Bibliothek der verbrannten Bücher” jetzt digital erleben
Eine virtuelle Dauerausstellung macht die einzigartige Büchersammlung
Georg P. Salzmanns an der Universitätsbibliothek Augsburg allen
Interessierten frei und anschaulich im Netz zugänglich. Georg Salzmann
hatte jahrzehntelang die 1933-1945 von den Nationalsozialisten geächtete
und verbotene deutschsprachige Literatur in Erstausgaben gesammelt.
Heute vor 89 Jahren, am 12. April 1933, läutete die Deutsche
Studentenschaft mit ihrem Flugblatt „12 Thesen wider den undeutschen
Geist“ eine landesweite Propaganda-Aktion ein. Als begeisterte Anhänger
der neuen Machthaber hetzten die Studenten gezielt gegen jüdische, linke
und andersdenkende Autorinnen und Autoren. „Undeutsche“ Literatur sollte
aus deutschen Buchhandlungen, Leihbüchereien und Bibliotheken entfernt
werden. Die mehrwöchige Säuberungsaktion gipfelte symbolträchtig am 10.
Mai 1933 in zahlreichen öffentlichen Bücherverbrennungen. Viele Autorinnen
und Autoren, deren Werke zum Verbrennen bestimmt wurden, mussten um Leib
und Leben fürchten, flohen ins Exil oder fielen dem Holocaust zum Opfer.
Georg P. Salzmanns Sammlung vergessener Literatur
Georg P. Salzmann (1929-2013) war damals noch ein Kind, wuchs mit der NS-
Ideologie auf. Erst nach Kriegsende lernte er die verbotene und verbrannte
Literatur kennen. Jahrzehnte später begann er, systematisch die verfemten
Werke in Originalausgaben zu sammeln. Über 12.000 Bände, darunter
unzählige seltene Erstausgaben zum Beispiel von Stefan Zweig, Irmgard
Keun, Erich Kästner und Franz Werfel, kamen zusammen. 2009 übergab er
seine Sammlung der Universitätsbibliothek Augsburg, die sie allen
Interessierten, Forschenden, Lehrenden und Lernenden umfassend zugänglich
machte. Seitdem gab es mehrere physische Ausstellungen sowie Projekte und
Lehr-Lern-Kooperationen rund um die verbrannten Bücher. Die nun eröffnete
Online-Ausstellung präsentiert die Sammlung erstmals im digitalen Raum,
macht sie dauerhaft und überregional sichtbar.
Moderne Präsentation im digitalen Raum
An ausgewählten Beispielen können Besucherinnen und Besucher die Werke und
Schicksale der verfemten Autorinnen und Autoren im Netz entdecken. Neben
anschaulichen Literaturexponaten bietet die Schau einführendes Wissen zu
den NS-Bücherverbrennungen 1933, zum Exil in der NS-Zeit und der
deutschsprachigen Exil-Literatur 1933-1945. Ein eingebetteter
Dokumentarfilm zeigt, wie und warum Georg Salzmann zu den verbrannten
Büchern und seiner Sammelpassion fand.
Seit 2018 betreut Dr. Andrea Voß als Fachreferentin für Germanistik die
Büchersammlung an der Universitätsbibliothek. Sie hat die virtuelle
Ausstellung geplant, kuratiert und mit Unterstützung externer
Beiträgerinnen und Beiträger umgesetzt. Leicht verständlich in zentrale
Themen und Fragen einführen und eine breite Öffentlichkeit erreichen –
darum ging es ihr. „Georg Salzmann lag es besonders am Herzen, die junge
Generation zu erreichen. Sein Engagement für eine lebendige Bildungs- und
Erinnerungsarbeit möchten wir fortführen, zur Auseinandersetzung mit
deutscher Literatur- und Zeitgeschichte anregen“, so Voß. Schließlich
biete die Salzmann-Sammlung in der Fülle der enthaltenen Werke und
Lebenslinien zahlreiche Fragestellungen und Anknüpfungspunkte für
Unterrichts- und Forschungsprojekte. Die virtuelle Präsentation richtet
sich bewusst an Lehrende und Lernende und lädt ein, die Bibliothek der
verbrannten Bücher für eigene wissenschaftliche oder
ausstellungspraktische Projekte zu entdecken. Die Universitätsbibliothek
Augsburg steht hierbei als Kooperationspartnerin bereit.
Andrea Voß blickt optimistisch in die Zukunft: „Ich denke, dass die
Online-Ausstellung neugierig macht und Lust weckt, mehr über das Thema zu
erfahren. Und dies wäre ganz im Sinne von Georg Salzmann.”
