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Eigenheim als politischer Spielball: Masterabsolventin untersucht die wahren Wünsche der Generation Z

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Als Anton Hofreiter dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ im Februar dieses
Jahres ein Interview zum Thema Wohnungsbau gab, hagelte es für den
damaligen Grünen-Fraktionschef Kritik. Streitpunkt damals: Soll der Typus
Eigenheim aus den Bebauungsplänen verschwinden, um gerade in
Ballungsräumen der „gigantischen Wohnungsnot“ entgegenzuwirken? „Wie auch
immer man persönlich zu diesen Aussagen steht, machen sie doch das enorme
Spannungsverhältnis zwischen Nachhaltigkeitsanspruch, Altersvorsorge und
Wunschimmobilie deutlich“, sagt Christina Lohr (23), die sich in ihrer
Masterthesis mit dem Thema „Das Einfamilienhaus in Deutschland – ein
auslaufender Objekttypus?“ befasst hat.

Mit ihrer Arbeit positioniert sich die Absolventin an der Schnittstelle
von Folgen der Klimawandelbewältigung und individueller Lebensplanung, die
– als Hofreiter im Februar über das Thema stolperte – zusätzlich gepaart
war mit dem anstehenden Bundestagswahlkampf. In diese Gemengelage wollte
Christina Lohr mit ihrer Arbeit Sachlichkeit hineinbringen und die
Fragestellung „in einem Dreieck von Zielgruppe, Behörden und theoretischen
Grundlagen“ bearbeiten. „Mir war es wichtig, eine neutrale Position
einzunehmen und nicht die Extreme aus der Politik aufzugreifen“, sagt
Christina Lohr. Deshalb führte sie für ihre Studie zum einen
Expertengespräche mit VertreterInnen von sechs Planungsbehörden im
bayerischen Südwesten und zum anderen mit der Generation, für die der Fall
„Wohnsituation“ in den kommenden Jahren relevant wird: die Generation Z.
Um diese Interviews zu führen, befasste sie sich zunächst ausführlich mit
den theoretischen Grundlagen. Dabei konnte sie deutlich herausarbeiten,
von wie vielen Stellschrauben die zukünftige Entwicklung des
Einfamilienhauses im Neubausektor abhängt. „Veränderungen innerhalb eines
der beeinflussenden Bereiche, sei es z.B. die gesamtgesellschaftliche
Einstellung, ökonomische sowie ökologische Anpassungen oder politische
Vorgaben, können zu diffusen Schlussfolgerungen führen“, erläutert
Professor Thomas Beyerle, der die Arbeit der Masterandin betreut hat. In
der fachlichen Diskussion gebe es einige Faktoren, die für eine sukzessive
Reduktion des Einfamilienhausanteils sprechen, insbesondere das
unzureichende Flächenangebot und der daraus resultierende stetige Anstieg
der Grunderwerbs- und Baukosten. Auch das gesteigerte ökologische
Bewusstsein der Gesellschaft stelle bisherige Konventionen – und dazu
zählt zweifelsohne das Einfamilienhaus – in Frage. „Immer öfter wird
angezweifelt, ob der Ressourcenverbrauch beim Bau eines Einfamilienhauses
in einem angemessenen Verhältnis zu dem angestrebten Zweck, der Schaffung
von Wohnraum für lediglich einen Haushalt, steht“, so Beyerle, der im BWL-
Studiengang Bau und Immobilien an der Hochschule Biberach lehrt. Darüber
hinaus stelle die Bevölkerung veränderte Anforderungen an das jeweilige
Lebens- und Wohnumfeld. So gewinnen Aspekte wie Flexibilität, Mobilität
und vernetzte Lebensräume an Bedeutung, wohingegen klassische Wohnformen
wie das Einfamilienhaus immer öfter als Verpflichtung und Last
wahrgenommen werden.

Genau hier setzte Christina Lohr mit der Onlinebefragung unter ihren
KommilitonInnen an, die aus den Bereichen Architektur, Energie- und
Bauingenieurwesen, BWL und Biotechnologie kommen. Über 300 Studierende
nahmen an Umfrage teil; ein Großteil ist  zwischen 21 und 24 Jahre alt,
ledig und wohnt zum Zeitpunkt der Befragung bei ihren Eltern. Klares
Ergebnis der Studie: „Der Objekttypus Einfamilienhaus ist ungebrochen
populär“, fasst Christina Lohr zusammen. 204 Teilnehmende wünschen sich in
der Zukunft ein freistehendes Einfamilienhaus, 68 eine eigene Wohnung, nur
vier beispielsweise ein Mikroappartement und nur eine Person ein WG-
Zimmer. „Besonders wichtig sind der Generation Z die Aspekte Ökologie,
Ökonomie und Soziales, so die Absolventin und nennt einige Beispiele: „Die
Studierenden suchen eine gute Anbindung an den ÖPNV, eine schnelle
Internetverbindung und Privatsphäre“.

Ähnliche Erkenntnisse brachten die Gespräche mit den fachlich versierten
Stadtplanern unterschiedlicher Behörden, etwa in Sonthofen, Augsburg,
Nürnberg und Regensburg hervor. Bei der Auswahl der Standorte achtete
Lohr, die selbst im Allgäu aufgewachsen ist, auf die Mischung; die
Behörden sollten in ländlichen Gebieten sowie verdichteten Städten
verortet sein, um die möglichen Unterschiede abbilden zu können.

Auch hier ergab sich ein klares Bild, unabhängig von Größe und Struktur
der einbezogenen Standorte. Alle Gesprächspartner bestätigen eine
anhaltende Nachfrage im Bereich Einfamilienhaus. Als limitierenden Faktor
nannten sie das mangelnde Platzangebot. Um einer drohenden Abwanderung
einzelner Bevölkerungsgruppen entgegenzuwirken, arbeiten die Kommunen
bereits an qualitativ gleichwertigen Alternativangeboten. So wird
vielerorts versucht, Bauleitpläne zur bestmöglichen Flächenausschöpfung
neu zu strukturieren. „Und auch wenn die befragten Fachleute aus
städteplanerischer Perspektive das Einfamilienhaus bevorzugt durch andere
Objekttypen ersetzt sehen würden, rechnen sie mit diesem Paradigmenwechsel
nicht innerhalb der nächsten Jahrzehnte“, so Lohr.

Im Bundestagswahlkampf wurde das Eigenheim zum Spielball der Politik.
Inzwischen ist das Rennen um das Kanzleramt entschieden, die Ampel steht.
Und wie will die Koalition mit dem Wohnungsbau umgehen? Gebildet wird ein
nues Bauministerium und geplant sind jährlich 400 000 neue Wohnungen, 100
000 davon öffentlich gefördert. Wie der Wunsch der Generation Z nach
individuellem Wohnen, den Christina Lohr mit ihrer Umfrage
herausgearbeitet hat, sich damit und mit der zunehmend veränderten
Planungs- und Genehmigungspraxis vereinbaren lässt, ist noch offen – „und
bietet jede Menge Stoff für weitere Analysen durch die
Immobilienwirtschaft, auch an der Hochschule Biberach“, sagt Professor
Thomas Beyerle.