Nachholbedarf bei der Akademisierung der Pflege
Internationaler Tag der Pflegenden am 12. Mai: Zum Aktionstag verweist
Prof. Dr. Klaus Müller auf die Dynamik im Berufsfeld Pflege und die
Bedeutung einer Verzahnung von Wissenschaft und Praxis
Der 12. Mai wurde 1965 vom International Council of Nurses zum
Internationalen Tag der Pflegenden erklärt, in Anlehnung an den Geburtstag
der britischen Krankenschwester Florence Nightingale (*1820), die als
Pionierin der modernen westlichen Krankenpflege gilt. Der Aktionstag
würdigt die Arbeit von 28 Millionen Menschen, die sich derzeit weltweit
mit Professionalität und Fachkompetenz, mit Empathie und
Einfühlungsvermögen für alte und kranke Menschen und deren Angehörige
einsetzen.
Er gewinnt an Bedeutung, wenn das Gesundheitswesen wie derzeit besondere
Herausforderungen zu bewältigen hat und der Pflegeberuf durch den
Fachkräftemangel und die erschwerten Arbeitsbedingungen unter der
COVID-19-Pandemie in den Fokus der gesellschaftlichen Wahrnehmung rückt.
Dies nimmt Prof. Dr. Klaus Müller zum Anlass, um auf die Bedeutung der
akademischen Ausbildung in der Pflege hinzuweisen. Der Professor für
Pädagogische Aufgaben in der Pflege an der Frankfurt University of Applied
Sciences (Frankfurt UAS) verweist in seinem Statement darauf, dass
Deutschland diesbezüglich im Vergleich zu anderen Ländern Nachholbedarf
hat. „Es ist an der Zeit, auf den fortlaufenden Wandel der Arbeitswelt zu
reagieren“, lautet Müllers Appell.
„Nicht nur in Zeiten der Krise sollte der Blick auf den Pflegeberuf
gerichtet werden“, betont der Wissenschaftler. „Denn Pflege erfüllt einen
gesellschaftlichen Auftrag und bietet physische, psychische und soziale
Unterstützung für akut kritisch, chronisch und lebensbegrenzt erkrankte
Menschen sowie für das Leben unter den Bedingungen von psychischer
Erkrankung und Behinderung. Ein vielfältiger und komplexer Aufgabenbereich
in sich differenzierenden Versorgungsbereichen erfordert eine zunehmende
Spezialisierung der Pflegepraxis. Der technisch-medizinische Fortschritt
korrespondiert mit dem demografischen Wandel. Erforderlich werden somit
eine Steuerung und Gestaltung hochkomplexer Pflegeprozesse. Zudem ist die
stetige Erweiterung von Wissen und evidenzbasierten Erkenntnissen aus
Forschung und Wissenschaft maßgeblich, um diesem dynamischen Berufsfeld
gerecht zu werden.“
Der an der Frankfurt UAS konzipierte, primärqualifizierende duale
Studiengang Angewandte Pflegewissenschaft unter Leitung von Prof. Dr.
Julia Lademann und Prof. Dr. Klaus Müller bietet erstmals die Möglichkeit,
in acht Semestern den Bachelor of Science plus die Berufszulassung zur
Pflegefachkraft zu erlangen. Die Besonderheit des Studienganges ist die
gelungene Verzahnung von Theorie und Praxis, die durch eine Zusammenarbeit
mit Gesundheitsunternehmen aus dem Rhein-Main-Gebiet erreicht wird. Die
Studierenden durchlaufen einen generalistisch konzipierten Studiengang,
d.h. sie können nach erfolgreichem Abschluss sowohl in der Pflege von
Kindern und Jugendlichen, als auch von erwachsenen und älteren Menschen
arbeiten.
„Im Gegensatz zu den Fachschulen der beruflichen Pflegeausbildung, die
über einen länderspezifischen Ausbildungsfonds refinanziert werden, wird
das Studium von den Hochschulen getragen, die Vergütung der Studierenden
in den Praktika von den kooperierenden Praxispartnern. Diese innovativen
Player im Gesundheitswesen sehen darin eine Investition in die Zukunft und
einen großen Schritt in Richtung einer Professionalisierung der Pflege“,
so Müller.
Im Vergleich zu anderen Ländern liegt Deutschland im Hinblick auf die
Akademisierung in der Pflege weit zurück, obwohl die deutliche Empfehlung
des Wissenschaftsrates in Deutschland bereits seit 2012 einen Anteil an
akademisch ausgebildeten Pflegefachkräften im Umfang von 10 bis 20 Prozent
eines Ausbildungsjahrgangs empfiehlt. Diese Empfehlung spiegelt sich
bislang weder im Angebot der Studienplätze noch im praktischen Feld wider.
Die bisher klare Trennung zwischen beruflicher Ausbildung und
Hochschulausbildung gilt es nach Müllers Überzeugung neu zu justieren und
die Akademisierung der Pflege als Chance im Hinblick auf die
gesellschaftlichen und beruflichen Herausforderungen zu verstehen. Daher
besteht die Forderung an die Politik, den Lebensunterhalt junger Menschen
zu sichern, die sich für ein Pflegestudium entscheiden.
Müller: „Bei einem Studium mit hohem Theorieanteil und starker praktischer
Ausrichtung ist eine finanzielle Förderung unabdingbar, um interessierte
Schüler/-innen mit Hochschulreife für das Berufsfeld zu gewinnen.“
Eine akademische Qualifikation steigert nach internationalen Studien die
Pflegequalität und wirkt sich positiv auf die Versorgung von Menschen mit
Unterstützungsbedarf aus, indem wissenschaftliche Methoden und
Forschungsergebnisse in die Pflegepraxis einfließen. Genau diesen Ansatz
verfolgt die Frankfurt UAS mit ihrem Studienangebot Angewandte
Pflegewissenschaft.
Zur Person:
Prof. Dr. Klaus Müller ist seit 2015 Professor für Pädagogische Aufgaben
in der Pflege an der Frankfurt UAS. Der ausgebildete Krankenpfleger und
Lehrer für Pflege studierte Gesundheitswissenschaften sowie Lehramt für
die Oberstufe an beruflichen Schulen mit Fachrichtung Gesundheit. Vor
seinem Ruf an die Frankfurt UAS war er u.a. Professor für Gesundheits- und
Pflegewissenschaft an der FH der Diakonie in Bielefeld sowie Koordinator
des Transfernetzwerks innovative Pflegeausbildung der Robert Bosch
Stiftung. Seine aktuellen Arbeitsschwerpunkte sind Gestaltung
betrieblicher Ausbildungsprozesse, motivierende Gesundheitsberatung,
Strategien pflegerischer Arbeit (professionelle Sorge / Caring) sowie
Studiengangsentwicklung.
