Industrieproduktion bleibt weit hinter ihren Möglichkeiten zurück
Dr. Nils Jannsen (https://www.ifw-kiel.de/de/ex
Leiter Konjunktur Deutschland am IfW Kiel, kommentiert die aktuellen
Zahlen zur Industrieproduktion des Statistischen Bundesamtes, wonach diese
im April um 0,3 Prozent gestiegen ist:
„Nach den neuerlichen Belastungen durch den Krieg in der Ukraine und die
pandemiebedingten Produktionsstörungen in China bleibt die
Industrieproduktion weit hinter ihren Möglichkeiten zurück. Trotz des
leichten Anstiegs im April befindet sie sich gegenwärtig nahe ihrem
Tiefpunkt vom vergangenen September und deutlich unterhalb des
Vorkrisenniveaus. Eine rasche durchgreifende Besserung ist nicht in Sicht,
da sich die fehlenden Vorleistungen aus China aufgrund der Lieferzeiten
erst mit Verzögerung bei der Produktion bemerkbar machen und sich die
Lieferengpässe erst nach und nach lösen werden. Immerhin deuten die
Frühindikatoren aber nicht auf einen tieferen Einbruch hin, zumal sich bei
der Pkw-Produktion nach dem Rückschlag im März wieder Erholungstendenzen
zeigen.
Sobald die Lieferengpässe nachlassen, wird die Industrieproduktion kräftig
steigen, denn trotz der deutlichen Rückgänge bei den Auftragseingängen im
März und April ist die Auftragslage immer noch gut und ließe eine deutlich
höhere Produktion zu. Aufgrund der Lieferengpässe war die
Industrieproduktion zuletzt etwa 10 Prozent niedriger, als es angesichts
der Auftragseingänge möglich gewesen wäre. Zudem haben die Unternehmen
durch die Engpässe bei Vorleistungsgütern in erheblichem Umfang Aufträge
nicht abarbeiten können. Seit dem Beginn der Pandemie ist der
Auftragsbestand um 30 Prozent gestiegen. Dies entspricht mehr als 15
Prozent einer Jahresproduktion bzw. einer Wertschöpfung von rund 100 Mrd.
Euro. Dieses dicke Auftragspolster stellt einen Puffer gegenüber weiteren
kurzfristigen Rückgängen der Auftragseingänge dar. Allerdings wird es aber
wohl längere Zeit benötigen, um die weltweiten Lieferengpässe nachhaltig
zu überwinden.“
