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IfW-Mittelfristprojektion: Hohe Rohstoffpreise und Deglobalisierung belasten Wachstum

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Deutschlands Wachstumsperspektiven trüben sich nochmals ein. Vor allem der
demografische Wandel schmälert die Wachstumskräfte, zudem drohen dauerhaft
höhere Energie- und Rohstoffpreise, den Produktivitätsfortschritt zu
belasten. Auch die Weltwirtschaft dürfte künftig mit geringeren Raten
wachsen, weil sich die Zugkraft Chinas abschwächt und verkürzte
Lieferketten Spezialisierungsvorteile kosten.

In Deutschland flacht sich das Wachstum des Produktionspotenzials – die
Zunahme der bei normaler Kapazitätsauslastung möglichen
Wirtschaftsleistung – mehr und mehr ab. Es dürfte bis zum Jahr 2026 auf
nur noch knapp 0,8 Prozent zurückgehen. Bislang wuchs die deutsche
Wirtschaft seit der Wiedervereinigung um durchschnittlich 1,4 Prozent
jährlich. Auch das Pro-Kopf-Wachstum wird in der mittleren Frist
voraussichtlich deutlich zurückgehen und in etwa dem Potenzialwachstum
entsprechen. Dies geht aus der heute vom Kiel Institut für Weltwirtschaft
(IfW Kiel) veröffentlichten Mittelfristprojektion bis 2026 hervor
(„Mittelfristprojektion für Deutschland im Frühjahr 2022“/https://www.ifw-
kiel.de/index.php?id=17114&L=1).

„Weniger Wachstum bedeutet am Ende weniger zusätzliche Güter, über die
verfügt werden kann. Zugleich steigen die Ansprüche an die
Wirtschaftsleistung ungebremst weiter. Das führt zu gesamtwirtschaftlichen
Spannungen. Finanzpolitisch passt ein Ausweichen in immer neue Schulden
nicht in die gesamtwirtschaftliche Landschaft. Der Staat muss
konsolidieren, idealerweise durch Priorisierung seiner Ausgaben. Wir
können uns nicht alles leisten“, sagt Stefan Kooths, Vizepräsident und
Konjunkturchef des IfW Kiel.

Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter geht zurück

Maßgeblich für den Wachstumsschwund ist die demografische Alterung. Die
Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter geht zurück und dürfte ab Mitte des
Jahrzehnts – trotz Zuwanderung – jährlich um 140.000 Personen sinken.
Bereits ab dem nächsten Jahr dürfte die Anzahl an Personen, die dem
Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, abnehmen.

Zudem mindern höhere Energie- und Rohstoffpreise das Produktionspotenzial
und dürften das Niveau um rund 1 Prozent senken, weil sich
Produktionsstrukturen neu ausrichten müssen. Das IfW Kiel erwartet im
Projektionszeitraum einen Ölpreis von rund 90 Dollar pro Barrel. Die
Corona-Pandemie dürfte die Wachstumskräfte, anders als frühere schwere
Wirtschaftskrisen, nur wenig belasten.

„Der Staat sollte die stark gestiegenen Energiepreise im Wesentlichen
durchwirken lassen, um den gesamtwirtschaftlichen Schaden so gering wie
möglich zu halten. Eingriffe in das Preissystem über Subventionen oder
Deckelungen bedeuten nur, dass mit der veränderten Energieknappheit
unwirtschaftlich umgegangen wird. Härtefälle kann man abfangen, ohne das
Preissystem zu beschädigen”, so Kooths.

„Preissignale sind im marktwirtschaftlichen Gefüge nicht nur Symptome des
Problems, sondern auch Teil der Lösung. Die besteht in dezentralen
Anreizen, mit diesem Gut sparsamer umzugehen und verstärkt nach
Ersatzstoffen oder alternativen Formen der Energiegewinnung zu suchen.“

Globales Wachstum unter langjährigem Durchschnitt

Auch die globalen Wachstumskräfte werden kleiner. Die globale Produktion
dürfte in den Jahren 2024 bis 2026 im Durchschnitt mit einer Rate von 2,8
Prozent zunehmen. Der langjährige Durchschnitt liegt bei rund 3,5 Prozent.
Auch global dämpft eine alternde Gesellschaft die Wachstumsaussichten.

Außerdem verliert das bisherige Zugpferd China an Kraft. Das Land wird die
Steigerung seiner Produktivität, die im Wesentlichen durch die Adaption
fremder Technologien erfolgte, nicht mehr im bisherigen Tempo steigern
können, weil sich die Möglichkeiten dafür zunehmend erschöpfen. Im
Ergebnis dürfte die chinesische Volkswirtschaft ab 2025 jährlich nur noch
um unter 5 Prozent wachsen.

Auch drohen Wachstumsimpulse durch die Globalisierung künftig
auszubleiben. Politisch motivierte Handelshemmnisse verbunden mit
zunehmenden geopolitischen Risiken belasten die internationale
Arbeitsteilung. Um Lieferketten robuster zu machen, dürften diese künftig
verstärkt auf Versorgungssicherheit ausgerichtet sein, anstatt auf
Spezialisierungsvorteile. Dies geht jedoch auf Kosten der Produktivität
und verringert das Wachstum.

Jetzt Konjunkturbericht lesen: „Mittelfristprojektion für Deutschland im
Frühjahr 2022“/https://www.ifw-kiel.de/index.php?id=17114&L=1