3G – Geheimnisse, Geschenke, Geschichten
„Übersetzen ist Macht“ ist der Titel einer virtuellen Ausstellung des DFG-
Schwerpunktprogramms „Übersetzungskulturen der frühen Neuzeit“ der Uni
Würzburg. Präsentiert werden einzigartige Exponate und hintergründige
Videos.
Die Geheimnisse der Heiligen Schrift und Täuschung in Perfektion;
extravagante Festlichkeiten und das Geschenk der Musik; Geschichten von
fremden Ländern oder der perfekten Selbstdarstellung für die Karriere: Die
virtuelle Ausstellung „Übersetzen ist Macht – Geheimnisse, Geschenke,
Geschichten der frühen Neuzeit“ bietet ganz unterschiedliche historische
Exponate, die von Expertinnen und Experten erklärt und deren zentrale
Bedeutung für unser heutiges Zusammenleben herausgestellt werden.
Die Ausstellung ist komplett online und gliedert sich in die Bereiche
Geheimnisse, Geschenke und Geschichten. Je Bereich werden etwa sechs
Exponate gezeigt und erklärt, hinzu kommen noch kurze Videos von
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die weitere Stücke und Themen
vertiefend erklären. Organisiert und konzipiert wurde die Ausstellung vom
DFG-Schwerpunktprogramm 2130 (SPP2130) „Übersetzungskulturen der frühen
Neuzeit“, das an der Julius-Maximilians-Universität (JMU) Würzburg
beheimatet ist.
Die Ausstellung kann ab sofort unter www.uebersetzenistmacht.de besucht
werden. Wer sich alle Exponate und Videos anschaut, lernt in 90 Minuten
viele historische Geheimnisse, Geschenke und Geschichten des Übersetzens
kennen, über die man sonst nur wenig erfährt. Die Dauerausstellung ist in
Deutsch und Englisch erlebbar.
Außergewöhnliche Exponate
„Macht“ ist der rote Faden der gesamten Ausstellung. „Das Thema
Übersetzung hat im historischen Kontext häufig mit Kolonialismus oder
Missionierung zu tun. Das sind durchaus auch gewaltsame Prozesse, die wir
untersuchen“, erklärt Annkathrin Koppers, koordinierende Mitarbeiterin des
Schwerpunktprogramms. Natürlich werde auch das humanistische Übersetzen
aus den Gelehrten- und Studierzimmern untersucht, wo es weniger darum
geht, andere Kulturen zu vereinnahmen, sondern Wissen zu erschließen.
Exponate der drei Bereiche sind zum Beispiel antike Bücher und Schriften,
historische Landkarten und Gemälde oder Kunstwerke aller Art von 1450 bis
1800. Ein Beispiel: Eine kymrische Bibel von 1620, also in walisischer
Sprache. Koppers: „Das Geheimnis ist der Bibeltext in der Volkssprache,
der vorher nur auf Latein vorlag.“ Zwar habe es bereits zuvor Bibeln auf
Englisch in Wales gegeben. Aber: „Man kann mit Fug und Recht sagen, dass
aufgrund dieser Übersetzung die kymrische Sprache auch heute noch
existiert.“ Die Übersetzung sei so weit verbreitet gewesen, dass sie die
lebendige Verwendung der Sprache rettete. „Sie war so machtvoll, dass sie
zu dem Standard wurde, an dem sich die kymrische Schriftsprache bis ins
20. Jahrhundert orientierte.“
Für Regina Toepfer, JMU-Professorin und Leiterin des Schwerpunktprogramms,
sind die Erklärvideos der beteiligten Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftler ein Highlight der Ausstellung. Sie hebt das Video und die
Exponate zur Geschichte von Salomon Negri hervor – einem Syrer, der nach
Europa auswanderte und zum Christentum konvertierte. „Im Film wird sein
Weg und seine Rolle sehr anschaulich dargestellt, wie er als Übersetzer
eine Art Zwischenstellung inne hat: Weil sein Glaube in Europa unerwünscht
war, trat er zum Christentum über. Auf der einen Seite versuchte er, sich
vollständig zu assimilieren, auf der anderen Seite brachte er ein großes
kulturelles Wissen mit und eine Sprachkenntnis, mit der er ganz neue
Quellen zugänglich machen konnte“, sagt Toepfer.
Prominent besetztes Begleitprogramm
Zur Ausstellungseröffnung hat das SPP2130 einen Live-Talk mit der in
Aserbaidschan geborenen Bestsellerautorin Olga Grjasnowa organisiert. Die
Themen: Sprache, Anerkennung und Identität. Wer übersetzt, warum wird
übersetzt und welche Machtfaktoren spielen dabei eine Rolle? Die
Diskussion kann am 2. Dezember 2021 ab 18.30 Uhr live auf dem YouTube-
Kanal der JMU mitverfolgt werden.
Außerdem ist ein Essayband zum Thema „Übersetzen ist Macht“ geplant, mit
Unterstützung von Professorin Ulrike Draesner, Direktorin des Deutschen
Literaturinstituts Leipzig.
Erste Meinungen
Neben der Deutschen Forschungsgemeinschaft wird die Ausstellung von der
Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel unterstützt. Die behandelten
Exponate und Themen präsentieren aktuelle Forschungsergebnisse des
Schwerpunktprogramms.
Die ersten Rückmeldungen sind durchweg positiv: „Die Tragweite der
politischen Dimension von Übersetzungen wird hier an vielfältigen
Exponaten anschaulich gemacht. Die Ausstellung ist ein schönes Beispiel
für gelungene Vermittlung historischer geisteswissenschaftlicher
Forschung“, sagt JMU-Präsident Paul Pauli. „Die Ausstellung behandelt ein
akademisches Thema auf eine sehr allgemeinverständliche und ‚sinnliche‘
Weise – allein die vielsprachigen Lesungen sind ein Genuss – ohne die
Verwirrungen und Verflechtungen der Wege, den Texte durch verschiedene
Sprachen und Zeiten nehmen, zu vereinfachen oder aufzulösen“, so die
Schriftstellerin Christine Wunnicke. Und: „Die Übersetzung als Politikum,
Kunstwerk und gesellschaftlicher, oft auch kolonialer Akt wird
aufgefächert, ohne thesenhaft zu werden; viel bleibt der eigenen Deutung
überlassen.“
