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Gezielte Suche nach Spinaler Muskelatrophie (SMA) sorgt erstmals für frühe Therapiestarts am Dresdner Uniklinikum

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Am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden erhielten in den
vergangenen Wochen zwei Neugeborene die AAV9-Vektor basierte
Genersatztherapie mit Onasemnogen-Abepavovec (Zolgensma) gegen die
angeborene Spinale Muskelatrophie (SMA). Entdeckt wurde die neurologische
Erkrankung der Säuglinge im Rahmen des Neugeborenenscreenings, das erst
zum 1. Oktober 2021 bundesweit um die SMA erweitert wurde.

Peter und Sofia Elena sind die ersten beiden Kinder, bei denen die
Gentherapie am Dresdner Uniklinikum so zeitig – vor Symptombeginn
(„präsymptomatisch“) - verabreicht werden konnte. Bisher ließ sich die
Erkrankung erst dann diagnostizieren, wenn („symptomatisch“) erste
motorische Defizite aufgetreten waren. Im Rahmen des erweiterten
Screeningprogramms ist die Erkrankung in diesem Jahr bereits bei zwei
neugeborenen Kindern diagnostiziert worden.

„Peter und Sofia Elena haben die Gabe des Medikaments problemlos
vertragen, so dass sie bereits entlassen werden konnten. Beide Säuglinge
kommen in den nächsten Monaten nun wöchentlich zu ambulanten Nachsorge-
Kontrollen in die Klinik“, sagt Prof. Maja von der Hagen, Leiterin der
Abteilung Neuropädiatrie an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin.
„Dies sind die ersten Kinder, dem unser Team das Medikament noch vor
Auftreten erster Symptome geben konnte. Die uns vorliegenden
wissenschaftlichen Daten bestärken uns in der Hoffnung, dass die
Neugeborenen dank dieser frühen Gabe keine oder nur geringe Symptome
entwickeln wird oder möglicherweise sogar als geheilt gelten können.“

Die Spinale Muskelatrophie (SMA) ist eine Erkrankung der Nerven des
Rückenmarks (Motoneurone), durch die willkürlichen Bewegungen der
Muskulatur gesteuert werden. Sie gehört zu den seltenen Erkrankungen.
Ungefähr eines von 6 bis 10.000 Neugeborenen ist betroffen. Der
schleichende Untergang der motorischen Nervenzellen macht sich bei Babys
dadurch bemerkbar, dass sie sich motorisch nicht altersgerecht entwickeln
oder gar bereits gezeigte Fähigkeiten – etwa sich selbstständig zu drehen
– wieder verlieren. Weil diese Veränderungen bei Geburt in der Regel nicht
erkennbar sind, ließ sich die Diagnose ohne das Neugeborenen-Screening
zumeist erst nach Beginn von Symptomen in den ersten Lebensmonaten oder
ersten Lebensjahren stellen. Dementsprechend spät erfolgte bisher der
Start der Therapie. Dann jedoch sind die entsprechenden Nerven – die
Motoneuronen - bereits unumkehrbar geschädigt.

Ursache für die Spinale Muskelatrophie ist ein Gendefekt. Eigentlich
produziert das im Chromosom 5 lokalisierte Gen das „Survival-of-Motor-
Neuron-Protein, das für das Überleben und die Gesundheit der Motoneurone
entscheidend ist. Bei SMA-Betroffenen ist dieses Gen so verändert, dass
die Bildung dieses Eiweißes nicht mehr sichergestellt ist und es so zum
schleichenden Untergang der Motoneurone kommt. Sie schrumpfen und sterben
schließlich ab. Damit können diese Nerven immer weniger und schließlich
gar keine Signale mehr an die Muskelzellen senden. Die Muskeln werden so
immer schwächer und bilden sich schließlich zurück. Da die Spinale
Muskelatrophie fortgeschrittenen Stadium auch die Atemmuskulatur betrifft,
verläuft sie häufig tödlich und zählt insbesondere bei den schweren
Verlaufsformen zu den lebenslimitierenden Erkrankungen des Kindesalters.

„Die Therapie der beiden Neugeborenen ist ein sehr anschauliches Beispiel
dafür, welche Erfolge durch die innovative Arbeit der Hochschulmedizin
möglich werden“, sagt Prof. Michael Albrecht, Medizinischer Vorstand des
Dresdner Uniklinikums. „Bemerkenswert, dass die Grundlagen für die jetzt
sehr frühzeitig begonnene Therapie bereits vor 31 Jahren geschaffen
wurden. Damals begannen die beiden sächsischen Uniklinika mit dem
Neugeborenenscreening. Wie später mit dem Aufbau des UniversitätsCentrums
für Seltene Erkrankungen (USE) ist das Dresdner Uniklinikum hierbei in
Vorleistung gegangen und hat so Standards geschaffen, die heute breite
Anerkennung erfahren. Doch die größte Genugtuung für mich und das ganze
ärztliche und pflegerische Team ist es, Kindern wie Sofia Elena und Peter
durch Frühdiagnostik und Gentherapie die Chance auf ein Heranwachsen ohne
schwere Einschränkungen zu ermöglichen!“

Der Gabe des Gen-Therapeutikums gehen aufwändige Untersuchungen voraus. So
muss beispielsweise im Vorfeld so weit als möglich abgeklärt werden, ob
das Medikament keine schwerwiegenden Reaktionen im Organismus auslöst. Die
Infusion wird auf der pädiatrischen Intensivstation der Dresdner Uni-
Kinderklinik gegeben. So können die Säuglinge während und die Stunden nach
der Infusion engmaschig überwacht werden. Die Entscheidung für die
Gentherapie muss im Vorfeld einer umfassend vorbereitet werden. Diese
aufwändigen Vorarbeiten und auch die engmaschige ambulante Nachsorge der
Kinder mit SMA-Diagnose können nur hochspezialisierte Teams leisten, von
denen es neben dem Dresdner Uniklinikum laut der Deutschen Gesellschaft
für Muskelkranke deutschlandweit noch 19 weitere Behandlungszentren gibt.
Wie auch bei der Versorgung von Patientinnen und Patienten mit seltenen
Erkrankungen wird dieser hohe finanzielle Aufwand durch die Krankenkassen
jedoch nicht adäquat erstattet.

Seit 1991 untersuchen sächsische Uniklinika gezielt das Blut von
Neugeborenen

Das Screeningzentrum Sachsen wird seit 1991 gemeinsam von den
Universitätskliniken Dresden und Leipzig für den Freistaat Sachsen
betrieben. Dabei wird den Neugeborenen bereits am dritten Lebenstag Blut
aus der Ferse des Kindes entnommen und auf seltene Erkrankungen
untersucht. Erfasst werden dabei derzeit 19 Zielkrankheiten, darunter 15
Stoffwechselkrankheiten, zwei Hormonstörungen, die Mukoviszidose und
schwere kombinierte Immundefekte sowie SCID. Zuletzt wurden zum 1. Oktober
2021 die Spinale Muskelatrophie und die Sichelzellanämie in das
Neugeborenenscreening aufgenommen. „Im gemeinsam mit dem Uniklinikum
Leipzig betriebenen Screeningzentrum Sachsen können wir nunmehr für alle
in im Freistaat geborenen Kinder auch diese Untersuchung anbieten. Das
waren in den letzten drei Monaten des vergangenen Jahres rund 9.000
Kinder, ein Drittel der Neugeborenenscreening-Untersuchungen übernimmt
dabei das Screeninglabor hier in Dresden“, sagt Dr. Peter Mirtschink,
Leiter des Bereichs Stoffwechseldiagnostik, Neugeborenenscreening am
Institut für Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin des Dresdner
Uniklinikums. Sein aus sechs Mitarbeitenden, einem Facharzt und einem Arzt
in Weiterbildung bestehendes Team war wesentlich an der Etablierung der
neuen Methoden beteiligt. Rund 14.000 Kinder aus einem Einzugsgebiet
zwischen Riesa; Görlitz, Brandenburg und der Landesgrenze zu Tschechien
wurden im vergangenen Jahr untersucht. Die Wahrscheinlichkeit des
Auftretens einer der gescreenten Erkrankungen liegt dabei in etwa bei
einer auf 1.000 Geburten.