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Daten, Fakten, Handlungsempfehlungen: Wie sicher ist die Energieversorgung ohne russisches Erdgas?

Mögliche Maßnahmen und resultierende Folgen im Falle eines Importstopps von russischem Erdgas für unterschiedliche Zeithorizonte.  Forschungszentrum Jülich
Mögliche Maßnahmen und resultierende Folgen im Falle eines Importstopps von russischem Erdgas für unterschiedliche Zeithorizonte. Forschungszentrum Jülich
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Mögliche Maßnahmen und resultierende Folgen im Falle eines Importstopps von russischem Erdgas für unterschiedliche Zeithorizonte.  Forschungszentrum Jülich
Mögliche Maßnahmen und resultierende Folgen im Falle eines Importstopps von russischem Erdgas für unterschiedliche Zeithorizonte. Forschungszentrum Jülich

Russland ist der wichtigste Erdgaslieferant für Deutschland und Europa.
Mit dem Beginn des Kriegs in der Ukraine scheint ein kompletter
Importstopp denkbar. Um mögliche Folgen für die Energieversorgung in
Deutschland zu ermitteln, haben Wissenschaftler:innen des Instituts für
techno-ökonomische Systemanalyse am Forschungszentrum Jülich detaillierte
Analysen durchgeführt. Die daraus abgeleiteten Kernaussagen und
Handlungsempfehlungen zeigen, in welchem Umfang und auf welche Art sich
der Wegfall russischer Erdgasimporte auf verschiedenen Zeitskalen,
innerhalb weniger Tage, Monate und Jahre, kompensieren lässt.

Deutschland ist bei der Energieversorgung – wie ganz Europa – in einem
hohen Maße auf Importe angewiesen. Über 70 Prozent der in Deutschland
benötigten Energie kommt aus dem Ausland. Im Falle des Energieträgers
Erdgas ist diese Abhängigkeit besonders ausgeprägt. Rund 94 Prozent werden
importiert, über die Hälfte davon stammt aus Russland. Aufgrund des Kriegs
in der Ukraine wird es aktuell für möglich gehalten, dass diese russischen
Erdgasimporte als mögliche Sanktionsmaßnahme eingestellt werden.

Der Wegfall russischer Erdgasimporte wirft jedoch kritische Fragen
hinsichtlich der Energieversorgung auf: Wie kann der Importstopp innerhalb
weniger Tage oder Monate kompensiert werden? Welche Rolle könnten
zusätzliche Flüssigerdgas-Lieferungen spielen? Wie lange können
Erdgasspeicher mögliche Versorgungsengpässe überbrücken? Und welche
Strategien gibt es, um mittel- und langfristig unabhängiger vom russischen
Gas zu werden?

Wissenschaftler:innen des Instituts für Techno-ökonomische Systemanalyse
(IEK 3) des Forschungszentrums Jülich haben detailliierte Analysen
durchgeführt und daraus entsprechende Handlungsempfehlungen abgeleitet.
Ihre Berechnungen ermöglichen es, Kompensationsmöglichkeiten und
Alternativen zu russischen Erdgasimporten nicht nur qualitativ, sondern
auch quantitativ einzuschätzen.

Die Kernaussagen und Handlungsempfehlungen im Überblick:

Kurzfristig ein Drittel der russischen Erdgasimporte verzichtbar

Ein vollständiger Lieferstopp russischen Erdgases ließe sich nicht
vollständig innerhalb weniger Tage kompensieren. Durch Einsparungen könnte
kurzfristig auf etwa ein Drittel des nach Deutschland gelieferten Erdgases
aus Russland verzichtet werden. Die sektorübergreifenden Maßnahmen
beinhalten beispielsweise eine Änderung des Heizverhaltens in Haushalten
sowie im Bereich Gewerbe Handel und Dienstleistungen, konkret: die
Absenkung der Raumtemperatur um 1 bis 2 Grad Celsius. Weiterhin wurde der
vermehrte Einsatz alternativer Energieträger in industriellen Anlagen
angenommen sowie der Ersatz von Gas- durch Kohlestrom, wenngleich
letzterer mit zusätzlichen CO2-Emissionen verbunden ist.

Mittelfristig Importstopp in wenigen Monaten handhabbar, aber ambitioniert

In einem Zeitraum von wenigen Monaten könnte ein Lieferstopp von
russischem Erdgas in einer europäischen Anstrengung kompensiert werden.
Insbesondere die Energieversorgung der Haushalte und des Gewerbes über den
nächsten Winter könnte gesichert werden. Notwendig hierfür wären
allerdings Einschränkungen bei der Nachfrage, wie sie schon als
kurzfristige Maßnahmen vorgestellt wurden. Zusätzlich ist außerdem eine
intensivere Nutzung von verflüssigtem Erdgas (LNG, englisch liquified
natural gas) erforderlich sowie eine staatlich geregelte
Vorratsspeicherung von Erdgas.

Über alternative Bezugswege lässt sich ausbleibendes Erdgas aus Russland
innerhalb weniger Monate im Wesentlichen nur durch zusätzliche Importe von
LNG ersetzen. Der Transport von LNG ist nicht auf bestehende Pipelines
angewiesen. Stattdessen kann es aus Ländern wie den USA, Australien und
Katar mit großen Schiffen nach Europa gebracht werden. Ein deutscher
Alleingang aus der russischen Importabhängigkeit ist hier nicht
ausreichend. Es bedarf vielmehr einer gesamteuropäischen Anstrengung und
Strategie. Denn Russland hält nicht nur in Deutschland, sondern auch in
der EU einen großen Anteil an den Erdgasimporten, über 40 Prozent sind es
europaweit. Erforderlich wäre daher eine konzertierte europäische
Beschaffungsstrategie für LNG mit langfristigen Verträgen, um eine höhere
Auslastung der bestehenden LNG-Terminals zu erzielen. In der Vergangenheit
wurden die bestehenden Kapazitäten in den europäischen Nachbarländern
nicht vollständig genutzt.

Verschärft wird die Abhängigkeit von russischem Gas derzeit noch durch die
Lage bei den Gasspeichern. Deutschland verfügt über die größten
Erdgasspeicherkapazitäten in Europa. Etwa 20 Prozent davon befinden sich
im Besitz russischer Firmen. Bislang setzte man vorrangig auf
marktwirtschaftliche Anreize, um sicherzustellen, dass die vorhandenen
Speicher für den Winter ausreichend gefüllt werden. Doch diese reichen,
wie die letzten Monate gezeigt haben, nicht aus. Die in russischem Besitz
befindlichen Speicher wurden nicht aufgefüllt, ohne dass ein
marktwirtschaftlicher Grund hierfür ersichtlich wäre. Zukünftig ist daher
eine staatlich geregelte strategische Gasbevorratung notwendig, die
ausreichende Speicherfüllstände zu bestimmten Zeitpunkten garantiert. Das
in Vorbereitung befindliche Gesetz zur Gasspeicherbevorratung wird hier in
den nächsten Monaten Abhilfe schaffen.

Mittel- bis langfristige Diversifizierung von Energieimporten

Der Bau von LNG-Terminals in Deutschland erscheint unumgänglich, um
mittel- und langfristig innerhalb weniger Jahre alternative Transportwege
für den Bezug von Erdgas zu erschließen. Deutschland verfügt aktuell noch
über keine LNG-Terminals. Derzeit geplant ist der Aufbau einer Kapazität
von maximal 30 Milliarden Kubikmeter, was etwa einem Drittel des heutigen
Erdgasbedarfs entspricht. Diese geplante Kapazität sollte schnellstmöglich
fertiggestellt werden. Um die Treibhausgasneutralität Deutschland und die
Wirtschaftlichkeit der Terminals langfristig zu gewährleisten, sollten
diese zukunftsorientiert konzipiert werden, sodass sie auch für eine
zukünftigen Versorgung mit Wasserstoff genutzt werden können.

Ebenfalls notwendig für die Abwendung vom russischen Gas sind Einsparungen
beim Verbrauch. Diese betreffen insbesondere die Haushalte und Industrie.
Diese stellen sowohl EU-weit als auch in Deutschland die größten
Verbraucher dar. Es gilt daher, die Durchführung von
Energieeinsparmaßnahmen wie die Wärmedämmung von Gebäuden weiter zu
forcieren. Darüber hinaus ist der Austausch von Gasheizungen durch
Wärmepumpen zu beschleunigen. Beide Maßnahmen bewirken eine signifikante
Einsparung von Erdgas und ebnen den Weg für eine treibhausgasneutrale
Energieversorgung. Die Maßnahmen sollten durch entsprechende zusätzliche
Förderprogramme vorangetrieben werden, um eine schnelle Umsetzung zu
erreichen.
Langfristige Unabhängigkeit durch Energieeffizienz und erneuerbare
Energien

Die Energiewende führt schließlich langfristig dazu, dass Erdgas für die
Energieversorgung immer mehr an Relevanz verliert. In einer
treibhausgasneutralen Energieversorgung im Jahr 2045 spielt Erdgas
praktisch keine Rolle mehr, wie die Analysen des Instituts für Techno-
ökonomische Systemanalyse (IEK-3) zeigen. Heute importiert Deutschland
noch über 70 Prozent der insgesamt benötigen Energie. Im Jahr 2045 werden
es nur noch gut 20 Prozent sein – bei sinkendem Energieverbrauch. Der
Ausbau der Erneuerbaren – Windkraft, Photovoltaik, Bioenergie- sollte
daher massiv vorangetrieben werden und ist neben den Verbesserungen der
Energieeffizienz die nachhaltigste Option, um sich aus der
Importabhängigkeit zu befreien.