Sechs junge Menschen erleben den „Barnum-Effekt“: Was glauben wir wem und warum
Horoskop, Wahrsagung, Coaching: FHWS-Professor zeigt Techniken und Tricks
unseriöser Persönlichkeitsanalysen
„Das kann mir doch nicht passieren“ – sechs junge Menschen nahmen an einer
Persönlichkeitsanalyse teil und sind nach dem psychologischen Experiment
besser gewappnet, Scharlatanen und Scheinwissenschaften auf den Leim zu
gehen. In einem seriös wirkenden Set mit einer Moderatorin und einer
Coachin erhielten die Teilnehmenden Fragebögen, die anschließend
ausgewertet und ihnen als persönliches Profil erläutert wurden.
Angewendet wurde in dem Experiment der sogenannte „Barnum-Effekt“,
abgeleitet vom Zirkusgründer Phineas Taylor Barnum, der in seiner Manege
für jeden etwas im Programm dabeihatte. Der „Barnum-Effekt“ bezeichnet die
Neigung von Menschen, unspezifische allgemeingültige Aussagen über sich
selbst so zu interpretieren, dass sie als zutreffende Beschreibung
empfunden werden könnten. Dr. Christoph Bördlein, Professor an der
Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt und Mitglied
der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von
Parawissenschaften (GWUP, https://www.gwup.org/), begleitete das Projekt.
Zum Ablauf: Sechs junge Menschen, die sich auf einen Redaktionsaufruf der
Sendung „Die Frage“ zur Teilnahme gemeldet hatten, sollten zur
Persönlichkeitsanalyse ihren Lieblingsgegenstand mitbringen, den
Fragebogen ausfüllen und ein Bild eines persönlichen „perfekten“ Tages
malen. Anschließend nahm die Coachin die Bögen mit, um
Persönlichkeitsprofile zu erstellen. Eine Stunde später erhielten die
Teilnehmenden ihre Profile und zeigten sich gespannt, ob sie sich mit den
eigenen Empfindungen deckten, wie sie sich selbst sehen und wie sie auf
andere wirken.
Prof. Bördlein begleitete die Abläufe unsichtbar im Hintergrund. Es gehe
um die Frage, was Menschen wem glauben und warum. Im Interview mit der
Moderatorin Lisa-Sophie Scheurell des Formats „Die Frage"
(https://www.youtube.com/watch
Schritte sowie die Hintergründe, die Menschen bewegten, Horoskopen,
Wahrsagungen oder vermeintlichen Coaches Glauben zu schenken und ggf. für
Prognosen Geld auszugeben.
Die vermeintlich individuell formulierten Persönlichkeitsprofile des Test-
Plazebos seien sehr allgemein und „schwammig“ gehalten, so Bördlein. So
wurden u.a. Fragen mit der Bitte um zutreffendes Ankreuzen gestellt wie
„Ich arbeite hart“ / „Manchmal bin ich ein bißchen faul“ oder „Ich lebe in
einer glücklichen Beziehung.“ / „Ich bin Single. Es ist kompliziert.“ Im
Persönlichkeitsprofil wurden den Teilnehmenden beispielsweise folgende
Charaktereigenschaften zugesprochen: „Du hast eine Neigung zur
Selbstkritik.“, „In manchen Situationen fällt es dir deutlich leichter zu
reden als in anderen.“ oder „Deine Persönlichkeit weist zwar auch
Schwächen auf, die du aber allgemein auszugleichen weißt.“ Menschen
suchten Belege für das Formulierte, ob es tatsächlich zutreffen könnte.
Mitgebrachte persönliche Gegenstände seien „eine nette Finte“: Sie
offenbarten etwas von den Befragten und machten es glaubhaft, dass das
Persönlichkeitsprofil ganz individuell auf einen selbst gemünzt sei.
Die Umgebung u.a. mit Coachin und Fragebögen vermittele eine Seriosität
des Projektes. Auch die Aufforderung zum Malen eines perfekten Tages zähle
zur Strategie von Scharlatanen: Vielen Beteiligten sei es peinlich, ein
Bild mit Strichmännchen zu malen; sie machten im Rahmen der Befragung
trotzdem mit, weil es dazu gehöre, und erwarteten anschließend, dass es
ihnen etwas bringe im Rahmen der Profilbildung.
Anschließend erhielten die Teilnehmenden ihre Profile. Ohne es zu wissen,
handelte es sich hierbei jedoch um einen identischen, sogenannten
Standard-Barnum-Text. Ihre Reaktionen zu den Charakteristika: „Das würde
ich absolut so unterschreiben – krass“ und „Ich habe das Gefühl, dass das
hundert Prozent passt.“ Der Barnum-Effekt greife, so Bördlein: Die teils
widersprüchlichen wie schmeichelhaften Aussagen werden gern angenommen,
während Aspekte, die als nicht so zutreffend erachtet werden, ausgeblendet
werden. Im Schnitt, so der Wissenschaftler, werden 98 Prozent der Aussagen
in Barnum-Texten für richtig und zutreffend erachtet.
Anschließend wurde das Experiment aufgelöst und die Teilnehmenden über die
wissenschaftlichen Hintergründe aufgeklärt. Der Professor versicherte, das
Verhalten sei keine Schwäche. Die Teilnehmenden hätten sich rational
verhalten und geprüft, inwiefern der Profiltext stimmen könnte; sie hätten
ihn gelesen in der Annahme, dieser sei individuell angefertigt worden. Die
Kommentare der jungen Beteiligten: „So würde man sich selber eigentlich
beschreiben“ und „Ich habe gemerkt, wie gutgläubig ich bin.“ Ihr Fazit:
Sie wollen künftig bei vermeintlichen Fakten mehr hinterfragen, was ihnen
gesagt werde.
Bereits 1948 wurde das Experiment durchgeführt
Bereits 1948 hatte der Psychologe Bertram R. Forer dieses Experiment mit
Studierenden durchgeführt. Anschließend händigte er die angeblichen
Testergebnisse aus und forderte die Teilnehmenden dazu auf, den
Wahrheitsgehalt dieser Auswertung zu bewerten. Der Durchschnitt lag bei
4,26 von 5 Punkten, die Auswertung wurde also mehrheitlich als zutreffend
gewertet. Tatsächlich hatte Forer den Test nicht ausgewertet, sondern
allen Teilnehmenden dieselbe Charakterisierung ausgehändigt. (Barnum-
Effekt, https://de.wikipedia.org/wiki/
