Schützenswertes „Betonmonster“
HAWK-Studentin beschäftigt sich mit Brutalismus-Bau in Köln und gewinnt
mit ihrer Arbeit beim ICOMOS-Wettbewerb „60-plus“
Kaum eine Stilrichtung in der Architektur ist so umstritten wie der
Brutalismus. Sollten die „Betonklötze“ der 60er und 70er Jahre einfach
abgerissen oder – ganz im Gegenteil – unter Denkmalschutz gestellt werden?
Auch Patricia Huperz, Masterstudentin der Architektur an der HAWK
Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst
Hildesheim/Holzminden/Göttinge
Gebäude „verlieben“, um die Faszination an der Brutalismus-Architektur
nachvollziehen zu können. Nun hat sie mit ihrer Arbeit zur Universitäts-
und Stadtbibliothek Köln (USB) beim ICOMOS-Studierendenwettbewerb „60plus
– Brutalismus“ gewonnen.
Der Internationale Rat für Denkmalpflege (ICOMOS) lobt alle zwei Jahre den
Nachwuchswettbewerb „60plus“ aus, um Architektur aus den 60er bis 90er
Jahren in das Blickfeld der Denkmalpflege zur rücken. In diesem Jahr
sollten sich die Teilnehmenden der Stilrichtung Brutalismus widmen. Dafür
wählten sie besondere Bauwerke aus, um sie in Plakatform vorzustellen und
ihre historische Bedeutung sowie die Möglichkeiten der Erhaltung und
Nutzung zu erörtern.
Bauwerke des Brutalismus zeichnen sich besonders durch den sichtbaren,
unbehandelten Beton und durch eine monumentale Formensprache aus. Heute
gelten viele dieser Objekte als „Bausünden“ und „Betonmonster“, zeigen
teils erhebliche Alterungserscheinungen oder sind sogar vom Abriss
bedroht. Auch die USB, die zwischen 1964 und 1968 erbaut wurde, sei in der
Bevölkerung nicht ganz unumstritten, berichtet Huperz, die selbst aus der
Kölner Region stammt und so auf das Gebäude des Architekten Rolf Gutbrod
aufmerksam wurde. Doch als sie die Bibliothek persönlich besuchte, habe
sie sich gleich in das Gebäude verliebt. Zum Beispiel wegen der besonderen
Fassade des Magazintraktes: „Die wabenförmigen Öffnungen in der Fassade
wurden so gestaltet, dass sie Licht hereinlassen und gleichzeitig die
Bücher vor der direkten Sonneneinstrahlung schützen“, erklärt die HAWK-
Studentin. „Von außen bekommt der Gebäudeteil dadurch fast eine
Leichtigkeit, die man sonst vom Brutalismus gar nicht erwartet.“. Dass an
den Betonoberflächen innen und außen am Gebäude noch immer die Schalung
aus dem Herstellungsprozess erkennbar ist, sei dagegen typisch für den
Brutalismus und gleichzeitig sehr beeindruckend. „Man sieht, wie die
einzelnen Bretter aneinandergesetzt wurden. Man kann sich kaum vorstellen,
wie aufwändig das war.“
Zu diesem ehrlichen Umgang mit Baumaterial gehöre zum Beispiel auch, dass
technische Installationen offen sichtbar seien, so Huperz. „Da wurde keine
Decke abgehängt, um etwas zu verstecken. Das ist wirklich sehr spannend.“
Was das Gebäude außerdem noch so erhaltenswert mache, sei die besondere
Gestaltung der Innenräume, die nicht durch Wände, sondern über
unterschiedliche Ebenen voneinander abgetrennt sind und so geradezu
ineinanderfließen. „Und bis auf ein paar Sanierungsmaßnahmen oder neue
Arbeitsplätze ist wirklich noch alles im Originalzustand“, betont Huperz.
„So etwas ist sehr selten und eigentlich ein echter Schatz.“
Solche Schätze sollten unbedingt bewahrt werden, findet die Studentin.
Auch wenn die Bibliothek für die vielen Studierenden der Uni Köln längst
zu klein geworden ist. Schließlich sei eine Bibliothek zwangsläufig ein
immer weiterwachsendes Institut. „Die USB wurde damals für 15.000
Studierende gebaut und nicht für 50.000. Aber damit ist dieses Gebäude
einfach ein Zeuge der Entwicklung des Bildungswesens,“ so Huperz.
Entstanden ist der Wettbewerbsbeitrag in einem Seminar von Prof. Dr.-Ing.
Birgit Franz, HAWK-Professorin für Bauwerkserhaltung und Denkmalpflege.
Neben der Würdigung der Bauästhetik habe sie an der Arbeit besonders
beeindruckt, wie Huperz die gesellschaftliche Bedeutung des Bauwerks
herausgearbeitet habe. „Patricia Huperz zeigt, warum additive Lösungen
anstelle von Abriss gesetzt werden müssen, wenn, wie hier der Fall, sowohl
die Regal- als auch Arbeitsplatzkapazitäten nicht länger ausreichen. Und
dass es für unsere Bildungsgesellschaft wichtig ist, den Bildungsboom der
Nachkriegsjahrzehnte in der zunächst noch jungen Demokratie zu bezeugen“,
erläutert Franz. „Die Bauwerke des Architekten Rolf Gutbrod stehen für
eine gebaute gesellschaftliche Haltung. Und auch wir heute brauchen
Nachwuchs mit gesellschaftlichem Anspruch.“ Auch Kirsten Angermann von der
Bauhaus-Universität Weimar, die die Laudatio auf Huperz Arbeit hielt,
sprach von einem außergewöhnlich gelungenen Plädoyer und hob auch die
fotografischen Leistungen der Studentin hervor.
Belohnt wurde Patricia Huperz dafür mit einem Preisgeld von 500 Euro. Ob
sie sich auch nach ihrem Studium der Denkmalpflege widmen möchte, weiß sie
noch nicht. Doch das Bauen im Bestand und der Erhalt von Gebäuden
interessiere sie sehr. „Für mich ist es allein in Hinblick auf
Nachhaltigkeit und unsere Zukunft sehr wichtig, dass wir alte Gebäude
nicht einfach abreißen, ganz unabhängig vom Denkmalschutz.“
