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Staat bevorzugt nach wie vor klassisches Familienbild, Alleinerziehende haben das Nachsehen

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Zwischen den Bruttolebenserwerbseinkommen von Frauen und Männern klafft
nach wie vor eine deutliche Lücke. Verheiratete Frauen können diese Lücke
in ihren verfügbaren Lebenseinkommen schließen – wenn sie in
traditionellen Rollen durch das Partnereinkommen abgesichert sind.
Alleinerziehenden, die auf eigene Erwerbstätigkeit angewiesen sind, fällt
es deutlich schwerer, ihren Lebensstandard zu sichern. Zum Tag der Arbeit
rückt das Thema wieder in den Blickpunkt.

Gütersloh/Berlin, 29. April 2022. Frauen können sich, auf das gesamte
Erwerbsleben gerechnet, nur etwas mehr als halb so viel Bruttoeinkommen
erarbeiten wie Männer. Dieser sogenannte Gender Lifetime Earnings Gap ist
für Mütter noch größer. Eine von der Bertelsmann Stiftung geförderte
Studie des Forscher:innenteams um Timm Bönke von der FU Berlin zeigt, dass
sich diese Lücke mit Blick auf die verfügbaren Einkommen und damit den
tatsächlichen Lebensstandard vor allem dann schließt, wenn Frauen sich
innerhalb des traditionellen Familienbilds bewegen. Werden beide Einkommen
im Haushalt zwischen den Eheleuten gleichmäßig aufgeteilt, fängt das
Partnereinkommen Einkommensausfälle von Müttern infolge von
Erwerbsunterbrechungen, beispielsweise durch Kindererziehungszeiten, auf.

Fällt diese Absicherung im Haushalt jedoch weg, kann der Staat
Einkommensausfälle in der Lebensperspektive nur unzureichend kompensieren:
Heute Mitte-30-jährige verheiratete Mütter und Väter haben in ihrem
Haupterwerbsalter, das heißt zwischen 20 und 55 Jahren, nach Steuern und
Abgaben zuzüglich Transfers und Familienleistungen jeweils rund 700.000
Euro zur Verfügung. Frauen, die überwiegend alleinerziehend sind (mehr als
die Hälfte der Erziehungszeit) kommen lediglich auf rund 520.000 Euro und
müssen im Vergleich zu verheirateten Müttern damit durchschnittlich
Einbußen von rund 25 Prozent hinnehmen. Der tatsächliche Lebensstandard
hängt also stark von der Familienkonstellation und den
wohlfahrtsstaatlichen Leistungen ab. „Für verheiratete Mütter schließt
sich die geschlechtsspezifische Lücke in den Lebenseinkommen – die
Partnerschaft sichert sie finanziell ab“, sagt Manuela Barišić,
Arbeitsmarktexpertin der Bertelsmann Stiftung. "Alleinerziehende haben
dagegen das Nachsehen, da sie von Partnereinkommen kaum oder gar nicht
profitieren können.“

Sozialstaat gleicht Lebenseinkommensverlust von Alleinerziehenden nicht
aus

Bei (überwiegend) alleinerziehenden Müttern kann das im Zuge der
Familiengründung wegfallende Einkommen kaum oder gar nicht durch einen
Partner kompensiert werden. Sie sind daher stärker auf staatliche
Sozialleistungen angewiesen und hinken dennoch hinterher. Das gilt auch
für Mütter, die über einen längeren Zeitraum verheiratet waren und sich
nach der Trennung um die Kinder kümmern. Das verfügbare Lebenseinkommen
von heute Mitte-30-jährigen teilweise alleinerziehenden Müttern (weniger
als die Hälfte der Erziehungszeit) liegt bei 625.000 Euro und ist damit
rund 10 Prozent niedriger als das der verheirateten Mütter. Die Zahlen
zeigen auch, dass Alleinerziehende zunehmend auf Transferleistungen
angewiesen sind. Im Vergleich zu älteren Alleinerziehenden (Jahrgang
1964), ist der Anteil der Transfers am gesamten Lebenseinkommen für
jüngere teilweise alleinerziehende Mütter (Jahrgang 1985) von 5 auf 9
Prozent und für überwiegend Alleinerziehende von 10 auf 17 Prozent stark
angestiegen. Gleichzeitig ist der Anteil des Einkommens aus
Erwerbstätigkeit gesunken, weil sich beispielsweise Phasen der Ausbildung
oder der Arbeitslosigkeit verlängert haben. Sie sind nur bedingt in der
Lage, zu den verheirateten Müttern aufzuschließen. "Viele der
familienbezogenen Leistungen sind noch immer auf die eheliche
Lebensgemeinschaft ausgerichtet, so wie das Ehegattensplitting oder die
beitragsfreie Mitversicherung. Für Alleinerziehende oder nicht
verheiratete Paare sind diese Leistungen nicht zugänglich“, sagt Timm
Bönke, Juniorprofessor für Öffentliche Finanzen und Autor der Studie.

Fehlanreize abbauen, Kinderbetreuung ausbauen und finanzielle Absicherung
stärken

Insbesondere die Kombination aus Ehegattensplitting, steuer- und
abgabenfreien Minijobs und fehlenden Betreuungsmöglichkeiten setzt starke
Anreize für eine traditionelle Rollenaufteilung, in der die Frau weniger
Erwerbsarbeit und dafür mehr Sorgearbeit übernimmt als der Mann. Dabei
sind die Vorteile einer solchen Spezialisierung im Haushalt über das Leben
gering, der Preis langfristig aber hoch: "Viele Frauen stecken in der
Zweitverdienerinnenfalle fest. Dadurch sind es bei Trennungen und im Alter
vor allem Frauen, die gravierende finanzielle Einbußen in Kauf nehmen
müssen“, mahnt Barišić. "Wohlfahrtstaatliche Leistungen, die einen
spezifischen Lebensentwurf fördern, sollten der Vergangenheit angehören,
zumal Familie heute deutlich vielfältiger ist als früher.“

Stattdessen müsse es um eine universellere Absicherung unterschiedlicher
Lebenswirklichkeiten gehen – durch verlässliche und qualitativ hochwertige
Kinderbetreuung und größeren finanziellen Spielraum. Dies seien wichtige
Rahmenbedingungen für eine gleichmäßigere Aufteilung von Erwerbs- und
Sorgearbeit zwischen den Geschlechtern und eine bessere Absicherung von
Alleinerziehenden.

Zusatzinformationen
Der von der Bertelsmann Stiftung geförderten Studie "Wer gewinnt? Wer
verliert? Die Absicherung von Lebenseinkommen durch Familie und Staat“
liegt ein dynamisches Mikrosimulationsmodell zugrunde, das vollständige
Erwerbsbiografien im Längsschnitt auf Basis des Sozio-oekonomischen Panels
(SOEP) nachzeichnet. Basierend auf den jährlichen
Haushaltsbruttoerwerbseinkommen, der Haushaltszusammensetzung und der
Einkommens- und Erwerbshistorie werden Transferansprüche, staatliche
Familienleistungen (inklusive Ehegattensplitting), Steuern und Abgaben im
Alter zwischen 20 und 55 Jahren für die Geburtskohorten 1964 bis 1985
modelliert. Dabei wird ein vollständiges Einkommenspooling unterstellt,
sodass Erwerbseinkommen zwischen Eheleuten gleichmäßig aufgeteilt werden.
So kommt man vom individuellen Bruttolebenserwerbseinkommen zum
äquivalenten verfügbaren Lebenseinkommen. Diese Publikation bildet die
dritte und letzte Studie der Reihe "Wer gewinnt? Wer verliert?“ zu
langfristigen Arbeitsmarkt- und (Lebens-)Einkommensentwicklungen von
Frauen und Männern in Deutschland.