Deutsche und österreichische Hirsche bislang von SARS-CoV-2-Infektionen verschont - anders als in Nordamerika
In Nordamerika hat sich SARS-CoV-2 vom Menschen auf Weißwedelhirsche
übertragen. Die Hirsche gelten nun als SARS-CoV-2-Reservoir und könnten
das Virus sogar auf den Menschen übertragen. Ein Wissenschaftsteam unter
Leitung des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW)
und der Charité hat nun gezeigt, dass dies in Deutschland und Österreich
nicht der Fall ist, da alle getesteten Rehe, Rothirsche und Damhirsche
negativ auf SARS-CoV-2-Antikörper reagierten. Die Forschungsergebnisse
wurden in der Fachzeitschrift „Microorganisms“ in einer Sonderausgabe über
Viren von Wildsäugetieren veröffentlicht.
SARS-CoV-2 (Severe acute respiratory syndrome coronavirus type 2) ist ein
Virus, das 2020 als Auslöser der COVID-19 Erkrankung identifiziert wurde.
Es hat sich gezeigt, dass innerhalb der Gesamtpopulation der
Weißwedelhirsche in Nordamerika die Infektion mit den vom Menschen
stammenden SARS-CoV-2-Varianten weit verbreitet ist. Es gibt erste
Hinweise darauf, dass SARS-CoV-2 von den Weißwedelhirschen auf den
Menschen übertragen werden kann. Dies ist besorgniserregend, da sich neue
Varianten in ihrem neuen Wirt, den Hirschartigen, entwickeln und
schließlich mit unvorhersehbaren Folgen auf den Menschen übergehen
könnten. Weißwedelhirsche sind zwar eine nordamerikanische Art, aber
Hirsche sind weltweit verbreitet und werden in Mitteleuropa wie in
Nordamerika stark bejagt und bewirtschaftet.
Ein Wissenschaftsteam des Leibniz-IZW, des Instituts für Virologie der
Charité, des österreichischen Forschungsinstituts für Wildtierkunde und
Ökologie (FIWI) und des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR)
untersuchte Seren von 433 Rehen, Rot- und Damhirschen, die sowohl vor der
Pandemie als auch während der Pandemie gesammelt worden waren, auf SARS-
CoV-2-Antikörper mit einem Test, der zuvor Antikörpertiter bei
nordamerikanischen Hirschen bestätigt hatte. Keine der Hirscharten aus
Deutschland oder Österreich war positiv. Das Team verglich auch die
Details des zellulären SARS-CoV-2-Rezeptor bei Hirschen (das ACE2-Gen) und
stellte fest, dass mit Ausnahme einer Veränderung, die möglicherweise
Rothirsche etwas resistenter gegen eine Infektion macht, keine
Veränderungen im Rezeptor gefunden wurden, die den drastischen Unterschied
in den Ergebnissen zwischen mitteleuropäischen und nordamerikanischen
Hirschen erklären könnten.
Eine Erklärung für die Unterschiede könnte in der Verteilung und
Bewirtschaftung der Hirscharten in Nordamerika und Mitteleuropa liegen. In
Nordamerika sind Hirsche häufig in Stadtrandgebieten und Städten
anzutreffen, wo sie potenziell häufig mit Menschen und menschlichen
Abfällen in Kontakt kommen. Die Bewirtschaftung von Hirschen erfolgt
hauptsächlich durch die nordamerikanische Bundesregierung. In Deutschland
und Österreich sind die verschiedenen Hirscharten im Allgemeinen nicht am
Stadtrand oder in städtischen Gebieten anzutreffen. Zudem ist hier das
Reviersystem vorherrschend, bei dem die Hirscharten in einem bestimmten
Gebiet lokal bewirtschaftet werden. Die Revierstrukturen verhindern
wahrscheinlich den Kontakt zwischen Mensch und Wild und behindern auch die
Ausbreitung von Krankheitserregern innerhalb und zwischen den Populationen
der verschiedenen Hirscharten.
„Es sollten alle Anstrengungen unternommen werden, um den Kontakt zwischen
Mensch und Wildtier in Mitteleuropa zu verhindern, damit sich Hirsche
nicht als SARS-CoV-2-Reservoir etablieren", sagt Prof. Alex D. Greenwood,
Abteilungsleiter Wildtierkrankheiten am Leibniz-IZW.
