Aufklärer der Klimakrise: Bremen im Weltklimarat
Er dokumentiert das Wissen der Welt zu den Auswirkungen des Klimawandels
auf Ökosysteme und Artenvielfalt, auf Mensch und Natur: Im Februar
verabschiedet die Arbeitsgruppe II des Weltklimarates ihren
Sachstandsbericht – am 28.02.2022 wird dieser vorgestellt. Ko-
Vorsitzender des einflussreichen Gremiums ist ein Bremer: Professor Dr.
Hans-Otto Pörtner, Kooperationsprofessor vom Alfred-Wegener-Institut
Helmholtz-Zentrum für Polar-und Meeresforschung (AWI) und der Universität
Bremen.
Marktstraße 3 im Zentrum von Bremen, ein schmuckloses Bürogebäude unweit
von Rathaus, Bürgerschaft und Dom: Unten im Erdgeschoss offeriert eine
Kette ihre Kaffeeprodukte. Oben im fünften Stock wird buchstäblich
Klimageschichte geschrieben, ganz unaufgeregt. Hier ist die
Geschäftsstelle der Arbeitsgruppe II des Weltklimarates zu Hause. Ein Team
von zwölf Mitarbeitenden unter Leitung des Meeresbiologen Hans-Otto
Pörtner.
Den Stand der Forschung zum Klimawandel zusammenzufassen und zu bewerten,
der Politik eine wissenschaftsbasierte Grundlage für ihre Entscheidungen
zu liefern, ist die Aufgabe des Weltklimarates. 195 Staaten sind im
„Intergovernmental Panel on Climate Change“ (IPCC) vertreten, so die
englischsprachige Bezeichnung der zwischenstaatlichen, unabhängigen
Institution, die 1988 von den Vereinten Nationen gegründet worden ist. In
Sachstandsberichten tragen drei Arbeitsgruppen regelmäßig das Klima-Wissen
der Welt zusammen.
--- „Weiterdaddeln wie bisher geht nicht. Wir sind Zeitzeugen der
existentiellsten Krise des Planeten, der Natur, der Menschheit.“ ---
Im Februar ist es wieder so weit. Dann verabschiedet die Arbeitsgruppe II,
deren Ko-Vorsitzender Pörtner ist, ihre Ergebnisse. „Folgen des
Klimawandels, Verwundbarkeit und Anpassung“ lautet der Titel ihres
Hauptberichts im 6. Berichtszyklus. Mit den Folgen des Klimawandels für
Ökosysteme und Artenvielfalt, mit der Verwundbarkeit von Mensch und Natur,
mit den Möglichkeiten und Grenzen der Anpassungsfähigkeit der Systeme
beschäftigt er sich. Auch enthält der Bericht Prognosen etwa darüber, wie
viel Lebensraum der Mensch durch den Klimawandel verliert oder wie die
Mortalität durch die globale Erwärmung steigt.
Der Entwurf ist noch vertraulich, aber eine grundlegende Botschaft ist
bereits jetzt klar. „Weiterdaddeln wie bisher geht nicht“, sagt Pörtner.
„Wir sind Zeitzeugen der existentiellsten Krise des Planeten, der Natur,
der Menschheit. Noch haben wir die Hebel in der Hand. Aber wir müssen auch
bereit sein, sie zu bewegen. Mit dem Klima können wir keine Verhandlungen
führen; Naturgesetze müssen wir respektieren.“
Über einen Zeitraum von drei Jahren hat das Team an der Marktstraße mit
Wissenschaftler:innen aus der ganzen Welt kommuniziert, hat sie
unterstützt in wissenschaftlichen, organisatorischen, technischen Fragen
und das Wissen zusammengefügt. Etwa 280 Hauptautorinnen sind an dem
Bericht beteiligt – Bio-log:innen, Geolog:innen, Umweltphysiker:innen und
viele andere Disziplinen, oft die besten ihrer Zunft. Alle sind wie
Pörtner auch ehrenamtlich dabei. Herausgekommen ist ein voraussichtlich
gut 2000 Seiten starker Report, unterteilt in 18 Kapitel. Sie befassen
sich mit einzelnen Weltregionen, mit besonders gefährdeten Systemen wie
den tropischen Regenwäldern oder den Polargebieten, mit der Artenvielfalt,
mit Ozeanen, der Waldwirtschaft und der Nahrungsmittelproduktion.
Die gut 30-seitige politische Zusammenfassung des Berichts wird im Februar
auf der einwöchigen Vollversammlung des Weltklimarates mit rund 500
Regierungsvertreter:innen diskutiert. „Wir als Ko-Vorsitzende haben die
Aufgabe, diesen Prozess zu koordinieren und zu leiten“, sagt Pörtner, der
sich die Aufgabe mit der Südafrikanerin Debra Roberts teilt.
Die Ko-Vorsitzenden sind dann weniger als Wissenschaftler:innen gefragt,
sondern als Diplomat:innen, als Vermittler:innen – und als Personen mit
dem Hammer. Wort für Wort, Zeile für Zeile des Entwurfs werden debattiert.
„Sie glauben gar nicht, was da noch an Wünschen kommen kann“, sagt der 66
-jähri-ge mit einem leichten Stöhnen. Ist Einigung über eine Formulierung
erzielt, lässt er wie bei einer Auktion den Hammer niedersausen. Dann
springt die gelbe Schrift für strittige Formulierungen um auf Grün.
Der Bericht ist ein Konsensprodukt, natürlich. Er wird gemeinsam
verabschiedet von Wissenschaft und Regierungen, fließt in deren Handeln
mit ein. „Wir haben direkten Zugang zu den Regierungen und können
Informationen unmittelbar in den Politikprozess einschleusen. Das ist der
große Vorteil des Weltklimarats“, sagt Pörtner. Ein Vetorecht habe die
Politik nicht. „Die Wissenschaft hat das letzte Wort. Die Wünsche der
Regierungen können nie so weit gehen, dass sie wissenschaftlichen Aussagen
verändern.“
Pörtner engagiert sich seit Langem für den Weltklimarat. Zunächst als
Autor, später als Leitautor für das Kapitel Ozeansysteme. Als er 2015
gefragt wurde, ob er sich als Ko-Vorsitzender zur Wahl stellen wolle,
zögerte er nicht lange. Nach Professor Dr. Ottmar Edenhofer vom Potsdam-
Institut für Klimafolgenforschung ist er erst der zweite Deutsche an der
Spitze einer Arbeitsgruppe.
Das ist nicht nur eine Auszeichnung für ihn als Wissenschaftler und
Person, sondern auch für das AWI sowie insgesamt für den
Wissenschaftsstandort Bremen und die U Bremen Research Alliance. Der
Biologe kam 1995 ins Bundesland Bremen, übernahm dort die Leitung der
Forschungsgruppe für Integrative Ökophysiologie am AWI. Obwohl es an
Anfragen aus anderen Wissenschaftsstandorten nicht mangelte, blieb er in
Bremen. „Wir haben am AWI über die Jahre Forschungsmöglichkeiten
aufgebaut, die sich nicht überall finden“, meint Pörtner.
Ein weiterer Faktor für sein Bleiben ist der enge Austausch der
Wissenschaft im Bundesland Bremen. Als Kooperationsprofessor ist Pörtner
gleich für zwei Mitgliedseinrichtungen der U Bremen Research Alliance
tätig: für das AWI und für die Universität Bremen, an der er lehrt und
Promovierende betreut. „Gute Wissenschaft geht nur gemeinsam, über die
Grenzen der Disziplinen und Institutionen hinweg. Dafür ist die Allianz
ein sehr gutes Beispiel.“
Mittelpunkt seiner Forschung sind der Naturraum Ozean und die Auswirkungen
des Klimawandels auf das Leben im Meer. Drei zentrale Faktoren bestimmen
die Veränderungen: der Temperaturanstieg, die zunehmende Sauerstoffarmut
und die Versauerung durch die steigende Aufnahme von Kohlendioxid. „Tiere
sind spezialisiert auf ein begrenztes Temperaturfenster. Der antarktische
Fisch stirbt bei drei Grad Celsius den Hitzetod“, sagt er. Eine Folge der
Erwärmung ist die Artenwanderung. Die Wechselwirkungen zwischen den Arten
ändern sich, neue Ökosysteme entstehen. „Wie funktionieren sie? Das ist
eine von vielen Fragen, die ich beantworten möchte.“
--- „Gute Wissenschaft geht nur gemeinsam, über die Grenzen der
Disziplinen und Institutionen hinweg. Dafür ist die Allianz ein sehr gutes
Beispiel.“ ---
Im Weltklimarat hat es Pörtner mit Kolleg:innen ganz verschiedener
Disziplinen zu tun. Dabei geht es nicht nur um naturwissenschaftliche
Fragen, sondern auch um die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgen
der Klimakrise, etwa beim Fischfang. „Man muss die interdisziplinären
Zusammenhänge sehen und die Scheuklappen seines Fachs überwinden“,
beschreibt Pörtner eine Anforderung an seine Arbeit. So hat er im Sommer
2021 gemeinsam mit dem Weltbiodiversitätsrat eine Studie vorgelegt, die
den Dreiklang aus Emissionsschutz, nachhaltigem Artenschutz und sozialer
Gerechtigkeit erstmals thematisierte. „Dass wir diesen Zusammenhang
aufgezeigt und mit Fakten etabliert haben – darauf bin ich stolz.“ Nicht
weniger stolz ist er, mitgeholfen zu haben, die Ozeane in den
Klimaverhandlungen der Vereinten Nationen zu verankern. „Für die
Meeresforschung ist das ein großer Erfolg.“
Für drei Sonderberichte des Weltklimarates im 6. Berichtszyklus trug
Pörtner bislang Mitverantwortung, zur globalen Erwärmung um 1,5 Grad, zu
Landsystemen sowie zu Ozeanen und der Kryosphäre, den gefrorenen Systemen
der Erde. Welche Wirkung auf das Klima er sich von dem Bericht erhofft?
„Dass wir es schaffen, die globale Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu
begrenzen. Wir sind in den zehn entscheidenden Jahren der Klimapolitik.
Wenn wir jetzt nicht die Dinge umdrehen, wird uns das Klima möglicherweise
davonlaufen.“
In diesem Jahr steht noch ein weiterer Bericht an, der die Ergebnisse der
drei Arbeitsgruppen des Weltklimarates zusammenfasst. Im November dann
folgt die UN-Klimakonferenz in Ägypten. 2023 endet seine Amtszeit. Doch
der Klimawandel schreitet weiter fort, und mit ihm das Berichtswesen. Ist
das 1,5 Grad-Ziel noch erreichbar? Pörtner ist verhalten optimistisch.
„Ja“, sagt er, die Betonung liege jedoch eindeutig auf „noch“. Und dann
folgt das Aber: „Wir müssen bereit sein für eine tiefgreifende
Transformation, und zwar jetzt. Was zu tun ist, ist bekannt.“
Originalpublikation:
Impact – Das Wissenschaftsmagazin der U Bremen Research Alliance
In der U Bremen Research Alliance kooperieren die Universität Bremen und
zwölf Forschungsinstitute der vier deutschen Wissenschaftsorganisationen
sowie das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz - alle mit
Sitz im Bundesland.
Das seit 2019 erscheinende Magazin Impact dokumentiert die kooperative
Forschungsstärke der Allianz und ihre gesellschaftliche Relevanz.
„Aufklärer der Klimakrise: Bremen im Weltklimarat“ wurde in Ausgabe 5
(Januar 2022) veröffentlicht.
https://www.uni-
bremen.de/fileadmin/user_uploa
