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100 Jahre „Vertrag von Rapallo“ und die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland

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 Universität Freiburg lädt ab 9. Mai 2022 zu einer
Veranstaltungsreihe mit Vorträgen, einem Schauspiel und einer
Podiumsdiskussion ein
•       Der „Vertrag von Rapallo“ vom 16. April 1922 ist ein
Schlüsselereignis der deutsch-russischen Beziehungen
•       Reihe thematisiert historische und aktuelle Bedeutung von
„Rapallo“ – auch vor dem Hintergrund des Ukraine-Kriegs

„Rapallo“ steht bis heute für die Besonderheiten der deutsch-russischen
Beziehungen – und ihre gegensätzlichen Bewertungen: als Chance für eine
Politik der Verständigung einerseits, als Gefahr eines deutsch-russischen
Sonderwegs andererseits. Vor hundert Jahren, am 16. April 1922, schlossen
Vertreter Deutschlands und Sowjetrusslands in dem norditalienischen
Badeort Rapallo einen Vertrag, der die Grundlinien einer Zusammenarbeit
zwischen beiden Ländern regelte. Der aus Freiburg stammende Reichskanzler
Joseph Wirth hatte das Abkommen maßgeblich vorbereitet, unterzeichnet
wurde es vom deutschen Außenminister Walter Rathenau und dem
sowjetrussischen Kommissar für Auswärtige Angelegenheiten Georgi
Wassiljewitsch Tschitscherin.

Der Vertrag sollte die Beziehungen beider Länder normalisieren und auch
der Wirtschaft neue Chancen schaffen. Die Einigung sorgte aber bereits
damals für Kontroversen, weil mit diesem Vertrag zwei Verliererstaaten des
Ersten Weltkriegs im Alleingang ohne Beteiligung der Westmächte ihre
politische Isolation durchbrochen hatten.

Die Reihe „100 Jahre Rapallo-Vertrag – Positionen, Konflikte, Chancen“
will dieses wichtige historische Ereignis kritisch reflektieren – zumal
die deutsch-russischen Beziehungen durch den Krieg in der Ukraine derzeit
im Fokus vieler Diskussionen stehen.

Veranstalter sind das Zwetajewa-Zentrum für russische Kultur an der
Universität Freiburg, das Historische Seminar der Universität Freiburg
sowie das Studium Generale der Universität Freiburg in Kooperation mit der
Joseph-Wirth-Stiftung.

Themen der einzelnen Veranstaltungen

Am Montag, 9. Mai 2022 ab 18.15 Uhr in Hörsaal 1199 spricht der Freiburger
Professor für Neueste Geschichte und Zeitgeschichte Prof. Dr. Jan Eckel
zum Thema „Rapallo und die Suche nach der internationalen
Nachkriegsordnung“. Der Vortrag ordnet die Verständigung zwischen
Deutschland und der Sowjetunion in die Suche nach einer tragfähigen
Nachkriegsordnung ein, die in den Augen der meisten Beteiligten auf den
Pariser Friedenskonferenzen nicht geschaffen worden war. „Rapallo“ kam
laut Eckel hierbei eine besondere Bedeutung zu. Nicht nur, weil sich hier
eine im Westen gefürchtete Allianz der Kriegsverlierer abzeichnete,
sondern auch, weil er das Problem aufwarf, wie sich der weltrevolutionär-
kommunistische Sowjetstaat in die internationale Ordnung einbeziehen ließ
– und ob er dies überhaupt wollte.

Am Montag, 16. Mai 2022, ebenfalls ab 18.15 Uhr in Hörsaal 1199 spricht
der Freiburger Westeuropa-Historiker Prof. Dr. Jörn Leonhard zum Thema
„Nach Versailles und jenseits von Genf: Der Vertrag von Rapallo in
europäischer und transatlantischer Perspektive“. Der Vortrag fragt nach
den längerfristigen Kontinuitäten deutsch-russischer Beziehungen seit dem
Frieden von Brest-Litowsk zwischen Russland und den Mittelmächten im
Frühjahr 1918 sowie nach den besonderen westeuropäischen und
transatlantischen Perspektiven auf Rapallo und thematisiert auch die
Verknüpfungen von Innenpolitik und internationalen Beziehungen.

Am Sonntag, 22. Mai 2022 ab 11 Uhr im Winterer-Foyer des Theaters Freiburg
widmet sich das Schauspiel „Die Historische Stunde: 100 Jahre Rapallo-
Vertrag“ mit Dialog, Rezitation und Musik dem historischen Ereignis und
fragt nach seiner aktuellen Bedeutung. Auf der Grundlage authentischer
Dokumente empfindet das Stück ein persönliches Gespräch zwischen den
Verhandlungsführern Reichskanzler Joseph Wirth und Volkskommissar für
Auswärtige Angelegenheiten Georgij Tschitscherin sowie ein Telefonat
Wirths mit Außenminister Walther Rathenau nach. Dazu kommt Musik aus
Deutschland und Russland der 1920er Jahre. Es spielen Peter Haug-
Lamersdorf und Burkhard Wein, Musik: Stephanie Heine, Gesang; Andreas
Binder, Klavier; Anita Morasch, Gesang und Akkordeon. Texte und Regie:
Heinz Siebold. Einführung: Dr. Ulrike Hörster-Philipps. Karten sind über
das Theater Freiburg erhältlich.

Am Montag, 23. Mai 2022 ab 18.15 Uhr in Hörsaal 1199 spricht der
Freiburger Osteuropa-Historiker Prof. Dr. Dietmar Neutatz zum Thema „Geist
oder Gespenst? ‚Rapallo‘ als Mythos und Chiffre“. Neutatz befasst sich mit
den Nachwirkungen und Instrumentalisierungen des Vertrags im In- und
Ausland und spannt dabei einen zeitlichen Bogen von 1922 bis in die
Gegenwart.

Bedeutung des Vertrags für die aktuelle Siuation

Die abschließende Podiumsdiskussion am 30. Mai 2022 um 20.15 Uhr in
Hörsaal 1010 steht unter dem Titel „Modell oder Bürde? Rapallo und die
schwierige Historie deutsch-russischer Beziehungen“. Die Teilnehmer*innen
fragen danach, was der Vertrag von Rapallo heute für uns bedeutet und
welche Lehren sich aus der Erfahrung von hundert Jahren ziehen lassen –
ist die Einigung ein Muster für einen Entspannungsprozess, für
wirtschaftliche und kulturelle Kooperationen über politische Gegensätze
hinweg, oder stellt sie eine historische Belastung dar? Es diskutieren
Prof. Dr. Elisabeth Cheauré, Professorin für Slavische Philologie und
Gender Studies, Vorsitzende des Zwetajewa-Zentrums; Dr. h.c. Gernot Erler,
ehemaliger Staatsminister und Russland-Beauftragter der Bundesregierung,
Vorsitzender der West-Ost-Gesellschaft Südbaden; Dr. Ulrike Hörster-
Philipps, Historikerin, Vorsitzende der Joseph-Wirth-Stiftung; Prof. Dr.
Dietmar Neutatz, Historiker, Professor für Neuere und Osteuropäische
Geschichte. Moderation: Heinz Siebold.

Die Veranstaltungen sollen nach Möglichkeit in Präsenz stattfinden;
Vorträge und Podiumsdiskussion werden zusätzlich gestreamt. Der jeweiligen
Links sind im Flyer „100 Jahre Rapallo-Vertrag. Deutsch-russische
Beziehungen auf dem Prüfstand“ aufgeführt.