Alte Linsen neu entdeckt: Forschende selektieren Sortentypen für Anbau in Deutschland
Digitale LinSel Konferenz 2022. Das Zentrum
Ökologischer Landbau der Universität Hohenheim lädt Linsen-Interessierte
zum Austausch ein.
Pflanzliches Protein vom heimischen Feld – die Linse ist ein wahres
„Superfood“. Auf deutschen Feldern wächst die alte Kulturpflanze jedoch
nur selten: Zu komplizierte Ernte, zu wenig Ertrag. Die LinSel-
Forschungsgruppe, koordiniert vom Zentrum Ökologischer Landbau der
Universität Hohenheim in Stuttgart, möchte das ändern: Sie stellt auf der
Konferenz sogenannte Genotypen vor, die sich als Vorläufer für Sorten für
den heimischen Anbau eignen. Ein weiterer Schwerpunkt sind die
Möglichkeiten, diese in Deutschland zu vermehren und zu kultivieren.
Weitere Informationen unter https://oeko.uni-hohenheim.de/
Die Wiederentdeckung der schwäbischen „Albleisa“ vor etwa 20 Jahren war
Anlass für neue Forschung rund um die Linse. Forschende interessieren sich
dafür, wie man die alte Kulturpflanze zurück auf heimische Felder bringen
kann, um Lieferwege zu verkürzen. Dafür gehen sie der Frage nach, welche
Genotypen sich für mitteleuropäische Verhältnisse eignen.
Gemeinsam mit beiden Fachgebieten Allgemeiner Pflanzenbau und Qualität
pflanzlicher Erzeugnisse des Instituts für Kulturpflanzenwissenschaften
der Universität Hohenheim, dem Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und
Kulturpflanzenforschung (IPK) Gatersleben, dem Keyserlingk-Institut, und
der Universität Kassel identifizierte das Zentrum Ökologischer Landbau der
Universität Hohenheim Genotypen, die sich für den Anbau in Deutschland
eignen.
Vom Labor aufs Versuchsfeld und auf den Acker
Über drei Jahre selektierte das Forschungsprojekt geeignete
Linsengenotypen für den heimischen Anbau. Zunächst untersuchte das IPK 110
Herkünfte, die in der Genbank eingelagert waren. Die Forschenden
analysierten, welche Linsen konkurrenzfähig sind und Potenzial für eine
ertragreiche Ernte haben.
Die ausgewählten Herkünfte kamen anschließend an die Universität
Hohenheim. Der Anbau auf Versuchsfeldern sollte zeigen, wie sich die
Linsen auf dem Feld entwickeln und ob die alten Sorten robust genug sind,
um den aktuellen Klimabedingungen standzuhalten.
Das Keyserlingk-Institut prüfte „on farm“ auf einem größeren Ackerschlag,
wie konkurrenzstark die Linsen-Genotypen sind, welche Krankheiten
auftreten können und wie viel Ertrag die Pflanzen bringen. Auch technische
Parameter, die wichtig für den Anbau sind, spielten hier eine Rolle: Wie
gut lassen sich unterschiedliche Genotypen ernten und wie viel Ernte
bleibt am Ende übrig? Forschende des Fachbereichs Ökologische
Agrarwissenschaften der Universität Kassel untersuchten, wie sich die
Sortentypen über mehrere Jahre an verschiedene Standorte anpassen und
welche Faktoren Umweltbedingungen, Boden und Klima dabei spielen.
Die Ernte wanderte wieder nach Hohenheim: Hier analysierten Forschende im
Labor unter anderem den Eiweißgehalt und die Tausendkornmasse – eine
wichtige Kenngröße im Saatguthandel.
Alte Sortentypen bieten überraschendes Potenzial
Übrig blieben schließlich sechs bis acht Sorten bzw. Genotypen, die ein
großes Potenzial für den regionalen Anbau haben. Alex Kröper,
wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Hohenheim, begleitete
den Versuchsanbau am Zentrum Ökologischer Landbau der Universität
Hohenheim: „Wir haben einige, teilweise alte Genbankakzessionen gefunden,
die im Versuchsanbau besser abschnitten als regional angebaute
Vergleichssorten. Diese Sorten bieten gute Voraussetzungen für einen
erfolgreichen Anbau in Deutschland.“
Die Herausforderung sei nun, die ausgewählten Linsen auf
landwirtschaftliche Flächen zu bringen. „Unter Landwirten gelten Linsen
bisher noch als wenig attraktiv und schwierig zu ernten. Weil die Pflanze
lange nicht in Deutschland kultiviert wurde, ist sie nicht an unsere
modernen Agrarsysteme angepasst. Eine professionelle Vermehrung steht noch
ganz am Anfang“, meint Dr. Sabine Zikeli, Koordinatorin des Projekts am
Zentrum Ökologischer Landbau. „Deswegen suchen wir auf unserer Konferenz
auch den aktiven Austausch mit Landwirten über die Vermehrung und
Vermarktung von heimischen Linsen.“
LinSel-Konferenz gibt Impulse für landwirtschaftliche Nutzung
Auf der LinSel-Konferenz erläutern die Projektpartner die Ergebnisse der
einzelnen Forschungsschritte und stellen die ausgewählten Linsen vor.
Weitere Impulse geben Forschende aus der Schweiz und Kanada, die ebenfalls
Feldversuche mit verschiedenen Linsenkulturen durchgeführt haben. In
verschiedenen Workshops geht es zudem darum, die Forschungsergebnisse in
die Praxis auf heimische Felder zu überführen. Dafür teilen Linsen-
Fachleute ihr Wissen über die gesamte Wertschöpfungskette der Pflanze –
von der Züchtung und Vermehrung von Sortentypen über den Nutzen von
Erzeugergemeinschaften bis zur Vermarktung.
HINTERGRUND: Die Wiederentdeckung der schwäbischen Alblinse
Bis in die 1950er Jahre war die schwäbische Alb Anbaugebiet für regionale
Linsensorten. Wegen der aufwendigen Ernte und des niedrigen Ertrags
verschwand die Linse jedoch mit der Zeit von den Feldern. Bis sich in den
1980er Jahre ein Bio-Landwirt – Woldemar Mammel, unter Linsen-
Interessierten bekannt als „Linsenpapst“ – in den Kopf setzte, Linsen
zurück in die schwäbische Landwirtschaft zu bringen.
Da die alten schwäbischen Sorten ausgestorben schienen, baute Mammel
zunächst andere Linsensorten an. Die Alblinse ging ihm jedoch nicht mehr
aus dem Kopf – er suchte über Jahrzehnte nach der regionalen Sorte. 2006
wurde sie schließlich in der Wawilow-Genbank in St. Petersburg
wiederentdeckt. Mammel reiste persönlich nach Russland, um die Alblinsen
abzuholen. Seitdem wächst die schwäbische Linse wieder auf der
schwäbischen Alb. Da die Nachfrage nach der regionalen Linse schnell
stieg, gründete sich die Erzeugergemeinschaft „Alb-Leisa“. Ihr gehören
mittlerweile über 110 Bauernhöfe an.
Prof. Dr. Sabine Gruber von der Universität Hohenheim teilte die
Begeisterung für den Linsenanbau auf der Schwäbischen Alb und etablierte
den Forschungsschwerpunkt am Institut für Kulturpflanzenwissenschaften,
Fachgebiet Allgemeiner Pflanzenbau. Der enge Austausch mit den Linsen-
Anbauern und -Anbauerinnen inspirierte sie bis zu ihrem Tod zu umfassenden
Forschungsarbeiten zu alten und neuen Kulturarten.
Weitere Informationen
Anmeldung zur LinSel Konferenz: https://oeko.uni-
hohenheim.de/linsel_konferenz
Informationen zum Forschungsprojekt LinSel: https://oeko.uni-
hohenheim.de/forschungsprojekt
