Zum Hauptinhalt springen

Dem Denken auf der Spur

Oswald Külpe hatte von 1894 bis 1909 die Professur für Philosophie einschließlich der Ästhetik an der Uni Würzburg inne. In dieser Zeit ist vermutlich das Foto entstanden, das ihn mit einem Doppelschallpendel zeigt.  Adolf-Würth-Zentrum  AWZ / Universität Würzburg
Oswald Külpe hatte von 1894 bis 1909 die Professur für Philosophie einschließlich der Ästhetik an der Uni Würzburg inne. In dieser Zeit ist vermutlich das Foto entstanden, das ihn mit einem Doppelschallpendel zeigt. Adolf-Würth-Zentrum AWZ / Universität Würzburg
Pin It
Oswald Külpe hatte von 1894 bis 1909 die Professur für Philosophie einschließlich der Ästhetik an der Uni Würzburg inne. In dieser Zeit ist vermutlich das Foto entstanden, das ihn mit einem Doppelschallpendel zeigt.  Adolf-Würth-Zentrum  AWZ / Universität Würzburg
Oswald Külpe hatte von 1894 bis 1909 die Professur für Philosophie einschließlich der Ästhetik an der Uni Würzburg inne. In dieser Zeit ist vermutlich das Foto entstanden, das ihn mit einem Doppelschallpendel zeigt. Adolf-Würth-Zentrum AWZ / Universität Würzburg

Seit 125 Jahren existiert das Institut für Psychologie der Universität
Würzburg. Bereits kurz nach seiner Gründung im Jahr 1896 brachte es eine
weltbekannte Schule hervor: Die Würzburger Schule der Denkpsychologie.

Irgendwann im Jahr 1900: Konzentriert sitzt Oswald Külpe (1862-1915),
Inhaber der Würzburger Professur für Philosophie einschließlich der
Ästhetik, als Versuchsperson im ersten Stockwerk oberhalb der Bibliothek
in der Alten Universität. Külpe hatte die Räume seit dem Wintersemester
1896 für Forschungszwecke und für seine Lehre in der Psychologie zunächst
widerruflich überlassen bekommen, nachdem ihre vorherigen Nutzer in den
Neubau am Sanderring umgezogen waren.

Sein engster und einziger Mitarbeiter Karl Marbe (1869-1953) ist der
Versuchsleiter. Gemeinsam arbeiten sie mit der neu konzipierten Methode
der kontrollierten systematischen Introspektion daran, dem Denken seine
Geheimnisse zu entlocken. Schnell wächst das Duo um interessierte
Studenten und ausländische Gastwissenschaftler an. Eine ganze Reihe von
Forschungsarbeiten entstehen und berichten über neue Entdeckungen über das
Denken in seinen vielfältigen Facetten. Bald ist man sich sicher, dass so
manche gängige Lehrmeinung und besonders die damals weit verbreitete
Assoziationspsychologie zumindest in Teilen unzureichend ist.

Das Denken – so Külpe und Marbe – ist zwar manchmal anschaulich, viel
häufiger jedoch unanschaulich, ein oft nur schwer verbal zu beschreibender
Prozess, dem man den Begriff „Bewusstseinslagen“ gab. Diese können aber
durchaus von Gefühlen der Anspannung, ja gar der Erregung begleitet sein,
um sich schließlich durch eine plötzliche Einsicht in einen Zusammenhang,
in eine Erkenntnis oder in eine Problemlösung, in einem befreienden ‚Aha-
Erlebnis‘ zu entladen.

Das Aha-Erlebnis – eine Entdeckung der Würzburger Denkpsychologie

Ja, tatsächlich, das „Aha-Erlebnis“ wurde in Würzburg entdeckt – und zwar
von Karl Bühler (1879-1963), einem bekannten Mitstreiter der Würzburger
Schule, der dieses jedermann bekannte Phänomen 1908 im Rahmen seiner
Habilitationsschrift publizierte. Gleichermaßen wie die „Röntgenstrahlen“
trat der Begriff einen Siegeszug um die Welt an, und genauso wie bei
Röntgen wissen die meisten nicht, dass die Universität Würzburg der
Geburtsort war.

Wie nur zu oft standen die neuen Erkenntnisse bald in einem heftigen und
öffentlich ausgetragenen Konflikt mit den althergebrachten. Kein geringer
als der Urvater der Psychologie, Wilhelm Wundt (1832-1920), attackierte
die Schüler seines einstigen und langjährigen Assistenten Oswald Külpe
aufs Heftigste. Wundt hatte dabei wohl nicht bedacht, dass er damit die
Würzburger Schule erst so richtig bekanntmachte.

Durch diese wissenschaftlichen Erfolge wurde Oswald Külpe, seit 1894 an
der Alma Julia tätig, zu einem begehrten Berufungskandidaten. Bereits 1903
versuchte ihn die Universität Stanford in Kalifornien abzuwerben, und 1904
folgte die Universität Münster mit einem Ruf. Beide konnten noch abgewehrt
und Külpe zum Bleiben bewegt werden. 1909 wurde dann das Werben der
Universität Bonn zu intensiv, und Külpe verließ Würzburg, um sowohl in
Bonn und nachfolgend auch an der Münchner Universität weitere
psychologische Institute zu begründen.

Das Institut in einem Vierteljahrhundert unter Karl Marbe

Für die dadurch frei gewordene Professur wünschte sich die Fakultät Karl
Marbe nach Würzburg zurück, der zwischenzeitlich an die Hochschule für
Handels- und Sozialwissenschaften, den Vorgänger der 1914 gegründeten
Universität Frankfurt, berufen worden war. Der Ruf gelang, und Marbe war
von 1909 bis 1935 als Ordinarius für Psychologie tätig.

Sicher führte er das Institut durch die ausgehende Kaiserzeit, den Ersten
Weltkrieg, durch die Wirtschaftskrisen der Weimarer Republik bis in das
Dritte Reich.

Obwohl er noch nicht die damalige Altersgrenze von 68 Jahren erreicht
hatte, wurde ihm ein neues „Gesetz über die Entpflichtung und Versetzung
von Hochschullehrern aus Anlaß des Neuaufbaus des deutschen
Hochschulwesens“ vom 21. Januar 1935 zum Verhängnis. Dieses erlaubte es,
unliebsam gewordene Professoren vorzeitig aus dem Amt zu entfernen. Marbe
war unliebsam geworden, nicht nur, weil seine Frau jüdischer Herkunft war
und er die Scheidung verweigerte, sondern auch, weil er sich erdreistete,
noch 1935 den Juden und späteren Rabbiner Leo Trepp die Promotionsprüfung
abzunehmen.


Psychologische Erklärung der NS-Verführungsmechanismen

Die Forschungsleistungen des von Marbe geleiteten Instituts waren
beachtlich und außerordentlich vielfältig. Neben zahlreichen Arbeiten zur
Angewandten Psychologie, der damaligen Psychotechnik, sticht sein großes,
zweibändiges Werk über die Gleichförmigkeit in der Welt (1916, 1919)
hervor, aus dem er zwischen 1943 und 1945 im Geheimen eine kleine Schrift
zur psychologischen Erklärung der Verführungsmechanismen der
Nationalsozialisten ableitete. Hätte eine bösartige Denunziation zu ihrer
Entdeckung geführt, wäre es vermutlich um das Ehepaar Marbe geschehen
gewesen.

Standhaft ertrugen die beiden die Anfeindungen der NS-Zeit, wobei Marbe
zustattenkam, dass er sich in juristischen Kreisen als einer der ersten
psychologischen Rechtsgutachter hohes Ansehen erworben hatte. Im Angesicht
des Todes überstand das Ehepaar Marbe auch die verheerende Bombennacht am
16. März 1945, die Würzburg beinahe auslöschte.

Der eher unscheinbare Carl Jesinghaus in der NS-Zeit

Auf Marbe folgte 1935 der von der NSDAP Reichsleitung in Berlin gegen
jegliche Voten der Fakultät eingesetzte Carl Jesinghaus (1886-1948). Er
hatte vor seiner Rückkehr nach Deutschland eine Professur in Argentinien
inne, war ein am Wundtschen Institut in Leipzig ausgebildeter
Experimentalpsychologe und damit selbst Marbe lieber, als wenn ein
Philosoph wieder die für die Psychologie errungene Professur bekäme.

Jesinghaus war wenig auffällig, publizierte kaum und wenn, dann in
Spanisch. 1938 gelang es ihm, das Institut aus der Alten Universität in
die Klinik Straße 8 zu verlegen und es damit zu erweitern und zu
modernisieren. Auch die mit Kriegsbeginn oft angeordnete Schließung vieler
Institute konnte er für die Psychologie verhindern, und so gingen
Forschung und Lehre unter den zunehmend schwieriger werdenden Bedingungen
des Krieges weiter. Am späten Abend des 16. März 1945 war damit Schluss.
Das Institut brannte im Phosphorhagel bis auf die Grundmauern nieder.

Wie Phönix aus der Asche

Bereits im Frühjahr 1946 suchte man nach einer Neubesetzung des Instituts
für Psychologie. Der Dresdener Psychologe Gustav Kafka (1883-1953) war im
Gespräch. Kafka war 1933 aus Protest aus der Deutschen Gesellschaft für
Psychologie ausgetreten, als diese vorauseilend die jüdischen Mitglieder
ausschloss.

Mit Hilfe eines befreundeten Arztes soll es ihm gelungen sein, eine
schwerwiegende Erkrankung so überzeugend vorzutäuschen, dass er noch in
jungen Jahren bei Erhalt der Bezüge in den Ruhestand versetzt wurde. Kafka
entzog sich so dem NS-Regime und wartete auf dessen Ende, das er trotz
Brandverletzungen in den Dresdner Bombennächten mit viel Glück noch
erleben durfte.

Als er nach Würzburg kam, soll er nur eine Hose besessen haben. Studenten
nähten ihm eine alte Militärhose um und schenken sie ihm anonym,
wohlwissend, dass er ansonsten zu zurückhaltend und bescheiden gewesen
wäre, um sie anzunehmen.

In einem Kellerraum am Sanderring 2 stand das Institut für Psychologie
unter Kafka wieder auf und nicht nur das: Kafka gelang es auch, die
Deutsche Gesellschaft für Psychologie im amerikanischen Sektor neu zu
begründen. Von 1951 bis kurz zu seinem Tod 1953 wurde er ihr Präsident.
Durch Gustav Kafka erhielt das Institut für Psychologie wieder Rang und
Namen.

Wilhelm Arnold legte den Grundstein für eine langanhaltende Ausbauphase

Auf Kafka sollte Wilhelm Arnold (1911-1983) folgen. Arnold war
hauptamtlich als Psychologe in höherer Position bei der Anstalt für
Arbeitsvermittlung in Nürnberg tätig, bevor er den Ruf nach Würzburg
annahm. Auch hier hat die Politik kräftig mitgemischt, denn Arnold war
nicht der Wunschkandidat der Fakultät, aber Gründungsmitglied der CSU in
Nordbayern. Die so düpierte Universität grollte jedoch nicht lange mit dem
Ministerium, denn Arnold setzte den Auf- und Ausbau des Instituts für
Psychologie sehr erfolgreich fort.

Bereits 1956 konnte in der Domerschulstraße 13 ein neues Domizil für die
Psychologie eingeweiht werden. Es war damals eines der am besten
ausgestatteten Institute für Psychologie und dies nicht zuletzt, weil es
Arnold über seine Kontakte in die Wirtschaft gelungen war, lukrative
Forschungsaufträge an Land zu ziehen. Selbst eine Außenstelle hatte das
Institut in dem zwischen Rom und Neapel gelegenen Sezze. Hier wurden unter
Leitung von Dr. Hermann Forster sprachvergleichende und
völkerpsychologische Forschungen betrieben. Das hatte einen durchaus
pragmatischen zeitgeschichtlichen Hintergrund, denn Professor Arnold war
an der Entwicklung von Auswahlverfahren für italienische Gastarbeiter
interessiert.

Arnold war von seiner Art her eher ein gewiefter Wissenschaftspolitiker
als ein in sich versunkener, tiefsinniger Grundlagenforscher.
Konsequenterweise wurde er von 1964 bis 1966 als erster Psychologe Rektor
der Alma Julia. Er nutzte diese Möglichkeiten und initiierte mit der
Einrichtung einer zweiten Professur die bis heute anhaltende Ausbauphase
der Psychologie.

Zahlreiche neue Lehrstühle

Bereits 1966 wurde Ludwig Pongratz (1915-1995) auf den Lehrstuhl II
berufen und vertrat fortan unter anderem die klinische Psychologie. 1975
folgte die Einrichtung des Lehrstuhl III für Allgemeine Psychologie und
Methodenlehre unter Otto Heller (1925-2012). 1977 schließlich wurde noch
die mit Heinz Alfred Müller (1930-1990) besetzte Professur für
Pädagogische Psychologie von der Pädagogischen Hochschule Würzburg nach
deren Auflösung als Lehrstuhl IV in das Institut für Psychologie
integriert. Mit den Jahren kamen an den Lehrstühlen weitere Professuren
hinzu, und das sich drehende Karussell der Berufungen ließ auf Wilhelm
Arnold Wilhelm Janke (1933-2011) folgen, auf Heinz Alfred Müller Wolfgang
Schneider, auf Otto Heller Joachim Hoffmann, auf Ludwig Pongratz über
Barbara Zoeke schließlich Fritz Strack.

Auch diese befinden sich inzwischen alle im Ruhestand, und eine neue
Generation von Psychologinnen und Psychologen folgte ihnen nach. Dem
Institut gelang es dabei bis heute, herausragende Forscherinnen und
Forscher zu gewinnen und so seit der Külpe-Ära fast kontinuierlich ein
international hoch renommiertes, innovatives und forschungsstarkes
Institut zu bleiben.

Ein pandemiebedingter Online-Festakt

Anlass genug, die inzwischen 125-jährige Geschichte in einem Online-
Festakt zusammen mit vielen ehemaligen und gegenwärtigen Mitarbeitenden
des Instituts für Psychologie zu feiern. Zu den Rednern des Festaktes
gehörten der ebenfalls aus der Psychologie stammende Präsident der
Universität Würzburg, Paul Pauli, der einst in Würzburg Psychologie
studierende und aktuell amtierende Präsident der Deutschen Gesellschaft
für Psychologie, Professor Markus Bühner, der ebenfalls dem Institut für
Psychologie angehörige Dekan der Humanwissenschaftlichen Fakultät
Professor Johannes Hewig und der geschäftsführende Direktor des Instituts
für Psychologie, Professor Wilfried Kunde.

Während des Festakts wurde auch die vom Adolf-Würth-Zentrum für Geschichte
der Psychologie unter Leitung von Professor Armin Stock vorbereitete
Online-Ausstellung: „Facetten aus der 125jährigen Geschichte des Instituts
für Psychologie“ eröffnet. Sie kann ab sofort unter diesem Link besucht
werden: https://artspaces.kunstmatrix.com/de/exhibition/6942219/facets-in-
the-history-of-the-institute-of-psychology-at-the-university-of