Wildtierkameras zeigen, wie Wildtiere und Hauskatzen in Berlin mit dem Covid 19 Lockdown umgehen
Wissenschaftler:innen des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung
(Leibniz-IZW) werteten zehntausende Fotos von rund 150 Wildtierkameras
aus, die Berliner Bürgerwissenschaftler:innen in ihren Gärten installiert
hatten. Die Fotos zeigen, wie Füchse, Waschbären, Marder und Hauskatzen in
der Stadt miteinander umgehen und wie gut sie mit dem Menschen auskommen.
Alle drei Wildtierarten nutzten dieselben Orte – vorrangig in den
Nachstunden und zu unterschiedlichen Zeiten. Während der Covid 19
Lockdowns wurden sie häufiger fotografiert, vor allem nachts. Zudem meiden
alle Wildtierarten die Hauskatzen. Diese und weitere Erkenntnisse sind im
„Journal of Animal Ecology" veröffentlicht.
Meiden oder konkurrieren, fressen oder gefressen werden, ausbeuten oder
zusammenarbeiten – Tier- und Pflanzenartengemeinschaften werden durch
vielfältige Interaktionen ihrer Arten geprägt. In Städten werden diese
Spielregeln für das Zusammenleben zudem fundamental von der Anwesenheit
der Menschen beeinflusst.
Die Auswertung der mehr als 10.000 Fotos ist Teil des von Prof. Stephanie
Kramer-Schadt geleiteten bürgerwissenschaftlichen Projekts
„Wildtierforscher“ am Leibniz-IZW, einer Säule des an der Schnittstelle
zwischen Wissenschaft und Gesellschaft angesiedelten Projektverbundes
„WTimpact“. WTimpact wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung
von 2017 bis 2021 gefördert. Im „Wildtierforscher“-Projekt arbeiteten
Wissenschaftler:innen des Leibniz-IZW und Berliner „citizen scientists“
zusammen, um die Ökologie der städtischen Tierwelt zu untersuchen. Gärten
wurden als Untersuchungsstandorte ausgewählt, weil sie auf Wildtiere
sowohl anziehend als auch abweisend wirken können. Städtische Gärten
stellen mit Kompost, Gemüsebeeten, Obstbäumen oder Haustierfutter eine
wichtige Nahrungsquelle für Wildtiere dar. Zugleich sind sie Orte, an
denen es mit einer hohen Wahrscheinlichkeit zu einer unerwünschten
Begegnung mit Menschen oder Haustieren kommen kann.
Das Projektteam teilte das Land Berlin für die Analyse in ein regelmäßiges
Raster von fast 300 Zellen von zwei mal zwei Kilometern ein. Für fünf
Feldphasen von jeweils einem Monat konnten sich Berliner Bürger:innen, die
über einen Privatgarten im Stadtgebiet verfügten, bewerben und wurden so
ausgewählt, dass sie möglichst gleichmäßig über das gesamte Raster
verteilt waren. Die Teilnehmer:innen installierten in ihren Gärten eine
Wildtierkamera, die Tiersichtungen aufzeichnete, sobald ihr
Bewegungssensor eine Bewegung wahrnahm. Das Wissenschaftsteam des Leibniz-
IZW kombinierte diese Daten später mit lokalen Informationen zu
Gartengröße, lokalem Baumbestand, potenziellen Nahrungsquellen und Höhe
des Zauns sowie mit Daten zur Bevölkerungsdichte. In jeder Feldphase
zeichneten die Kameras zwischen 2200 und 3000 Fotos von Katzen, 300 bis
1200 von Rotfüchsen, 250 bis 1000 von Waschbären und 50 bis 300 von
Mardern sowie zahlreiche Fotos anderer Säugetiere auf.
„Uns interessierte, ob und wie die flexiblen und anpassungsfähigen
Beutegreifer in vom Menschen dominierten Umgebungen präsent sind und
räumlich und zeitlich interagieren“, sagt Erstautorin Dr. Julie Louvrier,
IPODI-Stipendiatin an der Technischen Universität Berlin und
Gastwissenschaftlerin am Leibniz-IZW in der Abteilung für Ökologische
Dynamik. „Das heißt, wir wollten wissen, ob sie dieselben Orte nutzen, und
wenn ja, ob sie sich aus dem Weg gehen, indem sie zum Beispiel zu
unterschiedlichen Tages- oder Nachtzeiten kommen.“
Die wichtigsten Ergebnisse von Louvrier und ihren Kolleg:innen sind:
• Jahreszeiten und Covid-Lockdowns hatten einen großen Einfluss
darauf, wie oft Wildtierarten nachgewiesen wurden. Der Herbst ist für
Berliner Füchse, Waschbären, Marder und Katzen eine deutlich aktivere
Jahreszeit als der Frühling. Während der Lockdowns nutzten die
Berliner:innen ihren Garten vermutlich häufiger tagsüber, so dass die
Wildtiere gezwungen waren, auf die Nacht auszuweichen. Gleichzeitig nahm
die Anwesenheit von Füchsen, Mardern und Waschbären in Gärten während der
Ausgangssperren insgesamt zu, was wahrscheinlich auf die allgemein
geringere Aktivität von Menschen im städtischen Raum zurückzuführen ist.
• Alle untersuchten Wildtierarten tolerieren zwar bis zu einem
gewissen Grad die Anwesenheit von Menschen, vermieden aber echte
Begegnungen mit ihnen, indem sie ihre Aktivität auf die Nacht
konzentrierten, also auf die Zeit, in der Menschen am wenigsten aktiv
sind.
• Das Auftreten von Füchsen, Waschbären und Mardern in Gärten
änderte sich in ähnlicher Weise: Wenn mehr Füchse da waren, gab es auch
mehr Waschbären und Marder - und andersherum. Sie gehören der gleichen
ökologischen Gilde an und nutzen die gleichen Ressourcen in einer vom
Menschen überformten Umgebung wie der Stadt. Gleichzeitig gehen sich die
Arten aus dem Weg, wie detaillierte zeitliche Auswertungen zeigen: Die
Wissenschaftler:innen stellten eine systematische Zeitverzögerung zwischen
aufeinanderfolgenden Nachweisen der Wildtierarten fest. Diese nutzen
denselben Raum offenkundig zeitlich getrennt.
• Hauskatzen sind ein Sonderfall: Einerseits bedeutete „mehr Katzen“
auch mehr fotografierte Waschbären (die Waschbären nutzen die Anwesenheit
von Katzen wahrscheinlich als Hinweis auf Haustierfutter in den Gärten),
andererseits tauchten Marder und Füchse nicht häufiger auf, wenn Katzen in
einem Garten präsent waren. Dies deutet auf eine Hierarchie der vier Arten
hin, wobei die mit dem Menschen verbundene Haustierart die dominierende
Art ist. Dies gilt insbesondere im Hinblick auf eine weitere interessante
Beobachtung: Katzen scheinen kein zeitliches Vermeidungsmuster gegenüber
den anderen Arten zu verfolgen, obwohl ihr Körpergewicht, das ein
Indikator für Dominanz sein könnte, im Durchschnitt unter dem von Füchsen
und Waschbären liegt.
„Wir Menschen üben starke Selektionsdrücke auf Wildtierarten aus und
verändern dadurch ihr Verhalten und ihre Lebensweise. Die Lockdowns waren
ein Glück im Unglück für die Forschung, wie ein Experiment, denn sie boten
uns die Gelegenheit zu untersuchen, wie sich unsere wilden Nachbarn
verhalten, wenn der Mensch plötzlich aus dem städtischen Raum
verschwindet. Wir sind daher allen Bürgerwissenschaftler:innen, die an
dieser besonderen Forschungsarbeit mitwirkten, sehr dankbar“, sagt
Stephanie Kramer-Schadt.
„Unsere Untersuchung gewährt neue Einblicke in die Regeln, die den
Interaktionen in einer Gemeinschaft mittelgroßer Beutegreifer in einer
städtischen Umgebung zugrunde liegen“, sagt Louvrier. Es gibt mehrere
Variablen, die die Interaktionsmuster in Gänze oder zu Teilen sowohl
räumlich als auch zeitlich beeinflussen, insbesondere wenn die
Auswirkungen menschlicher Präsenz berücksichtigt wird. Der Mensch spielt
die Rolle einer „Super-Schlüsselart“, und seine Haustiere üben eine
Dominanz auf die lokale Tierwelt aus ¬– selbst auf Arten, die relativ gut
mit menschlicher Präsenz in vom Menschen überformten Landschaften
zurechtkommen.
