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Brauchen wir ein Strafrecht für falsche Klimabilanzen?

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Provokative Forderung auf Umweltkongress in Mainz

Ein brisantes Thema hat Umweltwissenschaftler Professor Dr. Mario Schmidt
von der Hochschule Pforzheim bei der öffentlichen Konferenz
„Ressourceneffizienz und produktionsintegrierter Umweltschutz“
präsentiert. Viele Klimabilanzen oder Carbon Footprints seien das Papier
nicht wert, auf dem sie stehen, fasste der Wissenschaftler seine
Erfahrungen zusammen. Trotzdem werde damit öffentlich geworben,
insbesondere für die Klimaneutralität von Produkten, von Unternehmen oder
sogar von Städten und Regionen. „Ich kenne kein einziges klimaneutrales
Produkt oder Unternehmen“, so Schmidt. „Das sind nur fiktive Ergebnisse
der Berechnung, der Zurechnung, von Umbuchungen oder Kompensationen.
Allein schon wenn ein Produkt in den Supermarkt transportiert wurde, trägt
es einen Klimarucksack mit sich, auch wenn es aus der Natur stammt.“ Die
Konferenz begann am 23. April in Mainz unter Beteiligung von
Umweltministerien aus mehreren Bundesländern.

Der Wissenschaftler erläuterte in seinem Vortrag, welche Faktoren die
Berechnung einer Klimabilanz beeinflussen. Demnach gebe es in den
bisherigen Bilanzierungsregeln zu viele Spielräume, Annahmen zu treffen.
Das erschwere die Vergleichbarkeit und verschleiere oft die wahren
Emissionen. Ein Beispiel seien die unterschiedlichen Bilanzgrenzen: Werden
die Lieferanten eines Unternehmens mitberücksichtigt oder nicht? Werden
die Emissionen außerhalb Deutschlands eingerechnet oder nur die auf
deutschem Boden? Dann sei oft auch nicht geklärt, woher die Daten kommen
und wie ihre Qualität gesichert wurde. „Selbst unter Beratern herrscht
hier häufig völlige Ahnungslosigkeit – im wohlwollendsten Fall“, meinte
Schmidt. Die bisherigen Berechnungsstandards lassen zu viele Punkte offen
und es fehlt an belastbaren Daten, der viel zitierten Digitalisierung zum
Trotz.

Bei den Klimabilanzen sieht er Parallelen zum Wirtschaftsbereich. Dort sei
es strafbar, wenn eine Unternehmensbilanz nicht korrekt ist. Denn dadurch
werden die Aktionäre geschädigt oder der Staat erhält geringere
Steuereinnahmen. Im Klimabereich seien die Auswirkungen viel größer, aber
es gebe keine Konsequenzen. Schmidt forderte: „Wir brauchen klare und
eindeutige Regeln, wie bilanziert und wie gekennzeichnet wird. Und wir
brauchen Sanktionen, wenn bei der Klimabilanz und dem damit verbundenen
Marketing geschummelt, geschönt oder verschleiert wird.“

Professor Dr. Mario Schmidt leitet das Institut für Industrial Ecology
(INEC) an der Hochschule Pforzheim. Er ist Mitglied der
Ressourcenkommission des Umweltbundesamtes, Co-Vorsitzender der Jury für
das Umweltzeichen Blauer Engel und seit mehreren Jahrzehnten Experte im
Bereich der Öko- und Klimabilanzierung.