Kunstfälschungen entlarven Die Heidelberger Fälschungs-Studien-Sammlung wird vor allem in der Lehre eingesetzt
Bekannte Kunstwerke von Renoir, Cézanne oder Picasso befinden sich im
Bestand des Instituts für Europäische Kunstgeschichte der Universität
Heidelberg? Nur scheinbar, denn es handelt sich in Wirklichkeit um
Fälschungen. Sie sind Teil einer neu eingerichteten Sammlung, die
insbesondere in der Lehre zum Einsatz kommt – so auch im Rahmen eines
Seminars im laufenden Sommersemester 2022. Studierende sollen darin
befähigt werden, Fälschungen zu entlarven. Die Kunstwerke
unterschiedlicher Gattungen und aus verschiedenen Epochen stammen aus den
Asservatenkammern der Landeskriminalämter in Berlin und München, in denen
beschlagnahmte Objekte archiviert werden. Die Abkürzung der Heidelberger
Fälschungs-Studien-Sammlung HeFäStuS ist angelehnt an Hephaistos, den
griechischen Gott der Künste und des Handwerks.
„In der Lehre setzen wir die Kunstfälschungen vor allem dazu ein,
Studierende im praktischen Umgang mit solchen Objekten zu schulen. Als
künftige Kunstexpertinnen und Kunstexperten werden sie für diesen Bereich
sensibilisiert und mit Methoden zu deren Entlarvung vertraut gemacht“,
betont Prof. Dr. Henry Keazor vom Institut für Europäische
Kunstgeschichte. Gemeinsam mit seiner wissenschaftlichen Mitarbeiterin Dr.
Tina Öcal, deren Dissertation zum Thema Kunstfälschung gerade erschienen
ist, betreut er die einzigartige Sammlung. Prof. Keazor und Dr. Öcal
bieten in diesem Sommersemester dazu auch ein Seminar am Institut an. Dort
werden die gefälschten Werke aus der Sammlung – unter anderem von Pierre
Auguste Renoir, Paul Cézanne oder Pablo Picasso – unter verschiedenen
Fragestellungen untersucht. Begleitet wird die Veranstaltung von
ausgewählten Expertengesprächen und Demonstrationen materialtechnischer
Instrumente, um nicht zuletzt dem interdisziplinären Charakter der
Kunstfälschung im Bereich Kunsttechnologie, Naturwissenschaft, Kunstmarkt,
Kriminalistik und Jurisprudenz Rechnung zu tragen. Im Rahmen eines im
vergangenen Wintersemester angebotenen Seminars gelang es zum Beispiel,
ausgehend von einer in der HeFäStuS aufbewahrten Fälschung einer Zeichnung
des Künstlers Max Liebermann weitere Blätter aus der gleichen
Fälscherwerkstatt zu identifizieren, die bis dahin als Originale galten.
Einen zusätzlichen Vorteil dieses forschenden Lernens anhand von
Kunstfälschungen sieht Prof. Keazor darin, die Studierenden im direkten
haptischen Umgang mit Werken zu schulen, der ihnen ansonsten im Studium
weitgehend verwehrt bleibe. Dort spielen bislang die Verwendung digitaler
Bildprojektionen die Hauptrolle oder auch Museumsbesuche, bei denen die
Originale jedoch nur in großem Abstand und durch Glas geschützt betrachtet
werden können. „Tatsächlich lässt sich alles, was in der
Auseinandersetzung mit einem Original zu lernen ist, auch und sogar noch
besser anhand einer Fälschung lernen: Gegenstandserfassung, Stilkritik,
kunsthistorischer Kontext, Überprüfung der Provenienz und der angewendeten
Technik sowie Kunstmarkt-Analyse“, so der Heidelberger Kunsthistoriker.
Wie wichtig das frühzeitige Heranführen an Kunstfälschungen in Lehre und
Forschung ist, zeigen Fälschungsfälle nicht nur der jüngsten
Vergangenheit. „Immer wieder stehen Experten diesen mehr oder weniger
hilflos gegenüber und lassen sich von ihnen täuschen, da sie in ihrer
Ausbildung mit der Faktur und den Strategien von Falsifikaten nicht
vertraut gemacht wurden“, betont Henry Keazor. In dem universitätsinternen
Datenbanksystem heidICON werden die archivierten Fälschungen
digitalisiert, um einen ortsunabhängigen Zugriff auf Informationen sowie
zugleich eine Auswertung aus diversen Blickwinkeln zu ermöglichen.
Eingerichtet wurde die Sammlung im Frühjahr 2021 mit Unterstützung von
Sponsoren wie Dr. Manfred Fuchs (Mannheim) sowie Prof. Dr. Rainer Wild
(Heidelberg). In bestimmten zeitlichen Abständen werden immer neue und an
den Lehr- und Forschungsbedarf angepasste Objekte nach Heidelberg
überführt, so dass HeFäStuS dynamisch wächst – mittlerweile auch dank
Schenkungen aus Privatsammlungen, so Prof. Keazor.
Die Dissertation von Dr. Öcal mit dem Titel „Gefälschte Zeit. Das Phänomen
der Fälschung (in) der Kunstgeschichte seit dem Florentiner Ottocento“ ist
als Open Access-Publikation über das Portal arthistoricum.net frei
verfügbar. Dieser wissenschaftliche „Fachinformationsdienst Kunst,
Fotografie, Design“ wird als webbasierte Infrastruktur von der
Universitätsbibliothek Heidelberg gemeinsam mit der Sächsischen
Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden betrieben.
