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Digital Health im Gesundheitswesen und Digital Health Management: Experteninterview mit Prof. Dr. Felix Hoffmann

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Ob Telemedizin oder medizinische Diagnostik mittels Künstlicher
Intelligenz – Prof. Dr. Felix Hoffmann von der APOLLON Hochschule sieht
Deutschland beim Thema Digital Health auf einem guten Weg. Wie es künftig
gelingen kann, einzelne Technologien und Anwendungen zu einem großen
digitalen Ökosystem zusammenzuführen, berichtet er im Interview. Ein
wichtiger Baustein ist unter anderem die Weiterbildung. Aus diesem Grund
startet ab 1. Juli an der Hochschule der neue Master „Digital Health
Management“.

Herr Prof. Dr. Hoffmann, was verbinden Sie persönlich mit dem Begriff
Digital Health?

Prof. Dr. Hoffmann: Digital Health beinhaltet einerseits die
Digitalisierung, also ein sehr technisches Thema. Eigentlich muss man in
diesem Zusammenhang auch von einer digitalen Transformation sprechen – der
Wandel von einem analogen Gesundheitswesen und einer analogen Gesellschaft
hin zu einem digital vernetzten Gesundheitswesen und einer digital
vernetzten Gesellschaft. Da spielen aber noch viel mehr Themen als die
reine Digitalisierung eine Rolle.

Welche zum Beispiel?

Das ist unter anderem die transformationale Führung, also wie arbeiten
Menschen in einem digital vernetzten Gesundheitswesen zusammen? Muss es
immer noch eine Chefin oder ein Chef sein mit Menschen darunter, die
Anweisungen ausführen, oder funktioniert das auch anders? Dann ist Bildung
ein ganz wichtiges Thema: Dadurch, dass die Digitalisierung sehr viel
verändert, müssen alle im Gesundheitswesen tätigen Menschen sich gewisse
Kompetenzen aneignen, die vorher noch nicht da waren. Im Grunde muss die
gesamte Gesellschaft nochmal digital qualifiziert werden, was eine große
Herausforderung unserer Zeit ist.

Wie kann das gelingen?

Im Prinzip dadurch, dass man Weiterbildungsangebote schafft, die genau auf
die entsprechenden Aufgaben ausgerichtet sind, in denen Expertise benötigt
wird. Am besten sind das mundgerechte, kleine Weiterbildungshäppchen, die
während der Arbeit gereicht werden.

Auf welchem Stand sind wir in Deutschland mittlerweile mit Digital Health
angekommen?

Auf der Ebene der einzelnen Technologien haben wir in Deutschland einen
sehr guten Stand erreicht. Es gibt bei uns ganz viele Möglichkeiten der
Anwendung im Gesundheitswesen wie telemedizinische Anwendungen oder die
medizinische Diagnostik mittels künstlicher Intelligenz. Diese vielen
Möglichkeiten müssen nun zusammengeführt werden, zu einem großen,
digitalen Ökosystem, in dem die einzelnen digitalen Technologien ihren
Platz finden. Da sind andere Länder sicherlich weiter, in Deutschland
kämpfen wir bei der digitalen Vernetzung immer noch mit
Startschwierigkeiten, beispielsweise bei der Implementierung der
Telematikinfrastruktur. Diese soll alle Beteiligten im Gesundheitswesen
wie Ärzte, Zahnärzte, Psychotherapeuten, Krankenhäuser, Apotheken und
Krankenkassen im Rahmen der digitalen Gesundheitsversorgung miteinander
vernetzen.

Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit sich das von Ihnen
erwähnte Ökosystem gesund weiterentwickelt?

Im Gesundheitswesen gibt es viele qualifizierte Menschen, die etwas
bewegen wollen, und man muss diese auch machen lassen. Ich sehe zum
Beispiel immer wieder bürokratische Hürden, etwa für die Markteinführung
von Innovationen. Hier muss man schauen: Wo sind welche Hürden nötig und
wo sind sie unnötig, weil sie zum Beispiel keine Qualitätsverbesserung
erreichen. In der ambulanten Versorgung könnten beispielsweise viel
häufiger telemedizinische Sprechstunden angeboten werden, wenn die Anzahl
dieser Sprechstunden nicht begrenzt wäre.

Die Prozessinfrastrukturen zum Aufbau eines solchen Ökosystems stellen Sie
am Klinikum Darmstadt her. Mit welchem konkreten Ziel?

Wir bauen diese gemeinsam mit den klinischen Fachabteilungen, mit der
Pflege und der IT-Abteilung auf, damit wir am Ende ein großes Prozess-
Ökosystem haben, das digital unterstützt wird und dann die analoge,
Jahrhunderte alte Struktur des Krankenhauses irgendwann ablösen soll. Da
sind wir in Darmstadt schon relativ weit und wurden in diesem Jahr zum
zweiten Mal als Digital Champion in einer Studie des Instituts für
Management- und Wirtschaftsforschung (IMWF) ausgezeichnet; das Klinikum
Darmstadt erzielte dort den 3. Platz aller kommunalen Krankenhäuser.
Insgesamt muss das Gesundheitswesen aber noch einen sehr weiten Weg gehen:
Solche Stellen wie meine gibt es nicht an allen Krankenhäusern. Man
braucht dafür Menschen, die aus der Versorgung kommen und wissen, wie das
Gesundheitswesen funktioniert, die aber auch die digitalen und
transformationalen Inhalte beherrschen. Da geht die APOLLON Hochschule den
richtigen Weg und bietet mit dem Master „Digital Health Management“ einen
Qualifizierungsrahmen an, um Fachkräfte genau für diese Aufgabe zu
qualifizieren.

Sie starten mit dem Studiengang ab dem 1. Juli 2022. Für welche Zielgruppe
ist dieser geeignet?

Grundsätzlich richtet er sich an alle Menschen im Gesundheitswesen mit
einem Bachelor-Studium, die sich für Digitalisierung und digitale
Transformation interessieren. Da gibt es zwei Karrierewege, die man
unterscheiden muss: Das ist zum einen mein Karriereweg: Ich habe nach
meiner Facharztweiterbildung eine Tätigkeit im Projektmanagement eines
Universitätsklinikums aufgenommen, und Digitalisierungsprojekte geleitet.
Später habe ich dann die Leitung der Stabsstelle für medizinische
Prozessentwicklung am Klinikum Darmstadt angenommen. Dieser Karriereweg
ermöglicht es, perspektivisch eine Leitungsposition im Top-Management
innezuhaben und die Prozess- oder Projektinfrastruktur an einem
Krankenhaus zu verantworten.
Der zweite Karriereweg betrifft Menschen, die sagen: „Ich interessiere
mich für Digitalisierung, die digitale Transformation betrifft mich, ich
möchte aber gar nicht aus meinem Beruf raus.“ Das können zum Beispiel
Chirurgen sein, die eine leitende Tätigkeit anstreben oder andere Ärzte,
die in ihrem Fachgebiet bleiben, sich aber dennoch diese Inhalte aneignen,
um gemeinsam mit Projektteams gestalten zu können. Für Menschen, die
bereits Führungskompetenzen haben, wird es noch eine kleinere Form des
Studiengangs ohne Management-Anteil geben, der im Herbst starten wird.

Welche Inhalte erwarten die Studentinnen und Studenten unter anderem im
großen Studiengang?

Es geht los mit dem Management-Anteil, der Digitalisierungsanteil hat
allerdings einen größeren Umfang. Da werden technische Grundlagen
vermittelt, also Schnittstellenmanagement, Interoperabilität, Telemedizin,
diverse Anwendungen wie KI oder Blockchain – damit hat man alles, was
technisch möglich ist zumindest in Grundzügen erlernt. Ein wichtiger
Meilenstein ist das Gruppenprojekt „Digitales Changemanagement“, dieses
kommt aus der Praxis und erfordert die Lösung eines konkreten Problems im
Gesundheitswesen. Die Konzeption digitaler Prozesse oder die Evaluation
von Digitalisierungsprojekte könnten hier eine Rolle spielen.

Wozu befähigt der Abschluss des Digital Health Management die
Absolventinnen und Absolventen?

Es ist eine Qualifizierung für jede Management-Position. Denn jedes
Management-Studium braucht einen Digitalisierungsanteil, um sich
vollumfänglich vorzubereiten.

Wäre es da nicht erstrebenswert, diese Art der Weiterbildung verpflichtend
anzubieten?

Dafür ist es zu umfangreich. Es ist ja auch immer die Frage: Was braucht
jemand? Bin ich Chirurg und in meinem Job glücklich, benötige ich diese
Art der Weiterbildung nicht. Sobald ich aber eine Führungsposition
anstrebe, zum Beispiel in einer Gemeinschaftspraxis, im Krankenhaus oder
MVZ, brauche ich diese Kompetenzen.


Können sie ein konkretes Beispiel nennen, bei denen Digital Health bereits
für Sie den erwünschten Effekt gebracht hat?

Einmal ging es zum Beispiel um Prozesse in der Notaufnahme in Darmstadt,
die zuvor allesamt Papier gesteuert waren. Nach unserer Problemlösung
findet der komplette Workflow inzwischen digital statt. Die
Behandlungsdringlichkeit läuft jetzt digital und auch die Ablaufsteuerung
und Dokumentation. Auf diese Weise konnten wir die Transparenz erhöhen und
auch zu einer Verbesserung der Behandlungsqualität beitragen.

Auf dem Land haben wir das Problem mit dem Ärztemangel in der Fläche. Wie
könnte die Optimierung von digitalen Prozessen dort von Nutzen sein?

Das betrifft übrigens nicht nur den Ärztemangel sondern auch die Pflege,
wo wir ebenfalls zu wenig Fachpersonal haben. Hier kann es helfen, wenn
bestimmte Prozeduren nicht mehr von Hand gemacht werden, sondern digital
ablaufen. Ich denke da zum Beispiel an die Dokumentation, die ja etwa bis
zu 40 Prozent der Arbeitszeit einnimmt. Wenn wir das digitalisieren
können, haben wir mehr Zeit, die wir in die Arbeit am Menschen investieren
können. Und dann gibt es noch digitale Anwendungen, die direkt die
medizinische Versorgung unterstützen, zum Beispiel die Telemedizin. Diese
kann gerade im ländlichen Raum viel bewirken, etwa bei älteren
Patientinnen und Patienten, die dann nicht mehr für jede Kleinigkeit den
Hausarzt aufsuchen müssen.

Zur Person:
Nach seinem Medizinstudium und seiner Approbation als Arzt erfolgte
zunächst die Weiterbildung zum Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie
mit Zusatzbezeichnung Notfallmedizin. Seit Beginn des Jahres 2022
bereichert Prof. Dr. Felix Hoffmann die APOLLON Hochschule mit der
Denomination „Digital Health", welches einen großen Stellenwert im
Gesundheitswesen einnimmt. Neben seiner aktuellen Professur ist er Leiter
der Stabstelle für medizinische Prozessentwicklung am Klinikum Darmstadt
und trägt dort in enger Zusammenarbeit mit allen Sektionen des Klinikums
die Verantwortung über die Neuaufstellung sowohl der digitalen als auch
der analogen Prozesslandschaft. Zudem ist Prof. Dr. Felix Hoffmann
Lehrbeauftragter der medizinischen Fakultät an der Ruhr-Universität in
Bochum.Das Interview führte: Daniela Krause