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"Könnten zusätzliche 40 Prozent der Patienten vom Tabak entwöhnen“ – Pneumologen fordern Finanzierung passender Angebote

Fordern die Finanzierung passender Angebot zur Tabakentwöhnung (v.l.): DGP-Präsident Professor Wolfram Windisch, Pneumologe Dr. Matthias Raspe und Professor Stefan Andreas, Sprecher der DGP-Task Force Tabakentwöhnung  (v.l.): privat, Klinik für Pneumologie an der Charité – Universitätsmedizin Berlin, Lungenklinik Immenhausen
Fordern die Finanzierung passender Angebot zur Tabakentwöhnung (v.l.): DGP-Präsident Professor Wolfram Windisch, Pneumologe Dr. Matthias Raspe und Professor Stefan Andreas, Sprecher der DGP-Task Force Tabakentwöhnung (v.l.): privat, Klinik für Pneumologie an der Charité – Universitätsmedizin Berlin, Lungenklinik Immenhausen
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Fordern die Finanzierung passender Angebot zur Tabakentwöhnung (v.l.): DGP-Präsident Professor Wolfram Windisch, Pneumologe Dr. Matthias Raspe und Professor Stefan Andreas, Sprecher der DGP-Task Force Tabakentwöhnung  (v.l.): privat, Klinik für Pneumologie an der Charité – Universitätsmedizin Berlin, Lungenklinik Immenhausen
Fordern die Finanzierung passender Angebot zur Tabakentwöhnung (v.l.): DGP-Präsident Professor Wolfram Windisch, Pneumologe Dr. Matthias Raspe und Professor Stefan Andreas, Sprecher der DGP-Task Force Tabakentwöhnung (v.l.): privat, Klinik für Pneumologie an der Charité – Universitätsmedizin Berlin, Lungenklinik Immenhausen

Die Deutschen rauchen zu viel: 35 Prozent der Bevölkerung greift aktuell
zum Tabak und verursacht durch Folgekrankheiten mittelfristig steigende
Kosten im Gesundheitssystem. Dabei haben 70 Prozent aller Rauchenden den
Wunsch aufzuhören. Die meisten schaffen es nicht, weil passende
Unterstützungsangebote zur Rauchentwöhnung fehlen – aus Kostengründen. Das
will die Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP)
ändern und macht der Gesundheitspolitik in einem Positionspapier jetzt
Vorschläge zur Finanzierung passender Programme, die während eines
Krankenhausaufenthaltes beginnen und dann ambulant weitergeführt werden.

„An dieser Stelle muss die Bundesregierung investieren und nicht weiter
sparen. Deutschland darf nicht länger eines der europäischen
Schlusslichter bei der Tabakentwöhnung sein“, sagt DGP-Präsident Professor
Wolfram Windisch. „Unsere Methoden sind wissenschaftlich gut untersucht,
effektiv und kosteneffizient. So könnten wir etwa zusätzliche 40 Prozent
unserer Patientinnen und Patienten vom Tabak entwöhnten“, sagt Windisch,
Chefarzt der Lungenklinik an den Kliniken der Stadt Köln. „Unterm Strich
spart diese Vorsorgemaßnahme dem Gesundheitssystem viel Geld, entlastet
die Steuerzahler und kann den ehemals Rauchenden ein Leben mit weniger
Beschwerden ermöglichen.

Konkret richtet sich die Maßnahme an sämtliche Patientinnen und Patienten,
die im Krankenhaus aufgenommen werden. Aktuelle Zahlen zeigen, dass rund
ein Drittel von ihnen raucht. „Das ist also der beste Moment, um sie von
einem funktionierenden Entwöhnungsprogramm zu überzeugen“, sagt Dr.
Matthias Raspe, Pneumologe an der Charité – Universitätsmedizin Berlin und
federführender Autor des DGP-Positionspapiers „Tabakentwöhnung bei
hospitalisierten Patientinnen und Patienten – Stationär einleiten,
ambulant fortführen“. Das Papier ist von der DGP-Taskforce Tabakentwöhnung
erarbeitet worden und wird von sieben weiteren Fachgesellschaften sowie
der Deutschen Lungenstiftung, der Deutschen Atemwegsliga und der Deutschen
Herzstiftung mitgetragen. „Den größten Erfolg sehen wir bei jenen, die
nach der Behandlung in der Klinik noch mindestens einen weiteren Monat an
einem ambulanten Tabakentwöhnungsprogramm teilhaben – zum Beispiel in
einer Rehabilitationseinrichtung oder durch passende Internet- und
Telefonangebot“, sagt Raspe. Die Strukturen für solche Angebote seien
ausreichend vorhanden, es fehle am politischen Willen zur Finanzierung:
„Das liegt auch an einer sehr starken Tabaklobby in Deutschland, die
Einfluss auf die Gesetzgebung ausübt.“

Maßnahme schnellstmöglich anschieben: Finanzierung über Zusatzentgelte
oder Qualitätsverträge

Die DGP-Experten sehen gute Möglichkeiten, leitliniengerechte Angebote zur
Tabakentwöhnung flächendeckend zu implementieren und zu finanzieren. Eine
Kostendeckung von Entwöhnungsprogrammen im stationären Bereich wäre im
deutschen Vergütungssystem einfach über zwei Wege umsetzbar: Das
Bundesministerium für Gesundheit könnte das Institut für das Entgeltsystem
im Krankenhaus (InEK) auffordern, ein Zusatzentgelt festzulegen. Dieses
gibt es beispielsweise schon im Bereich der mehrdimensionalen pädiatrische
Diagnostik bei Verdacht auf Gefährdung von Kindeswohl und
Kindergesundheit. „Ein schon bestehender medizinischen Maßnahmenschlüssel
für die multimodale stationäre Behandlung zur Tabakentwöhnung sieht
seitens der Gesundheitspolitik bislang keine Vergütung vor“, erklärt
Professor Stefan Andreas, Mitautor des Positionspapiers und Chefarzt der
Lungenfachklinik Immenhausen, Pneumologische Lehrklinik der
Universitätsmedizin Göttingen.

Eine weitere Möglichkeit der Finanzierung wären sogenannte
Qualitätsverträge zwischen Kliniken und Krankenversicherungen. Der
Gesetzgeber hat diese Vertrags- und Abrechnungsmöglichkeit eingeführt, um
eine Verbesserung der Krankenhausversorgung durch passende Anreize zu
erreichen. „Weniger Betroffene mit Krebs- und Lungenerkrankungen sowie
kardiovaskulären Erkrankungen sollten doch Anreiz genug sein“, sagt Stefan
Andreas. So ließe sich beispielsweise auch das Risiko für einen
Myokardinfarkt oder Schlaganfall durch die Tabakentwöhnung signifikant
senken. „Wir fordern das aktuell zuständige Institut für
Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen auf, die Umsetzung
dieser Maßnahme weiter voranzutreiben,“ so der DGP-Experte. Dass sich
diese Entwicklung finanziell lohnen wird, steht für Andreas fest. Er
rechnet vor: „Wir gehen am Beispiel einer COPD-Behandlung davon aus, dass
sich im Ergebnis die Fallkosten um 10,5 Prozent senken ließen.“

Komplett finanzierte Tabakentwöhnung verbessert Erfolgsrate um 77 Prozent

Für den langfristigen Erfolg eines stationär erzielten Rauchstopps ist die
im Idealfall unmittelbare ambulante Nachbetreuung der neuen Ex-Rauchenden
entscheidend. Für Betroffene sollte sowohl die stationäre Intervention als
auch die ambulante Betreuung nach dem Krankenhausaufenthalt sowie eine
eventuell erforderliche Unterstützung durch Medikamente ohne Kosten
bleiben. Nachgewiesen ist, dass eine komplette Finanzierung der
Tabakentwöhnung die Erfolgsrate um 77 Prozent verbessert.

Aufgaben der Nachbetreuung können dabei unter anderem sein:
verhaltenstherapeutische Interventionen, soziale Unterstützungen,
evidenzbasierte Therapien in Form von Internet- oder Smartphone-
Entwöhnungsprogrammen oder Beratung bei überdurchschnittlicher
Gewichtszunahme. Auch die Fortsetzung der motivierenden Betreuung durch
wiederholte telefonische oder persönliche Kontakte, durch
Selbsthilfeunterlagen, Selbsthilfeliteratur oder Feedbackbriefe sind eine
Möglichkeit. Um all diese Angebote abzudecken, sollten neben dem
medizinischen Fachpersonal sowie Psychologinnen und Psychologen frühzeitig
auch Suchtberatungsstellen, Rehakliniken und auf Tabakentwöhnung
spezialisierte Praxen oder Entwöhnungszentren eingebunden werden. Auch die
vermehrte Einrichtung sogenannter Quitlines ist eine Möglichkeit – also
Telefon-Hotlines, die Behandlungen für Sucht und Verhaltensänderungen
anbietet. „Die Instrumente und Methoden sind da, um vielen Menschen ein
rauchfreies und damit in der Regel auch längeres, gesünderes Leben zu
ermöglichen. Jetzt ist die Politik rund um Gesundheitsminister Karl
Lauterbach am Zug, diese Maßnahmen zu finanzieren – um so letztendlich das
Gesundheitssystem zu entlasten“, fordert DGP-Präsident Windisch.