Weltklimabericht: „Klimafolgen hängen von Verwundbarkeit und Anpassungsfähigkeit der Gesellschaften ab“
Wetterextreme infolge des Klimawandels werden künftig häufiger und
heftiger, doch die Auswirkungen treffen die Gesellschaften je nach
Vulnerabilität und Anpassungsfähigkeit sehr unterschiedlich: So lautet
eines der Ergebnisse des am 28. Februar 2022 in der Bundespressekonferenz
vorgestellten 6. Sachstandsberichts des Weltklimarats (IPPC), an dem auch
Prof. Jörn Birkmann, Leiter des Instituts für Raumordnung und
Entwicklungsplanung der Universität Stuttgart, mitgewirkt hat. Die Zahl
der Todesopfer nach Hochwassern, Dürren und Stürmen zum Beispiel liegt in
hoch verwundbaren Ländern und Regionen rund 15 Mal höher als in gering
verwundbar eingestuften.
Birkmann war Teil der Arbeitsgruppe II des Weltklimarats und einer der
drei koordinierenden Leitautoren des 8. Kapitels, das sich mit Fragen der
Armut, der unterschiedlichen Verwundbarkeit, klimasensitiven Strategien
der Lebenssicherung und dem Thema nachhaltige Entwicklung befasst. In
diesem Rahmen konnten er und sein Team ihre Forschung zu globalen und
lokalen Mustern der Verwundbarkeit an zentraler Stelle einfließen lassen.
So hatten die Forschenden auf der Basis zahlreicher globaler Studien
festgestellt, dass die massiven Unterschiede in den Auswirkungen von
Extremereignissen nicht allein mit deren Intensitäten oder Häufigkeiten zu
erklären sind. „Sie spiegeln vielmehr den Umstand, dass die Wirkungen des
Klimawandels auf unterschiedlich verwundbare Gesellschaften mit sehr
unterschiedlichen Anpassungskapazitäten treffen“, erklärt Birkmann.
„Bereits bestehende Destabilisierungs-prozesse wie etwa Armut,
militärische Konflikte oder soziale Ungleichheiten entscheiden mit
darüber, ob ein Extremereignis zu extremen negativen Auswirkungen führt.“
„Nationale Programme reichen nicht“
Die Forschungen des Teams von Prof. Birkmann zeigen zudem, dass weltweit
3,3 bis 3,6 Milliarden Menschen in vulnerablen Kontexten leben. Zahlreiche
Länder und so genannte „globale Hotspots der Verwundbarkeit“ sind dabei
durch überlappende Entwicklungsprobleme gekennzeichnet. „Neben Aspekten
der Armut können zum Beispiel ein hoher Anteil an älteren Menschen oder
ein fragiles Staatswesen dazu führen, dass Risikovorsorge und
Anpassungskapazität geschwächt sind“, so Birkmann. Dabei handele es sich
bei den besonders verwundbaren Räumen und Regionen meist nicht um einzelne
Staaten, sondern um Ländergruppen. „Darum müssen zukünftig mehr Anreize
für die Kooperation zwischen Ländern entwickelt werden“, fordert Birkmann.
„Nationale Programme allein reichen hier nicht aus.“
Der Bericht macht auch deutlich, dass Strategien zur Risikominderung und
Anpassung die Rahmenbedingungen der Länder und die dort lebenden
Gemeinschaften in den Blick nehmen müssen. So seien zum Beispiel neben
finanziellen Hilfen und Frühwarnsystemen auch institutionelle Kapazitäten
zu stärken und strukturelle Entwicklungsprobleme anzugehen. Da viele
globale Hotspots der Verwundbarkeit in Entwicklungsländern liegen, kommt
zudem der Frage der Klimagerechtigkeit in Zukunft ein höheres Gewicht zu.
„Die meisten der besonders verwundbaren Länder haben nur einen geringen
Beitrag der globalen Klimaemissionen verursacht und verzeichnen dennoch
überdurchschnittliche Verluste“, so Birkmann.
Aktuell auch für Deutschland
Doch nicht nur Entwicklungsländer bekommen die Auswirkungen von
Extremereignissen zu spüren. „Die Hochwasser an der Ahr und in Nordrhein-
Westfalen im vergangenen Sommer mit mehr als 180 Todesopfern zeigen, dass
die Themen Verwundbarkeit, Risikominderung und Klimaanpassung auch für
Deutschland hoch aktuell sind.“ So wird in den Opferstatistiken in
Rheinland-Pfalz ersichtlich, dass die Flut besonders verwundbare Personen
wie ältere Menschen und Menschen mit Behinderung überproportional
getroffen hat. „Der derzeit laufende Wiederaufbau sollte daher nicht nur
den Zustand vor dem Ereignis herstellen, sondern auch die Verwundbarkeit
und das Risiko gegenüber zukünftigen Ereignissen mindern“, fordert
Birkmann, der auch der Expertengruppe zur wissenschaftlichen Begleitung
des Wiederaufbaus angehört. „Zudem benötigen die Menschen in den
verwüsteten Regionen einen schnellen Wiederaufbau, sie können nicht Jahre
warten. Um vorbereitet zu sein, braucht es in Zukunft Klima-
Anpassungskonzepte, die bereits in der Schublade liegen.“
