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Bedeutung von Nachhaltigkeit und Krieg für Transformationsprozesse der Agrar- und Ernährungswirtschaft in Niedersachsen

Die Teilnehmenden der trafo:agrar-Jahrestagung in Göttingen  Universität Göttingen
Die Teilnehmenden der trafo:agrar-Jahrestagung in Göttingen Universität Göttingen
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Die Teilnehmenden der trafo:agrar-Jahrestagung in Göttingen  Universität Göttingen
Die Teilnehmenden der trafo:agrar-Jahrestagung in Göttingen Universität Göttingen

Die Zukunft der Agrar- und Ernährungswirtschaft in Niedersachsen stand am
09. März 2022 in der Paulinerkirche der Universität Göttingen im
Mittelpunkt des Diskurses. Eingeladen hatte der Forschungsverbund
Transformationsforschung agrar Niedersachsen (trafo:agrar) anlässlich
seiner 3. Jahrestagung. Angesichts des aktuellen Kriegsgeschehens in der
Ukraine wurden neben Fragestellungen zur Implementierung der Leitlinien
der Zukunftskommission Landwirtschaft (ZKL) auch die Prioritäten von
Versorgungssicherheit und Transformation diskutiert.

„Relativiert der Angriffskrieg in der Ukraine und die damit notwendige
Versorgungssicherung die Umsetzung des nachhaltigkeitsorientierten Umbaus
des Agrar- und Ernährungswirtschaft? Ist Transformation nur eine
Beschäftigung für Friedenszeiten? Was passiert mit den Höfen, wenn der
große Wurf, den Borchert- und Zukunftskommission vorschlagen nicht
gelingt? Wie können wir in unserer Gesellschaft nachhaltige Produktions-
und Konsumstrukturen etablieren und welche Schritte braucht es dazu?“
Diese und weitere Leitfragen wurden mit hochrangigen Vertreter*innen aus
Wissenschaft, Landwirtschaft, Wirtschaft und Naturschutz und 179 virtuell
zugeschalteten Gästen diskutiert.

Eröffnet wurde die Tagung mit dem Titel „Quo vadis: Transformationspfade
für die niedersächsische Agrarwirtschaft“ von Präsident Prof. Dr. Metin
Tolan der Universität Göttingen, der die Bedeutung von transdisziplinärer
Forschung, d.h. den Schulterschluss von Wissenschaft, Wirtschaft und
Gesellschaft herausstellte, um den komplexen Fragestellungen und
Herausforderungen unserer Zeit anwendungsorientiert zu begegnen.

In ihrem Grußwort führte Staatssekretärin Dr.in Sabine Johannsen,
Niedersächsisches Ministerium für Wissenschaft und Kultur, aus, dass den
niedersächsischen Hochschulen im aktuellen Transformationsprozess eine
zentrale Rolle zukomme. Der Transfer von Technologien und Erkenntnissen
aus der Forschung in Gesellschaft und Wirtschaft sei essentiell für die
Bewältigung großer gesellschaftlicher Herausforderungen. „Seit Beginn
dieser Legislaturperiode haben wir uns als Landesregierung vorgenommen,
den Wissens- und Technologietransfer zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und
Gesellschaft, die sogenannte „Third Mission“, strukturell und
institutionell zu verbessern.“, sagte Johannsen. Die Akteure im
Forschungsverbund trafo:agrar würden mit ihrer Arbeit genau auf dieses
Ziel hinwirken. Johannsen bedankte sich bei den Akteuren im Verbund und
hob die besondere Rolle der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler
hervor: „Mit Ihrer Arbeit tragen Sie zu zentralen Entscheidungsprozessen
im Transformationsprozess bei, indem sie in besonderer Weise die
Zielkonflikte zwischen Ökonomie, Ökologie und Gesellschaft identifizieren,
Lösungsmöglichkeiten anbieten und Handlungsempfehlungen aufzeigen. Die
Corona-Pandemie hat uns deutlich gezeigt, dass es nicht darum gehen darf,
mit kurzfristig wirksamen Beiträgen zur Lösung des im Moment drängenden
Problems beizutragen. Vielmehr müssen wir das hierdurch ausgelöste
Momentum für einen übergeordneten, nachhaltigen Prozess nutzen.“

Der Vorsitzende der Zukunftskommission Landwirtschaft (ZKL), Prof. Dr.
Peter Strohschneider, stellte die Ergebnisse der ZKL im Rahmen des
Hauptvortrags der halbtägigen Veranstaltung persönlich vor. Die
Zukunftskommission Landwirtschaft habe als sachkundiges Forum des fairen
Interessenausgleichs mit ihrem Abschlussbericht "Zukunft Landwirtschaft.
Eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe" ein Signal des Aufbruchs an die
Politik gesendet: Ökologisch und sozial verantwortliche Landwirtschaft
könne durchaus betriebswirtschaftlich attraktiv und volkswirtschaftlich
vorteilhaft sein. „Immer billiger“ sei angesichts der vielfältigen
Wechselwirkungen der Landwirtschaft mit Klima, Umwelt, Biodiversität und
Tierwohl längst „zu teuer“. Nicht oder zu langsam zu handeln, würde
dagegen unbezahlbar werden. „Dessen sind sich nach wie vor alle
Kommissionsmitglieder bewusst. Es eint sie die Hoffnung und auch die
Erwartung, dass ihre gemeinsamen Empfehlungen deutlichen Widerhall im
politischen Raum finden werden. Herr Bundesminister Özdemir hat bereits
sehr kurzfristig nach seiner Amtsübernahme das Gespräch mit der ZKL
aufgenommen, um an deren Arbeit anzuknüpfen.“ Zum Krieg in der Ukraine
äußerte sich Strohschneider wie folgt: „Dieser imperialistische
Angriffskrieg zeigt, dass das Recht auf Nahrung globalgesellschaftlich
verwirklicht werden muss. Dabei gehören ökonomische, ökologische und
soziale Nachhaltigkeit systematisch zusammen. Wie, das zeigt der
Abschlussbericht der ZKL. Ganz falsch wäre es aber, jetzt in die alten
Reflexe zurückzufallen und mit dem Schlagwort ‚Ernährungssicherheit‘
wieder ökonomische Belange gegen ökologische auszuspielen. Und übrigens
verlangt auch die Empathie mit dem Opfern des Krieges, dass man dessen
schreckliche Folgen nicht als allererstes für sich selbst
instrumentalisiert.

Die sich anschließende Podiumsdiskussion wurde vom Fachbeiratsvorsitzender
des Forschungsverbunds trafo:agrar, Hans-Joachim Harms, moderiert und
zeigte zentrale Transformationspfade, Wissens-, Kompetenz- und
Handlungsbedarfe auf. Die Zusammensetzung des hochkarätig besetzten
Podiums entspräche der transdisziplinären Arbeitsweise des Verbunds
trafo:agrar, der über zahlreiche nationale und internationale
Verbundprojekte Leuchttürme für multidirektionale und
anwendungsorientierte Transformationspfade auf den Weg gebracht habe, so
Harms. Der Kammerdirektor a.D. der Landwirtschaftskammer Niedersachsen
eröffnete die Diskussion mit der These, dass das Ergebnis der ZKL einen
Paradigmenwechsel in allen Bereichen, die die Landwirtschaft betreffen,
erfordere: „auf ordnungspolitischer, gesellschaftlicher und
landwirtschaftlicher Ebene“. Die zugehörigen Gelingensbedingungen für eine
Implementierung wurden im Anschluss insbesondere im Kontext des aktuellen
Krieges in der Ukraine diskutiert.

Thematisch sortierte Statements der Podiumsteilnehmenden

Gelingensbedingungen ZKL

In der Diskussion zur Implementierung der ZKL Ergebnisse in Niedersachsen
wurde herausgestellt, dass jede Region aufgefordert ist, ihr eigenes
Modell zu entwickeln. Allein der Vergleich zwischen Bayern und
Niedersachsen zeige deutlich, dass Kultur, Kulturraum und regionale
Charakteristika berücksichtigt werden müssten, um erfolgreiche,
nachhaltige Strukturen zu schaffen. Diese sollten sich auch an den
verfügbaren Ressourcen und Kompetenzen orientieren. Bei der
Implementierung sei ferner neben angepasster Bildung und Orientierung für
nachhaltiges Handeln in Alltag und Beruf für alle Altersstufen, eine
gleichrangige Berücksichtigung von Perspektiven aus Wissenschaft,
Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und Verwaltung erforderlich.

Der Präsident der Landwirtschaftskammer Niedersachsen (LWK), Gerhard
Schwetje, sagte: „Die Transformation der Agrar- und Ernährungssysteme und
damit die Umsetzung der Empfehlungen der ZKL sind eine
gesamtgesellschaftliche Zielsetzung. Für Niedersachsen haben wir damit die
Aufgabe, unseren Weg des Agrar-Umwelt-Dialogs, wie er etwa im
Naturschutzbündnis ‚Der Niedersächsische Weg‘ zum Ausdruck kommt,
weiterzuführen, um für unsere landschaftlichen und agrarstrukturellen
Gegebenheiten die geeigneten Maßnahmen zu identifizieren und mit dem
entsprechenden politischen Instrumentarium umsetzen zu können.“. Um den
Transformationsprozess systemisch zu unterstützen, ist nach Überzeugung
des Kammerpräsidenten nicht nur ein erweitertes Bildungs- und
Beratungsangebot notwendig, sondern weiterhin auch ein zielgerichtetes,
leistungsfähiges Versuchswesen, aus dem die LWK Empfehlungen für die
Praxis und die Politik ableiten kann.

Prof. Dr. Bernhard Brümmer, Agrarwissenschaftler an der Universität
Göttingen und deren nebenberuflicher Vizepräsident für Forschung, lobte
das Format der Zukunftskommission Landwirtschaft, mit dem ein auch
international durchaus viel beachteter Ansatz zur Neuordnung der
Agrarpolitik auf den Weg gebracht worden sei. Mit einer breiten
Beteiligung vieler gesellschaftlicher Gruppen sei es gelungen, aus teils
schon viel zu lange besetzten Konfliktpositionen heraus und hin zu einer
dialogorientierten Herangehensweise zu kommen. Die Ergebnisse dürften nun
allerdings nicht als Abschluss des Prozesses betrachtet werden. Die
Zukunftskommission schlägt Maßnahmen vor, deren Wirkung über die
öffentlichen Haushalte und damit die Steuerzahler hinausgehen. Daher
sollte der Blick nicht nur auf die Budgetwirkungen, sondern auch auf die
gesellschaftlichen Kosten und den gesellschaftlichen Nutzen gerichtet
werden, so Brümmer. Als Professor für Landwirtschaftliche Marktlehre am
Department für Agrarökonomie und Rurale Entwicklung sprach Brümmer
ebenfalls eine mangelnde Einbettung der Vorschläge in den europäischen und
den internationalen Kontext an, die auch schon in den Vorschlägen der
Borchert-Kommission zu verzeichnen gewesen sei. „Auf der Ebene der EU
ergeben sich die entscheidenden rechtlichen Vorgaben: Subventionsrecht,
Wettbewerbsrecht und der Schutz des freien Güterverkehrs können sich als
ganz entscheidende Faktoren für die teilweise aus den Vorschlägen
herauszulesende massive Subventionierung der deutschen Landwirtschaft
entpuppen. Auf der internationalen Ebene muss man konstatieren, dass die
Entwicklung in Europa mit Green Deal, F2F und Biodiversitätsstrategie auf
der einen Seite und die Ablehnung von neuer Gentechnik und international
als sicher anerkannten Produktionsmethoden auf der anderen Seite auf
relativ wenig Verständnis stößt. Damit dürfte das Produktionspotential in
der EU mittelfristig gemindert werden – eine eher bedrohliche Entwicklung,
die in einer Zeit, in der die ‚Kornkammer Europas‘ unter russischem
Artilleriefeuer zusammengeschossen wird, international zunehmend weniger
verstanden werden.“, so Brümmer.

Prof.in Dr.in Nana Zubek, Professorin für Agrarökonomie an der Fakultät
Agrarwissenschaften und Landschaftsarchitektur der Hochschule Osnabrück,
führte aus, dass für eine erfolgreiche Implementierung der ZKL-Leitlinien
ökonomische Instrumente die Attraktivität der Diversifizierung
landwirtschaftlicher Betriebe zielgerichtet steigern und langfristige
Perspektiven geben sollten, sodass gegebenes Interesse von Landwirt*innen
auch in entsprechenden Betriebsausrichtungsentscheidungen münden könne.
„Vor allem die hohe Motivation junger/zukünftiger Hofnachfolger*innen,
sich mit vielseitigen, neuen Betriebskonzepten und Geschäftsmodellen zu
beschäftigen und diese in Erwägung zu ziehen, sollte mit ökonomischen
Anreizen untermauert, aber auch über vielseitige Beratungs- und
Weiterbildungsangebote sowie Möglichkeiten des Erfahrungs- und
Wissensaustausches flankiert werden. Dann können nicht nur Ziele wie die
Steigerung von Biodiversität, Tierwohl, Direkt- und Regionalvermarktung
erreicht und nachhaltigere Produktions- und Konsumstrukturen etabliert,
sondern auch Antriebskräfte für die Entwicklung ländlicher Regionen in
Niedersachsen entfacht werden“, so Zubek.

Sven Guericke, Vorstandsvorsitzender des Agrar- und Ernährungsforums
Oldenburger Münsterland e.V., konzentrierte sich in seinem Beitrag
insbesondere auf den bereits von Borchert geforderten Umbau der
Nutztierhaltung und statuierte: „Die neue Bundesregierung muss sich klar
zum Umbau der Tierhaltung bekennen und sich schnellstmöglich auf ein
verbindliches und rechtskonformes Finanzierungsmodell einigen sowie die
längst überfälligen Anpassungen im Bau- und Umweltrecht vornehmen.“

„Der Ukraine-Krieg hat nun aber auch andere wichtige Themen in den
Vordergrund gebracht. Der Krieg offenbart u.a. auch die Verletzlichkeit
der landwirtschaftlichen Wertschöpfungskette in Europa mit massiven
Auswirkungen auch auf Deutschland. Es muss oberste Prämisse der Politik
sein, neben der Sicherung der Energieversorgung auch die
Versorgungssicherheit mit Agrarprodukten und Lebensmitteln in Deutschland
nachhaltig zu gewährleisten und zu sichern. Dabei muss die Sicherung unter
Umständen auch Vorrang vor der Umsetzung gesellschaftlich gewünschter
Veränderungen in der Agrar-und Ernährungswirtschaft haben.“

Prof.in Nicole Kemper, Leiterin des Instituts für Tierhygiene, Tierschutz
und Nutztierethologie (ITTN) an der Stiftung Tierärztliche Hochschule
Hannover, ergänzte dazu: „Um die landwirtschaftliche Nutztierhaltung
tierfreundlich, umweltgerecht, klimaschonend und verbraucherorientiert
umzugestalten, sind klare politische Rahmenbedingungen für den Um- und
Ausbau von Ställen nötig sowie das eindeutige Bekenntnis, höhere
Tierwohlstandards auch entsprechend zu bezahlen. Für Zielkonflikte,
beispielsweise zwischen Tierwohl, Emissions- und Seuchenschutz bei
Haltungssystemen mit Auslauf, müssen und können konstruktive
Lösungsmöglichkeiten gefunden werden.“

Erhöhung der Biodiversität in Niedersachsen

Gisela Wicke, Landesvorstand des NABU Niedersachsen e.V., sagte: „Schon in
den 80er Jahren stellte Prof. Armin Bechmann in einer Veröffentlichung
dar, welche versteckten Kosten die Landwirtschaft für die Gesellschaft
verursacht. Es sind die Reinigung des Grundwassers von zu viel Nitrat oder
Pestizidrückständen. Die Kollateralschäden wie der Rückgang der
Biodiversität, des Humusgehaltes auf den Äckern und damit die Gefährdung
unserer Lebensgrundlagen wurden von ihm schon vor 40 Jahren dargestellt.

Leider musste es erst dazu kommen, dass die Rebhühner zu 90 %, die
Feldlerchen zu 50 % zurückgegangen sind und die Ackerwildkräuter zu ca. 40
% auf der Roten Liste als gefährdet eingestuft werden mussten. Erst durch
einen Aufschrei in letzter Zeit und die Bilder von Chinesen als Bestäuber
auf den Bäumen, führten dazu, dass wir jetzt ein Insektenschutzprogramm
haben.

Die EU-Sanktionen sorgen dafür, dass die vereinbarten Richtlinien zum
Natur- und Gewässerschutz auch in Niedersachsen eingehalten werden. Dazu
wurden die Roten Gebiete ausgewiesen. Fast alle Gewässer in Niedersachsen
sind durch eine Überdüngung und ihrer Strukturveränderung in einem
schlechten Zustand.

Durch das Volksbegehren Artenvielfalt wurde der Niedersächsische Weg, als
Vereinbarung zwischen Landwirtschaft und Naturschutz, möglich gemacht. Die
Gesellschaft erwartet, dass öffentliche Gelder für öffentliche Leistungen
eingesetzt wird, die u.a. nicht die Natur schädigen. Eine Transformation
der Landwirtschaft mit den vereinbarten Themen im Niedersächsischen Weg
und ihre Umsetzung kann gelingen, da sich gemeinsam auf den Weg gemacht
wurde.

Vor 20 Jahren wäre das undenkbar gewesen, dass der Naturschutz und die
Landwirtschaft so eng auf Augenhöhe und vertrauensvoll zusammenarbeiten.
Aber nicht nur das Volksbegehren bzw. der Niedersächsische Weg, sondern
auch die Ergebnisse der Zukunftskommission werden dazu beitragen.“

Prof.in Dr.in Catrin Westphal, Professorin für Funktionelle
Agrobiodiversität an der Georg-August-Universität Göttingen, führte aus,
dass Biodiversität eine zentrale Rolle spielen müsse, um die aktuellen
Biodiversitätsverluste aufzuhalten und den negativen Trend umzukehren.
„Die Landwirtschaft prägt und gestaltet unsere Agrarlandschaften und kann
so auf einer großen Fläche dazu beitragen, Landschaften neu und
biodiversitätsfreundlich zu gestalten, so dass die Biodiversität und damit
verbundene Ökosystemfunktionen gefördert werden. Dies kann auf
unterschiedlichen Ebenen geschehen. Erweiterte Fruchtfolgen,
Agroforstsysteme oder ökologischer Landbau können auf der Feld- und
Betriebsebene zum Schutz und zur Förderung der Biodiversität beitragen.
Allerdings sind diese lokalen Maßnahmen nur begrenzt wirksam, wenn
Pflanzen- und Tierarten in der Landschaft keine geeigneten Lebensräume
finden. Aus diesem Grund sind neben der Diversifizierung der Anbauflächen,
vor allem regionale Maßnahmen auf der Landschaftsebene nötig. Studien
zeigen, dass z.B. eine hohe Vielfalt an Lebensräumen, zahlreiche naturnahe
Landschaftselemente sowie reduzierte Schlaggrößen und vernetzende
Landschaftselemente positive Auswirkungen auf die Biodiversität und
landwirtschaftlich relevante Ökosystemleistungen wie biologische
Schädlingskontrolle oder Bestäubung haben.

Wesentliche Voraussetzungen für die Diversifizierung der Agrarlandschaften
sind kooperative und regionale Programme, die von verschiedenen
Akteur*innen unterstützt und implementiert werden, um eine Implementierung
auf der Landschaftsebene zu erreichen. Zudem muss auch ein finanzieller
Ausgleich und Planungssicherheit für Landwirt*innen sichergestellt werden,
um die Biodiversität der Agrarlandschaften langfristig zu erhalten.“, so
Westphal.

Einordnung des Kriegsgeschehens in der Ukraine für den
Transformationsprozess in der Agrar- und Ernährungswirtschaft

Konsens auf dem gesamten Podium zur Frage nach der Bedeutung des Krieges
für den Transformationsprozess war, dass ein reflexartiger Rückfall in
alte Produktionsstrukturen nicht das Mittel der Wahl sein könne. Der
nachhaltigkeitsorientierte Umbau der Agrar- und Ernährungswirtschaft müsse
neben der Sicherung der Lebensmittelversorgung parallel und ganzheitlich
berücksichtigt werden, um auch perspektivisch die Grundvoraussetzungen wie
funktionsfähige Ökosysteme oder genügend Wasser für eine
Lebensmittelproduktion noch verfügbar zu haben.

Prof.in Dr.in Claudia Pahl-Wostl, Professorin für Ressourcenmanagement am
Institut für Umweltsystemforschung am Institut für Geographie der
Universität Osnabrück, führte direkt in die zentrale Bedeutung einer
Transformation der Bewertung und Aktivität durch die globale Gemeinschaft
hin zu priorisierten Maßnahmen zur Eindämmung des Klimawandels im globalen
Kontext zur Vermeidung von weiteren Krisen und Kriegen ein: „Der neue
IPCC-Bericht zu Folgen des Klimawandels zeigt höchst beunruhigende
Szenarien auf. Weltweit muss man mit mehr und länger anhaltenden Dürren
rechnen. Auch in Deutschland könnte Wassermangel die Produktivität der
Landwirtschaft erheblich reduzieren. In normalen Zeiten hätten diese
Nachrichten die Titelseiten der Zeitungen gefüllt. Angesichts des Kriegs
in der Ukraine wurden sie kaum von der Öffentlichkeit wahrgenommen.
Zunehmende Wasserknappheit stellt jedoch ein enormes Konfliktpotential
dar. Um diesem entgegen zu wirken muss die Wiederherstellung eines
natürlichen Wasserhaushalts ein wesentliches Ziel eines integrierten
Landschaftsmanagements und Entscheidungen über Landnutzungen werden. Dies
betrifft ganz wesentlich auch die Landwirtschaft. Eine Transformation in
den Bewirtschaftungsmethoden ist notwendig um angesichts knapper werdender
Wasserressourcen die Produktivität aufrecht zu erhalten und eine
Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Hierfür werden auch neue Formen
der Kooperation über Sektorengrenzen hinweg und flexible Planungs- und
Entscheidungsprozesse benötigt, eine Herausforderung für die aktuellen
Verwaltungsstrukturen.“

Jochen Dettmer, Vorstandssprecher des landwirtschaftlichen Fachverbands
zur Förderung einer tiergerechten, umweltschonenden,
qualitätsorientierten, bäuerlichen Nutztierhaltung NEULAND e.V. und
stellvertretender Arbeitskreissprecher des BUND-Arbeitskreises
Landwirtschaft, führte aus, dass die Ereignisse in der Ukraine sich nicht
zu einem Roll-Back des Transformationsprozesses der Landwirtschaft eignen
würden. Vielmehr zeige sich die Anfälligkeit der Freihandelsideologie und
der internationalen Arbeitsteilung durch die Kriegshandlungen. „Der Green
Deal, die Farm-to-Fork-Strategie und die Vorschläge der Zukunftskommission
Landwirtschaft zeigen gerade Wege auf, wie die Landwirtschaft
widerstandsfähiger werden kann, um die zukünftigen Herausforderungen zu
meistern. Das Vermarktungssystem wird dabei eine entscheidende Rolle
spielen. Niedersachsen hat das Potential im Rahmen der
Marktdifferenzierung und Qualitätsproduktion mitzuspielen. Dafür muss es
Kennzeichnungssysteme geben, die zu einer höheren Wertschöpfung und
Wertschätzung führen. Dazu müssen Förder- und Beratungsstrukturen passen,
sowie ein echter Bürokratieabbau“, so Dettmer.

Transformations-Perspektiven aus der Agrar-Praxisforschung

Im Anschluss kam der wissenschaftliche Nachwuchs aus dem Forschungsverbund
zu Wort: „Wie trägt meine Forschung zu einer nachhaltigkeitsorientierten
AgriTransformation in Niedersachsen bei?“ lautete der Aufruf an Bachelor-,
Master- und Promotionsstudierende, sich mit einem einminütigen Video zu
bewerben. Eine interdisziplinär besetzte Jury wählte 4 Abschlussarbeiten
aus den wissenschaftlichen Einrichtungen des Verbunds aus Osnabrück,
Hannover und Göttingen aus. Die Firmen Big Dutchman, Böseler Goldschmaus,
Grimme und Wernsing stifteten eine Summe in Höhe von 6.000 € für die
erstmalig vergebenen Förderpreise. Den ersten Preis belegte Sebastian
Pütz,Universität Osnabrück, im Bereich der Entwicklung eines autonomen
Roboternavigationsystems im Ackerbau. Platz 2 belegte Miriam Priester,
Tierärztliche Hochschule Hannover, zum Thema Tierwohlorientierte
Sauenfütterung. Platz 3 wurde an Alexander Frieman, Hochschule Osnabrück,
zur Reduktion von hohlen Strünken bei Brokkoli vergeben. Einen Sonderpreis
für internationales und gemeinnütziges Engagement der Promotionsarbeit
erhielt Johanna Tepe, Uni Göttingen, für ihre Promotion im Bereich
Vermarktungsoptionen für verarbeitete, regionale Obst- und Gemüseprodukte
in Ostafrika. Die Preisträger*innen wurden von der Niedersächsischen
Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast persönlich ausgezeichnet.

„Jeder von Ihnen beweist eindrucksvoll, welchen Beitrag die Wissenschaft
für die Transformation der Landwirtschaft leistet“, lobte die Ministerin
die kreativen Beiträge der Preisträger*innen. „Jede und jeder in der
Wertschöpfungskette muss einen Beitrag für die Transformation der Land-
und Ernährungswirtschaft leisten – die Landwirtinnen und Landwirte selbst,
die vor- und nachgelagerten Bereiche, und nicht zuletzt die
Verbraucherinnen und Verbraucher.“ Der Verbund Transformationsforschung
agrar Niedersachsen in Vechta sei der Ansprechpartner für alle Beteiligten
aus Gesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft, die Ideen für eine
nachhaltige und zukunftsorientierte Agrar- und Ernährungswirtschaft in der
Praxis umsetzen wollen. „Diese multidisziplinäre Herangehensweise ist
genau das, was wir brauchen: Ich bin überzeugt, dass wir nur miteinander,
nicht gegeneinander die Zukunft der Land- und Ernährungswirtschaft
gestalten können.“, resümierte die Landwirtschaftsministerin in ihrem
Schlusswort.