sichtbarem
menschlichen Einfluss. In den Sedimenten des Czechowskie-Sees zeigt sich
das durch eine starke Zunahme von Roggenpollen und dem Rückgang von
Birken- und Kiefernpollen.
Weil Sedimente in einem See Jahresschichtungen ähnlich wie Baumringe
aufweisen, konnte das deutsch-polnische Team durch Auszählen der einzelnen
Lagen („Warven“) bis auf fünf Jahre genau eingrenzen, aus welchem Jahr
Pollen stammten. Demnach blieb die Landschaft bis etwa 1350 weitgehend
unberührt vom Menschen. Ausgedehnte Wälder und natürliche Gräser
dominierten. Dann folgten fünf turbulente Jahrhunderte. Die Ausdehnung der
Landwirtschaft und die Bildung von größeren Orten waren begünstigt durch
ein warmes Klima und politisch ruhige Zeiten. Zwischen 1409 und 1435
jedoch gab es Krieg zwischen dem Deutschen Orden und Polen – Felder fielen
wüst, Wälder dehnten sich wieder aus.
Nach dem Friedensschluss folgten wieder fünf ruhige Jahrzehnte, in denen
auch eine Zunahme des Handwerks deutlich wurde. Hartholz wurde geschlagen,
um Baumaterial und Pottasche zu gewinnen – die Birkenpollen verschwanden
aus den Seesedimenten, Roggen nahm erneut massiv zu. Riesige Heereszüge
mit Tausenden von Reiten und Fußsoldaten, Pestepidemien in mehreren Wellen
und einige sehr kalte Jahre mit Missernten sind ebenfalls dokumentiert.
Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts nimmt dann der Einfluss der Siedlungs-
und Wirtschaftstätigkeit so überhand, dass man von einer überwiegend vom
Menschen geprägten Landschaft, einer Kulturlandschaft, sprechen kann, die
bis heute besteht.
Erstautor Michał Słowiński resümiert: „Das wichtigste Ergebnis ist, dass
diese Entwicklung nicht gleichmäßig erfolgt ist. Vielmehr sehen wir einen
Wechsel von Phasen schneller Entwicklung und deutlichen Rückschritten. Die
Gründe dafür sind komplexe Interaktionen sozio-ökonomischer, politischer
und klimatischer Faktoren.“
Originalstudie: Michał Słowiński, Achim Brauer, Piotr Guzowski, Tomasz
Związek, Milena Obremska, Martin Theuerkauf, Elizabeth Dietze, Markus
Schwab, Rik Tjallingii, Roman Czaja, Florian Ott, Mirosław Błaszkiewicz:
„The role of Medieval road operation on cultural landscape transformation“
in: Scientific Reports
DOI: 10.1038/s41598-021-00090-3
