Herausforderungen für die Supply Chain der Zukunft
Deutsches Maritimes Zentrum und Maritimes Cluster Norddeutschland
veranstalten Forum für Branchendialog
Wissenschaftler sowie Praktiker aus vielen unterschiedlichen Sektoren
berichteten über ihre Erfahrungen mit den jüngsten Problemen entlang der
globalen Lieferketten und präsentierten konkrete Vorschläge für eine
Verbesserung der vielfach immer noch angespannten Lage. Dabei bestand
weitgehend Einigkeit darüber, dass die Funktionstüchtigkeit der globalen
Lieferketten auch in Zukunft von überragender Wichtigkeit für die maritime
Branche ebenso wie für die deutsche und internationale Wirtschaft
insgesamt sein werde.
Fragen zur Supply Chain der Zukunft standen im Mittelpunkt der Online-
Veranstaltung „Lieferkettenstabilität – Lernen aus der Krise“, zu der das
Deutsche Maritime Zentrum und das Maritime Cluster Norddeutschland (MCN)
gemeinsam am 1. Juni 2022 eingeladen hatten. Etwa 100 Personen aus der
maritimen Branche nahmen teil.
Die Gastgeber Jessica Wegener (Geschäftsführerin MCN) und Claus Brandt
(Geschäftsführer Deutsches Maritimes Zentrum) unterstrichen die
Notwendigkeit, die weltweiten Lieferketten künftig stabiler zu gestalten.
Sie dankten den Referenten aus Forschung, Verbänden und Unternehmen für
ihre Impulse und die Gelegenheit, aus konkreten Best Practices aus der
maritimen Branche gemeinsam wichtige Erkenntnisse für die Zukunft
abzuleiten. „Die Corona-Pandemie, die Blockade des Suez-Kanals und aktuell
Russlands Krieg gegen die Ukraine haben uns in aller Deutlichkeit vor
Augen geführt, wie verletzbar unsere Lieferketten und die globalen
Warenströme sind und wie wichtig es ist, diese künftig resilienter zu
gestalten“, sagte Jessica Wegener. „Es steht zu erwarten“, so Claus
Brandt, „dass die Unterbrechung der weltweiten Lieferketten dazu führt,
dass der globale Warenaustausch an seine Grenzen stößt und regionale
Lieferketten an Bedeutung gewinnen werden.“
Prof. Dr. Michael Bräuninger von Economic Trends Research führte in die
Thematik ein. Er sprach über die „extremen Spannungen in den
Lieferketten“, zu denen die Corona-Krise und der Krieg in der Ukraine
geführt hätten. Lieferketten seien in der Folge „zumindest temporär
gebrochen und konnten bisher nur notdürftig repariert werden“. Der Trend-
und Konjunkturforscher betonte dabei, dass aus seiner Sicht die
Globalisierung dadurch aber nicht nachhaltig zurückgedreht werde und er
keine Renationalisierung der Lieferketten erwarte: „Die Lieferketten
werden weiter global bleiben, allerdings stärker diversifiziert.“
Speziell die maritimen Lieferketten nahm Prof. Dr. Burkhard Lemper vom
Institut für Seeverkehrswirtschaft und Logistik in den Blick: „In immer
mehr Häfen stauen sich die Schiffe und warten auf Abfertigung“. Dies
betreffe Nordamerika, die Volksrepublik China und auch Nordwesteuropa. Die
Ursachen seien vielfältig und reichten von lokalen, coronabedingten
Lockdowns über hohe Auslastungen bis hin zu Engpässen im
Hinterlandverkehr. „Folge ist eine weitere Verknappung der Kapazitäten bei
Containerschiffen und Boxen.“ In den anderen großen Segmenten der
Weltschifffahrt wie Bulker und Tanker würden inzwischen die Auswirkungen
des Ukraine-Krieges spürbar und führten „zumindest teilweise zu höherer
Auslastung und steigenden Raten“.
In parallel laufenden Workshops bestand die Möglichkeit, Erfahrungen und
Schlussfolgerungen aus der angespannten Situation aus branchen- und
unternehmensspezifischer Sicht kennenzulernen.
Vor allem die konkreten Learnings der unterschiedlichen Marktteilnehmer
standen im Fokus des Interesses.
So unterstrich Mathias Pein, CEO von Piening Propeller, die Notwendigkeit,
gerade im Projektgeschäft die Lieferketten in Hinblick auf Qualität und
Transportwege „äußerst sorgfältig“ auszuwählen. Sven Harpke von der Krebs
Unternehmensgruppe, die unter anderem in der Schwerlastlogistik und (mit
eigener Flotte) im Offshore Support tätig ist, betonte „die
Hochverfügbarkeit von Technik“ als Grundvoraussetzung zur Einhaltung von
Lieferketten. Vor diesem Hintergrund sei „Outsourcing nicht immer ein
Garant von Flexibilität und Unabhängigkeit“.
„Viele Lieferketten sind tausende Kilometer lang und da kann sogar in
normalen Zeiten so manches schiefgehen“, sagte Dr. Alexander Geisler vom
Zentralverband Deutscher Schiffsmakler, der die Workshops zur Schifffahrt
leitete. Er betonte, dass „die Zeiten, in denen Verzögerungen in den Häfen
oder im Hinterland durch höhere Geschwindigkeiten auf See aufgeholt
werden, mit Blick auf die höheren Bunkerkosten und die Vorgaben zur
Emissionsreduzierung endgültig vorbei sind“.
Mit Sven Buckenberger (Ernst Heinrich), Daniel Hosseus (Zentralverband der
deutschen Seehafenbetriebe) und Carsten Löhmer (Loewe Marine) teilten
weitere Stakeholder aus den Bereichen Schiffbauzulieferer, Offshore-Wind
und Meerestechnik, Hafenbetrieb und Schifffahrt ebenfalls ihre Erfahrungen
und Schlussfolgerungen und gaben wichtige Good-Practice-Impulse.
Zum Abschluss der Veranstaltung erläuterte Vincent Stamer, Experte für
Handelspolitik am Kiel Institut für Weltwirtschaft, seine Einschätzung der
Lage. Internationaler Handel habe eine Zukunft, werde sich aber „aufgrund
geoökonomischer Spannungen, Lehren aus Lieferengpässen und Aspekten der
Nachhaltigkeit anpassen müssen.“ Im Lichte der jüngsten Disruptionen
müssten wirtschaftliche Abhängigkeiten daher neu reflektiert werden.
Claus Brandt fasste zusammen: „Bis zum Beginn der Corona-Pandemie und des
Krieges in der Ukraine waren die Prozesse der Wirtschaft so gestaltet,
dass die Vorläufe knapp, die Kosten gering und die Prozesse effizient
waren. Die Frage der Effizienz stellt sich nun in einer anderen Form: Wenn
es kein Material und keine Produkte gibt, kann auch nichts verkauft
werden. Die Abläufe müssen also mit mehr Puffer geplant werden. Wir werden
lernen müssen, dass ‚Just in time‘ vorbei ist.“
