Autofahrten mit kleinen Kindern: Durch die richtige Sitzposition Sicherheit erhöhen
Tag der Kindersicherheit
Anlässlich des Tags der Kindersicherheit am 10. Juni empfehlen Orthopäden
und Unfallchirurgen, Kinder bis zum vollendeten dritten Lebensjahr in
einem rückwärtsgerichteten Kindersitz im PKW mitfahren zu lassen und damit
über den bisher gültigen Rahmen hinauszugehen. Neben der Sitzposition ist
die Verwendung eines für Alter und Körpergröße richtigen Kindersitzes
wichtig. Außerdem ist eine verantwortungsvolle Fahrweise der Eltern
geboten.
„Viele Unfälle ließen sich durch angepasstes Fahren verhindern, dies
betrifft auch Eltern. Wenn es zum Unfall kommt, spielen meist die hohe
Geschwindigkeit und Ablenkung eine Rolle, vor allem bei Benutzung des
Handys. Leider auch, wenn Kinder an Bord sind“, sagt Prof. Dr. Benedikt
Friemert, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und
Unfallchirurgie (DGOU). Gestützt werden die Aussagen durch eine aktuelle
Studie1 mit Daten aus dem TraumaRegister DGU®.
In vielen jungen Familien ist es eine wiederkehrende Frage: Welche
Kindersitze und Sitzarten sind für die ersten Fahrten mit dem Auto
richtig, um die Sicherheit für Kinder im PKW zu erhöhen? Vorwärts oder
rückwärts? Aus medizinisch-fachlicher Sicht wäre es sinnvoll, das Alter
für den Rückwärtstransport auf drei Jahre anzuheben. Eine
rückwärtsgerichtete Sicherung von Kindern bietet bei einem Aufprall
Vorteile, da die Belastung breitflächig über den Rumpf des Kindes verteilt
übertragen wird und somit erhöhte Kräfte, die auf die Halswirbelsäule, den
Kopf und den Bauch punktuell einwirken, abgeschwächt werden können.
Wichtiger noch als das alleinige rückwärtsgerichtete Transportieren von
Kindern ist vor allem die Verwendung eines alters- und
körpergrößenspezifisch richtigen Kindersitzes unter Beachtung der i-Size-
Norm, die eine Einteilung der Kindersitzklassen nach Körpergröße vornimmt.
Tipps von Unfallchirurgen für den Transport von Kindern bis zum 3.
Lebensjahr
1) Babys und Kleinkinder bis einschließlich drei Jahren rückwärts
transportieren
2) Kinder grundsätzlich ordnungsgemäß in geeigneten Kinder-Autositzen
sichern
3) Hierbei auf die neue i-Size-Norm achten, das heißt der Körpergröße
des Kindes angepasst
4) Ältere Kinder mit einem Drei-Punkt-Gurtsystem sichern
5) Auf den aktuellen Sicherheitsstandard bei Kindersitzen achten wie
Seitenaufprallschutz oder ISOFIX-Befestigungssystem
Nach der aktuellsten i-Size-Norm müssen Kinder bis 15 Monate gegen die
Fahrtrichtung transportiert werden.2 Je später der Wechsel in einen nach
vorn gerichteten Kindersitz, desto besser. „Das reduziert die
Verletzungsgefahr bei einem Frontalunfall erheblich“, sagt Dr. Christopher
Spering, Leiter der DGOU-Sektion Prävention, der an der Erstellung der
Studie beteiligt war. Auch wenn die Zahl der Verkehrstoten rückläufig ist,
wurden laut Statistischem Bundesamt 7.300 Kinder unter 15 Jahren im Jahr
2020 als Autoinsassen verletzt.3 „Diese Zahlen müssen weiter reduziert
werden, im Ausland wird uns bereits vorgemacht, dass das geht“, sagt
Spering weiter. Besonders häufig treten Kopf- und Wirbelsäulenverletzungen
auf.
Bei der Altersgruppe der 2-3-Jährigen kommt es oft zu schweren
Verletzungen als Folge eines falschen Gebrauchs von Autositzen sowie der
falschen Verwendung von Rückhaltesystemen. Es kommt zum kritischen
sogenannten „U-Boot-Effekt“, wenn der Körper des Kindes unter dem
Beckengurt durchrutscht. Der Gurt wirkt dann wie ein Scharnier und als
Folge treten gehäuft schwere Bauch- und/oder Wirbelsäulenverletzungen
sowie Brüche der Beine auf. Daher sollten für ältere Kinder Beckengurte
als alleinige Sicherung vermieden werden und es sollte immer auf ein
sogenanntes Dreipunkt-System geachtet werden.
Die DOGU empfiehlt, das Thema Kindertransport auch zum Gegenstand der
Fahrausbildung zu machen. Auch würde eine breitere öffentliche Aufklärung
helfen, für das Thema und vermeidbare Fehler zu sensibilisieren. Gerade
weil viele Kindersitze nicht nur neu angeschafft werden, sondern auch
gebraucht, sind Eltern häufig nicht hinreichend über die aktuellen
Sicherheitsstandards und sinnvollen Ausstattungsmerkmale informiert.
Hintergrund
Derzeit gelten in der EU drei Kindersitz-Normen: ECE R 44/03, ECE R 44/04
und ECE R 129. Die sogenannte i-Size-Norm ist Bestandteil der Prüfnorm ECE
R 129. Sie regelt, dass Kindersitzklassen nach Körpergröße eingeteilt
werden und nicht mehr nach Körpergewicht wie vorher.
Quellen
1) Studie: Die Datenerfassung erfolgte über das TraumaRegister DGU® (TR-
DGU) im Zeitraum von 2010 bis 2019. Erfasst wurden Kinder im Alter von 0
bis 5 Jahren, die als PKW-Insassen bei einem Verkehrsunfall schwer
verletzt wurden und in ein TraumaZentrum® DGU transportiert wurden.
European Journal of Trauma and Emergency Surgery I
https://doi.org/10.1007/s00068
Prevention of severe injuries of child passengers in motor vehicle
accidents: is re boarding sufficient? Christopher Spering · Gerd Müller ·
László Füzesi · Bertil Bouillon · Hauke Rüther · Wolfgang Lehmann · Rolf
Lefering · and Section of Injury Prevention DGOU · and TraumaRegister DGU®
2) ADAC
3) Statistisches Bundesamt
