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Russlands Medienlandschaft – ein hoffnungsloser Fall?

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Der Angriffskrieg in der Ukraine bestimmt weiterhin die Nachrichtenlage,
die Wenigsten von uns lässt das Geschehen kalt. Für Lehrende und
Studierende an der SRH Fernhochschule – The Mobile University ist das
russische Mediensystem in dem Zusammenhang ein spannender, aber auch
verstörender Untersuchungsgegenstand. Prof. Dr. Alfred-Joachim Hermanni
ist Experte für Medien und Kommunikation und zudem erfahrener Praktiker –
und zeichnet ein demokratiefeindliches Bild.

An Einschätzungen, Meinungen, und Beiträgen zum Krieg in der Ukraine
mangelt es dieser Tage nicht. Längst sind wir es gewohnt, auch hierzulande
nicht nur über die Inhalte der Berichterstattung zu diskutieren, sondern
auch über die Medien selbst. Eine zunehmend diversifizierte
Kommunikationslandschaft sorgt dafür, dass wir viele mediale Wahrheiten
infrage stellen. Nicht zu Unrecht, denn Fälle manipulativer, tendenziöser
oder schlicht falscher Berichterstattung gibt es immer wieder auch bei
uns. Ganz zu schweigen von absichtlich verbreiteten Fake News.

Alle gängigen Medien Russlands unterliegen der Zensur
Wie muss man sich da erst die Medienlandschaft in Putins Russland
vorstellen? Wie steht es grundsätzlich um die Informations- und
Meinungsfreiheit im größten Land der Erde. Prof. Dr. Alfred-Joachim
Hermanni lehrt Medien- und Kommunikationsmanagement an der SRH
Fernhochschule, hat zudem lange als Journalist für Fernsehen, Rundfunk und
Print gearbeitet und in dieser Zeit auch Russlands Mediensystem
kennengelernt. Sein fundierter Blick malt ein düsteres Bild: „Die
russische Medienlandschaft ist zeitgemäß aufgestellt, wird aber vom Kreml
aus gelenkt und überwacht. Das Internet zum Beispiel hat insbesondere für
die jüngere Bevölkerung eine große Bedeutung. Digitale Techniken werden
erfolgreich eingesetzt und die Satellitenprogramme weiter ausgebaut. Aber
alle gängigen Medien unterliegen der strengen Zensur des Staates.“ Dieser
nutze, so Hermanni, willentlich bspw. Aufsichtsbehörden zur Überwachung
der inländischen Berichterstattung und Falschmeldungen für seine
ausländische Propaganda.

Was nicht passt, wird blockiert
Und die Global Player der Sozialen Netzwerke – Facebook, Twitter oder
Instagram? „Werden entweder in ihrer Sichtbarkeit stark eingeschränkt,
wenn die Inhalte nicht passen, oder gleich ganz blockiert.“ Dabei erstaunt
einen hierzulande sehr, dass die Menschen in Russland einen ganz anderen
Anspruch an mediale Berichterstattung haben: „70 Prozent der Bevölkerung
erwarten von der russischen Presse, dass diese die Meinung der Regierung
vermittelt – um sich dann selbst damit auseinandersetzen zu können. Also
eine völlig andere Grundauffassung als bei uns.“

Medien werden konsumiert, nicht kritisiert
Dass es illusorisch ist, sich eine eigene Meinung zu bilden, wenn es weder
„sachliche“ Fakten noch abweichende Meinungsäußerungen gibt, mag uns
schaudern lassen – viele Menschen in Russland aber scheint es nicht zu
stören. Es zeige sich aus dem demokratischen Verständnis, so Hermanni,
dass die meisten Deutschen ein differenziertes und bisweilen auch
kritisches Verhältnis zu den Medien haben: „Unsere mediale Sozialisation
hat uns gelehrt, seriöse Quellen zwar zu respektieren, sich
unterschiedlicher Sichtweisen und Interpretationen aber stets bewusst zu
sein. Da fehlt uns zurecht jedes Verständnis dafür, dass die russische
Bevölkerung staatliche Propaganda meist unkritisch konsumiert.“

Warum Lügen dennoch kurze Beine haben
Auch wenn derzeit also kaum ein optimistischer Ausblick für eine freie
Berichterstattung in Russland möglich scheint, findet Hermanni doch
Hoffnung für die Wahrheit: „Mediale Systeme funktionieren im Allgemeinen
gut in der Wächterfunktion, sodass eine Lüge auch irgendwann geoutet wird.
Ich kann nur jedem Politiker raten, mit Falschmeldungen sehr vorsichtig zu
sein.“ Hermanni verweist auf das naheliegende Beispiel der USA und deren
ehemaligen Präsidenten Donald Trump. Wie diesen, so machten auch Putins
Staat dessen eigene Lügen letztlich angreifbar.