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Kitaplätze schnell, fair und transparent mit einem dezentralen Mechanismus vergeben

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Ein akuter Mangel an Betreuungsplätzen in Kindertagesstätten in
Deutschland, komplizierte Anmeldeverfahren und intransparente
Vergabekriterien: Das führt zu beruflicher Planungsunsicherheit für Eltern
und deren Arbeitgebern, zu Benachteiligungen bildungsferner Haushalte und
zu vermeidbarem Verwaltungsaufwand für Kita-Personal. Ein neues Verfahren,
das von Ökonomen des ZEW Mannheim, der Universität Münster und der
University of Oxford pilotiert wird, baut auf der „Theorie der stabilen
Verteilungen“ auf und macht so eine schnelle, faire und transparente
Platzvergabe möglich.

In den bisher in Deutschland verwendeten Verfahren verschicken Kitas ihre
Angebote unabhängig und unkoordiniert. „Probleme entstehen dann, wenn sich
Eltern einerseits gezwungen sehen, ein frühes, unattraktives Angebot um
der Sicherheit willen anzunehmen, oder andererseits, wenn sie in Erwartung
eines besseren Angebots vorübergehend mehrere Plätze halten und damit für
andere Familien blockieren“, sagt Thilo Klein, Professor an der Hochschule
Pforzheim und Projektleiter am ZEW Mannheim. Der erste Aspekt führt zu
einer unfairen Verteilung, in der es Bewerber gibt, die „berechtigten
Neid“ auf andere Bewerber haben. Beispielweise weil ein Kind keinen Platz
in der Kita seiner Geschwister bekommt, obwohl es dort aufgrund des
Geschwisterstatus Vorrang hätte. Der zweite Aspekt verlangsamt das
Aufnahmeverfahren und führt zu Unsicherheiten auf Seiten der Eltern und
Arbeitgeber.

Eine mögliche flächendeckende Lösung des Problems ist die Einführung einer
zentralen Clearingstelle. Eine solche Clearingstelle ist die Plattform
Hochschulstart bei der Studienplatzvergabe, die Ranglisten der
Bewerber/innen und Hochschulen erhebt und damit eine gut durchdachte
Platzvergabe gewährleistet. „Kitas sind aber oft nicht in der Lage,
vollständige Ranglisten über Bewerber an eine zentrale Clearingstelle zu
übermitteln“, so Tobias Riehm, Wissenschaftler im ZEW-Forschungsbereich
„Marktdesign“. „Eine wichtige Rolle spielt die Berücksichtigung
sogenannter Komplementaritäten, wie der gewünschten Geschlechter- und
Altersmischung in den Betreuungsgruppen. Diese lassen sich nicht so
einfach über Ranglisten ausdrücken.“

Der in der Softwareanwendung der Autoren implementierte Mechanismus weicht
von der Literatur zur „Theorie der stabilen Verteilungen“ ab, indem er es
den Kitas weiterhin ermöglicht, dezentralisierte Angebotsentscheidungen zu
treffen. In dem iterativen Verfahren bekommen die Kita-Leitungen in jeder
Runde die noch interessierten Bewerber auf einer Softwareplattform
angezeigt und registrieren ihre Platzangebote. Damit werden
Komplementaritäten berücksichtigt, da Kitas ihre Angebote von Platzzusagen
aus vorhergehenden Runden abhängig machen können. Gleichzeitig wird eine
schnelle und faire Zuordnung erzielt, indem die Plattform die
Entscheidungen der Eltern automatisiert und in jeder Runde jeweils nur das
beste Angebot für sie hält. Alle anderen Angebote werden direkt ablehnt.
„Der Mechanismus verbindet damit die Vorzüge einer zentralen Vergabe mit
denen der dezentralen Vergabe“, sagt Sven Giegerich, einer der Autoren der
Studie.

Mit Blick auf die Geschwindigkeit zeigt die Studie, dass sich die
Kitaplätze mit dem Verfahren in etwa einer Stunde mit rund 6-10 Runden
vergeben lassen – in Großstädten genauso schnell wie in Kleinstädten. Das
lässt sich mit den Präferenzen der Eltern für nahgelegene Kitas erklären.
Auch Großstädte bestehen somit aus vielen lokal begrenzten Kita-Märkten.
Bezüglich der Fairness zeichnet die Studie ein differenziertes Bild: In
den Pilotstädten reduziert das neue Verfahren die Anzahl der Bewerber mit
berechtigtem Neid lediglich um die Hälfte, verglichen mit dem zuvor
verwendeten Verfahren. Das ist der Preis der Träger- und Kita-Autonomie.
Mit einem zentralen Verfahren ließe sich berechtigter Neid zwar
vollständig vermeiden. Die Entscheidungsfreiheit der Kitas würde damit
aber so stark eingeschränkt, dass es für 20 Prozent der Kitas nicht
attraktiv wäre, freiwillig an dem zentralen Verfahren teilzunehmen.

Das neue Verfahren baut auf der „Theorie stabiler Verteilungen und der
Praxis des Marktdesigns“ auf, für die Alvin E. Roth und Lloyd S. Shapley
2012 mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet
wurden. Es wurde in Abstimmung mit Eltern, Trägern und Kommunen
entwickelt, spieltheoretisch analysiert, in Open-Source Software umgesetzt
und bisher in fünf deutschen Klein-, Mittel- und Großstädten erfolgreich
eingeführt. Die im Rahmen des Projektes entwickelte Software-Lösung
ergänzt bestehende Kita-Verwaltungsplattformen und lässt sich einfach über
Schnittstellen an diese anbinden. Das Projekt wurde vom ZEW-Förderkreis
mit dem Preis für das beste wirtschaftspolitische Beratungsprojekt am ZEW
in 2021/22 ausgezeichnet.