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Feeling the Groove: Warum uns Samba besonders zum Tanzen bringt

Sambarhythmen reißen Menschen mit – selbst Tanzmuffel. Ihr Geheimnis ist ihre Synchronität.  Ruslan Alekso  pexels.com
Sambarhythmen reißen Menschen mit – selbst Tanzmuffel. Ihr Geheimnis ist ihre Synchronität. Ruslan Alekso pexels.com
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Sambarhythmen reißen Menschen mit – selbst Tanzmuffel. Ihr Geheimnis ist ihre Synchronität.  Ruslan Alekso  pexels.com
Sambarhythmen reißen Menschen mit – selbst Tanzmuffel. Ihr Geheimnis ist ihre Synchronität. Ruslan Alekso pexels.com

Die Karnevalsumzüge in Rio de Janeiro machen es jedes Jahr aufs Neue
deutlich: Sambarhythmen reißen die Menschen mit – sie entlocken ihnen
ausgelassene Bewegungen und lösen enorme Freude aus. Worin aber liegt das
Geheimnis dieser Musik und die Ausdruckskraft der Trommelgruppen?
WissenschaftlerInnen des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und
Neurowissenschaften (MPI CBS) und des D’OR Institut für Forschung und
Lehre in Rio de Janeiro haben jetzt herausgefunden: Es ist die Synchronie,
mit der die MusikerInnen zusammenspielen. Die aktiviert besonders die
Hirnareale, in denen Rhythmus und Bewegung verarbeitet werden und die zu
Vorhersagen beitragen.

Der Karneval am Zuckerhut n Brasilien ist einzigartig. Charakteristisch
für die Umzüge sind die Trommeleinheiten von hunderten Perkussionisten,
die mit ihren Rhythmen die Gesänge und den Umzug einer Sambaschule
begleiten. Diese Gruppen versetzen nicht nur die MusikerInnen und
TänzerInnen selbst in Ekstase. Sondern auch die meisten ZuschauerInnen.
Die werden von der Stimmung mitgerissen, bewegen sich ausgelassen und
fühlen sich mit den Menschen um sich herum verbunden. Darunter selbst
Menschen, die sich eigentlich als Karneval- und Tanzmuffel bezeichnen.

Annerose Engel, Neurowissenschaftlerin und Neuropsychologin am MPI CBS und
dem Universitätsklinikum Leipzig wollte wissen: Was steckt in der
Trommelmusik, dass sie ein derart starkes Gefühl von „Groove“ auslöst,
also die Freude und den unwiderstehlichen Drang, sich zu bewegen und zu
tanzen? Welchen Einfluss haben dabei das synchrone Zusammenspiel der
MusikerInnen oder die Lautstärke? Und was passiert im Gehirn, wenn wir
diesen Groove empfinden?

Um das herauszufinden, reiste Annerose Engel nach Rio de Janeiro,
Brasilien, und engagierte einen anerkannten Meister einer Samba-
Trommeleinheit. Der nahm die typischen neun Rhythmusinstrumente auf und
arrangierte daraus ein typisches Musikstück. Im Anschluss daran variierte
Engel diese Aufnahmen, indem sie das Zusammenspiel dieser
Instrumentengruppen manipulierte. Im Mittelpunkt standen dabei die snare
drums, die Marschtrommeln, die der Gruppe einen akzentuierten stetigen
Puls vorgeben. Sie erklangen entweder in ihrer Originalversion ohne
Verzögerung – oder mit 28, 55 oder 83 Millisekunden Verzögerung im
Verhältnis zu den anderen Instrumenten. So, als spiele die gesamte Truppe
nicht mehr exakt im Takt.

Diese Versionen bekamen zuerst 12 StudienteilnehmerInnen in
unterschiedlicher Lautstärke  (laut mit 85 db oder sehr laut mit 95 db) zu
hören. Sie beurteilten jeweils, wie stark ihr Drang war, sich dazu zu
bewegen und wie angenehm sie die Aufnahmen empfanden. In einem zweiten
Experiment lauschten weitere 21 StudienteilnehmerInnen den
Musikausschnitten, während ihre Gehirnaktivität mittels funktioneller
Magnetresonanztomographie gemessen wurde. Dabei nahmen nur die Menschen an
der Studie teil, die Sambarhythmen mochten und meist selbst den Samba
Rhythmus auch spielen konnten.

Es zeigte sich: Die Trommeleinheiten, die exakt im Takt spielten, wurden
als besonders angenehm und animierend wahrgenommen. Selbst kleine
Abweichungen vom Takt (weniger als 50 ms) lösten noch Freude beim Hören
und die Lust zu tanzen, also das Groove Gefühl, aus. Je lauter die Stücke
ertönten, desto stärker wurde der Drang, sich zu bewegen – jedoch nur
dann, wenn die Instrumente im Takt spielten. Interessanterweise waren
StudienteilnehmerInnen, die in einem Test ein besonders gutes
Rhythmusgefühl zeigten, besonders sensitiv für die Manipulation der
Synchronie zwischen den Instrumentengruppen.

Dieses Groove-Erleben spiegelte sich auch in den Hirnprozessen der
TeilnehmerInnen wider. Je synchroner die Trommeln der verschiedenen
Instrumentengruppen erklangen, desto aktiver war ein Netzwerk, das für
Bewegungen und die Wahrnehmung von Rhythmen zuständig ist: Das
supplementär-motorische Areal, der linke prämotorische Cortex und der
linke frontale Gyrus. Diese Hirnregionen treten nicht nur bei Bewegungen
in Aktion, sondern auch, wenn etwas vorhergesagt werden soll – ein
fundamentaler Prozess unserer Wahrnehmung. „Die Aktivität im Netzwerk
dieser motorisch assoziierten Regionen könnte die neuronale Grundlage für
das Empfinden von Groove sein, insbesondere dem ausgeprägten
Bewegungsdrang“, erklärt Engel, Erstautorin der zugrundeliegenden Studie,
die jetzt im Fachmagazin „Frontiers of Neuroscience“ erschienen ist. „Je
synchroner die Instrumente zusammenspielen, desto klarer kann der
zugrundeliegende Takt erfasst werden. Das vereinfacht vermutlich die
Vorhersageprozesse.“

Zudem könnte die Wahrnehmung von Synchronie zwischen den Instrumenten auch
eine soziale Verbundenheit erzeugen. Ein Teil der StudienteilnehmerInnen
gab an, bei Sambamusik besonders intensive Emotionen zu empfinden. Bei
ihnen, den sogenannten deep listeners, zeigte sich während der synchronen
Trommeleinheiten eine stärkere Aktivität im subgenualen cingulären Kortex
– einer Hirnregion, in der soziale Bindung, prosoziales Verhalten und
Gruppenidentifikation verarbeitet wird. Vermutlich triggert die
Wahrnehmung von Synchronie Kopplungsprozesse im Gehirn, die wiederum eine
wichtige Rolle beim emotionalen Erleben haben.

Die ForscherInnen gehen davon aus, dass sich die Beobachtungen auch auf
andere Musikstile wie Jazz oder elektronische Musik aber auch auf rituelle
Trommelmusik anderer Kulturen übertragen lassen. Je besser das
Zusammenspiel zwischen MusikerInnen oder Klängen, desto klarer der Puls –
und desto stärker das erzeugte Groove-Empfinden.

„Diese Erkenntnisse könnten uns auch in der Neurorehabilitation helfen“,
sagt Engel. Für die Behandlung eines Schlaganfalls oder anderer
neurologischer Erkrankungen wird Musik gezielt eingesetzt, um durch
rhythmische Stimulation Bewegungsabläufe aber auch Aufmerksamkeit und
andere kognitive Fähigkeiten zu trainieren. „Musik, die ein Groove-Erleben
fördert, könnte sich dafür besonders eignen“, so die Neuropsychologin.