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Mobilitätsforschung - Pendeln verstehen: Status quo, Forschungsstand und Perspektiven

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Der Pendelverkehr in Deutschland ging im Zuge der Corona-Pandemie deutlich
zurück. Doch mit dem Ende der Homeoffice-Pflicht könnte sich der
ursprüngliche Trend fortsetzen: Das Pendelaufkommen hatte sich zuletzt
stetig erhöht. Wie eine nachhaltige Stadt-Umland-Mobilität zwischen Wohn-
und Arbeitsort zukünftig aussehen kann, wird im Forschungsprojekt
„PendelLabor“ am Beispiel der Region Frankfurt Rhein-Main untersucht. Das
Projektteam unter der Leitung des ISOE – Institut für sozial-ökologische
Forschung hat einen Report erstellt, der den Forschungsstand und
Perspektiven zur Pendelmobilität zusammenfasst. Der Report ist in der
ISOE-Publikationsreihe „Materialien Soziale Ökologie“ erschienen.

Die Folgen einer hohen Pendelaktivität wie in der Region Frankfurt Rhein-
Main sind hinreichend bekannt und individuell und gesellschaftlich
relevant – für Gesundheit, Lebensqualität und Ökologie. Aber wie kommt es
zum Pendelaufkommen, welche Verkehrsmittel werden genutzt und welche
Motive führen zu der Entscheidung, Pendelwege auf sich zu nehmen? Im
Verbundprojekt „PendelLabor“ unter der Leitung des ISOE hat ein Team aus
Forschung und Praxis die Datenlage zur Pendelmobilität für die Region
Frankfurt und Umland ausgewertet und einen Forschungsansatz entwickelt,
der es – auch für andere Regionen – ermöglicht, Pendeln ganzheitlich zu
betrachten und die komplexen Wegeketten, Aktivitäten und Motive der
Pendelnden zu erfassen.

In der Publikation „Pendeln verstehen: Status quo, Forschungsstand und
Perspektiven“ stellen die Autor*innen diesen Ansatz sowie Szenarien für
mögliche Entwicklungen vor. Sie haben hierfür eine weitreichende
Literaturrecherche und Expert*innen-Workshops durchgeführt. Der Ansatz,
den das Autorenteam verfolgt, geht davon aus, dass Pendeln weit mehr ist,
als die herkömmliche Definition suggeriert. Demnach gelten lediglich
Arbeitnehmer*innen, die für ihren Arbeitsweg zwischen Wohnung und
Arbeitsort die Grenze der Wohngemeinde überschreiten, als pendelnd. Bei
dieser Engführung der Definition werden Selbstständige, Beamte,
Schüler*innen und Studierende jedoch nicht berücksichtigt. Zudem fallen
Wege, die innerhalb einer Gemeinde verlaufen, nicht unter diese
Definition.

Hohes Pendelaufkommen: Symptomlinderung greift zu kurz

Dies bilde das Geschehen vor allem in Großstädten aus Sicht der
Mobilitätsexpert*innen unzureichend ab. Für nachhaltige Lösungsansätze,
die die Verkehrswende weiter voranbringen, sei ein vollständiges Bild von
der komplexen Pendelmobilität notwendig. „Vor allem müssen wir zu Lösungen
kommen, die Pendeln nicht nur als ein Verkehrsproblem verstehen, das mit
verkehrlichen Maßnahmen gelöst werden kann. Das wäre nur eine Art
Symptomlinderung“, sagt ISOE-Mobilitätsforscherin Jutta Deffner. Der
Ausbau von Straßen oder die Empfehlung für Autofahrer*innen, auf den ÖPNV
umzusteigen, löse die Pendelproblematik nicht im Kern. Vielmehr müssten
die Alltagsorganisation und der Arbeitsalltag der Pendelnden besser
miteinbezogen werden.

In ihrer Publikation zeigen die Autor*innen deshalb nicht nur verkehrliche
Ausprägungen der millionenfachen Arbeitswege von A nach B. Sie
verdeutlichen die zurückgelegten Arbeitswege auch nach Regionstypen und
soziodemografischen Merkmalen und erstellen etwa eine Übersicht über das
Pendelaufkommen nach Branchen, Alter und Geschlecht vor. Dabei bestätigt
sich der klare „Genderbias“, der sich auch in der Forschungsliteratur
wiederfindet. Frauen seien stärker von den Auswirkungen auf Gesundheit und
Partnerschaft betroffen als Männer. Gleichzeitig habe Pendeln nachweislich
aber auch viele positive Effekte: Es könne grundlegend dafür sein,
überhaupt einer Erwerbstätigkeit nachgehen zu können, ohne das soziale
Umfeld aufgeben zu müssen.

Arbeitsmodell bildet Komplexität des Pendelgeschehens ab

Die Autor*innen betonen zugleich die soziale, zeitliche und emotionale
Dimension hinter den Zahlen, die zu den Pendelentscheidungen führen. „Für
Millionen von Menschen ist Pendeln immer ein Transit zwischen Privatsphäre
und Berufsleben, der fest in ihren Alltag integriert ist“, sagt Deffner.
„Deshalb ist es wichtig, den Blick auf die Pendelmobilität zu weiten und
Pendeln als soziale Praktik zu verstehen, für die es vielfältige Motive
und komplexe Wirkungen auf andere Bereiche gibt.“ Als Arbeitsmodell haben
die Autor*innen dafür ein „Wirkgefüge“ entwickelt, das zeigt, dass
„klassische Einflussgrößen“ wie die Präferenz und Wahl des Verkehrsmittels
nur ein Faktor in einem komplexen Zusammenhang sind. Auch die jeweilige
Haushaltskonstellation, die Arbeitsorganisation oder die Wohnstruktur
spielten eine wichtige Rolle.

Der integrierte Blick auf die verschiedenen Einflüsse auf das Pendeln und
die Wirkungen, die davon ausgehen, ermöglicht es den Forschenden,
Zusammenhänge zwischen Pendelverkehr, Individuum und Haushalt,
Erwerbsarbeit und Unternehmen sowie Siedlungs- und Raumstruktur zu
ermitteln. Das sei eine wichtige Voraussetzung, um passende Maßnahmen für
Pendler*innen, Kommunen und Unternehmen zu entwickeln und Pendeln künftig
sozial- und umweltverträglicher zu gestalten. Im transdisziplinären
Forschungsprojekt PendelLabor werden solche Maßnahmen in einem nächsten
Schritt auf der Grundlage von sozialempirischen Ergebnissen in einem
Realexperiment entwickelt.