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Ein Tausendsassa wird Juniorprofessor für Translationale Medizin

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Maik Luu (29), Sohn von Tan That und Thi Thu Ba Luu, die 1980 mit der Cap
Anamur von Vietnam nach Deutschland kamen, Hobbykoch, Musiker,
ehrenamtlicher Mitarbeiter im Deutschen Alpenverein und Tierheim,
Humanbiologe, der seinen Doktor im Fast-Track-Promotionsprogramm an der
Philipps-Universität in Marburg machte, hat heute die Ernennungsurkunde
zum Juniorprofessor für Translationale Medizin am Uniklinikum Würzburg
erhalten. Seine Eltern haben sich immer gewünscht, dass er zeigt, wie viel
man aus eigener Kraft erreichen könne, ohne dabei das Gefühl für
Dankbarkeit zu verlieren. Nun sei er an der Reihe, etwas zurückzugeben und
seinen Teil zur Gesellschaft beizutragen, sagt er.

Würzburg. „Gebt immer euer Bestes und seid dankbar, dass ihr euren Teil in
dieser Gesellschaft beitragen dürft!“ Die Worte ihrer Eltern haben Maik
Luu und seinen Bruder von klein auf begleitet. „Als Kind fehlte mir das
Verständnis dafür, wieso gute Noten wichtig sind. Doch irgendwann habe ich
begriffen, dass ich das alles tue, um mir selbst Türen zu öffnen“, blickt
Maik Luu zurück. Der 29-jährige Doktor der Humanbiologie hat gerade an der
Julius-Maximilians-Universität Würzburg über das WISNA-Programm eine
W1-Professur für Translationale Medizin erhalten, mit Tenure-Track* auf
eine W2-Professur.

Eltern kamen 1980 als „Boat People“ von Vietnam nach Deutschland

Seine Eltern könnten nicht stolzer sein. Mit der Motivation, ihren
zukünftigen Kindern Bildung und somit ein besseres Leben zu ermöglichen,
haben sie vor mehr als 40 Jahren als so genannte „Boat People“ ihre vom
Krieg gebeutelte Heimat Vietnam verlassen: Mutter Thi Thu Ba Nguyen-Luu
und Vater Tan That Luu kamen im Jahr 1980 mit der Cap Anamur nach
Deutschland und fassten in Eschweiler bei Aachen Fuß. In Maik Luus Augen
ist das, was seine Eltern auf sich genommen haben, eine viel größere
Leistung als seine Professur. „Ihr Mut, mit nichts als der Kleidung am
Leib ins Ungewisse aufzubrechen und sich in einem Land durchzuschlagen,
dessen Sprache und Kultur sie nicht kannten, könnte nicht größer gewesen
sein.“

Viel Unterstützung, aber auch Beschimpfungen

Sein akademischer Werdegang ist ein klassischer Aufstieg über den
Bildungsweg. Seine Eltern, beide ungelernt, hatten in Deutschland zunächst
Hilfsjobs, unter anderem als Erntehelfer. Dann bauten sie sich ein
asiatisches Restaurant und später eine Schneiderei auf. Unterstützung
bekamen sie von ihren Nachbarn, Heinz und Gisela Weber. „Die beiden haben
unsere Familie gewissermaßen adoptiert. Sie waren für uns wie Oma und Opa,
so bescheiden und unfassbar herzlich. Gisela nannten wir auch Mutter
Zwei“, schwärmt Maik Luu. Auf der anderen Seite gab es den Rassismus, den
auch er zu spüren bekam. „Man musste aufpassen, dass man nicht in der
Mülltonne landet oder einen Baseballschläger übergezogen bekommt“,
erinnert er sich. Schiefe Blicke und dumme Kommentare seien im
universitären Umfeld glücklicherweise seltener geworden. Aber hier und da
käme schon noch vor, dass man ihn für sein gutes Deutsch lobe oder bei
Veranstaltungen darauf aufmerksam mache, dass nur deutsch gesprochen
werde.

Als er in der Schule irgendwann reflektierte, dass es sich lohnen könnte,
sich anzustrengen und merkte, dass ihm einiges leichtfiel, wurde er immer
selbstbewusster. Nach dem ersten Halbjahr in der achten Klasse sprang er
in die neunte, später wurde er Stufensprecher. In dieser Funktion bat er
anlässlich des Abschieds des Abiturjahrgangs eine Verleihfirma höflich um
ein günstiges Angebot für eine Hüpfburg. Er erhielt nicht nur eine Absage,
sondern wurde regelrecht als Bittsteller beschimpft, dem wie alle
Studierenden eine Zukunft als Hartz-IV-Empfänger mit schlechtem Umgangston
und übler Zahlungsmoral vorausgesagt wurde. Über diese Geschichte, welche
damals bundesweit für Furore sorgte, kann Maik Luu heute nur schmunzeln.

Im Rahmen eines Fast-Track-Promotionsprogramms zum Doktor

Er entschloss sich nach dem Abitur für den Bachelor-Studiengang
Humanbiologie/ Biomedical Science an der Philipps-Universität in Marburg
mit dem Hauptfach Infektionsbiologie. Anschließend hat er anstelle des
Master-Studiums im Rahmen eines Fast-Track-Promotionsprogramms seinen
Doktor gemacht. Nur zwei Jahre und vier Monate später schloss der damals
25-Jährige die Promotion mit summa cum laude ab. In seiner Doktorarbeit
„Immunomodulatory effects of HDAC and proteasome inhibitors in
inflammation and carcinogenesis“ untersuchte er, wie das Immunsystem auf
unterschiedliche Bakterien der Darmflora und deren Stoffwechselprodukte
reagiert. Anschließend arbeitete er in Marburg weitere zwei Jahre als
Postdoc mit einem enormen Output an Publikationen. So wurden zum Beispiel
in der Fachzeitschrift Nature Communications zwei seiner Untersuchungen
zum Einfluss bestimmter Stoffwechselprodukte von Bakterien aus dem Darm
auf das Immunsystem veröffentlicht. Unter anderem konnte er zeigen, dass
das Mikrobiom die zytotoxische Aktivität von gentechnisch veränderten
Immunzellen steigern und damit die Effizienz von Tumortherapien positiv
beeinflussen kann.

In zahlreiche nationale und internationale Forschungsprojekte involviert

„Mein Dank gilt hier vor allem meinen Mentoren Alexander Visekruna und
Michael Hudecek. Mit Alexander habe ich sechs Jahre lang eng in Marburg
zusammengearbeitet. Er hat mich extrem gefördert und das wissenschaftliche
Arbeiten gelehrt“, bemerkt Maik Luu. „Wie der Zufall es will, bekommen wir
fast zeitgleich eine Professur, Alex in Marburg und ich in Würzburg.“ Denn
seit April 2021 arbeitet Luu als Senior-Postdoc im Bereich der
Tumorimmunologie am Universitätsklinikum Würzburg im Institut von Prof.
Dr. Michael Hudecek. Neben seinen eigenen Forschungsprojekten zum
Mikrobiom und der Entwicklung einer Mikrobiom-CAR-T-Zell-Therapie ist der
sympathische Naturwissenschaftler Maik Luu in verschiedene Verbundprojekte
involviert. Er ist wissenschaftlicher Projektmanager von T2EVOLVE, einer
Allianz führender akademischer und industrieller Akteure in der
Krebsimmuntherapie. Und er hat erfolgreich einen Antrag für ein EU-
TRANSCAN-3-Projekt geschrieben. In dem mit 1,3 Millionen Euro geförderten
Projekt widmet sich eine Gruppe internationaler Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftler unter der Leitung von Michael Hudecek der Erforschung
neuer Schlüsselkomponenten im Tumormikromilieu beim Multiplen Myelom und
kleinzelligen Lungenkarzinom sowie der Entwicklung modifizierter
CAR-T-Zelltherapien.

Klettern, Kochen, Gitarrespielen und ehrenamtliches Hundetraining

Angesichts seiner rasanten Karriere wird Maik Luu häufiger gefragt, ob er
hochintelligent sei. „Sicher nicht“, winkt er ab. „Allem voran haben mich
harte Arbeit, Fleiß und Durchhaltevermögen weitergebracht. Ein bildliches
Verständnis für biologisch-chemische Prozesse hat jedoch geholfen. Zudem
kann ich gut filtern, auf welche Details ich mich konzentrieren sollte,
und welche weniger wichtig sind. Je simpler das Konzept, desto besser.“
Wenn einem Dinge Spaß machen, dann könne man sich selbst sehr gut
weiterentwickeln. Und man wachse ja bekanntlich mit seinen Aufgaben, die
man sich bisweilen auch selbst stellen müsse. So hat er seine Höhenangst
beim Bouldern und Klettern überwunden und ist sogar ehrenamtlicher Trainer
des Deutschen Alpenvereins. Generell ist ihm soziales Engagement sehr
wichtig, auch wenn die Zeit knapp zu sein scheint. Maik Luu hat lange
Jahre im Marburger Tierheim, mit dem er immer noch verbunden ist,
ehrenamtlich gearbeitet und dort mit Hunden, darunter viele Listenhunde,
bis zur Vermittlung trainiert. Geld hat er neben dem Studium als Sushi-
Koch verdient. Das Kochen wurde in der Studentenwohnung fortgesetzt, nach
dem Motto ‚wie kann ich mit studentischen Mitteln coole Gerichte
kreieren‘. Die Rezepte hat er auf seinem Instagram-Kanal @cooking_campus
gepostet. Eines Tages möchte er daraus ein Kochbuch machen. Er hat
Tischtennis im Verein und Gitarre in einer Band gespielt. Man könnte
meinen, sein Tag habe 48 Stunden. Doch er gibt zu, früher nur vier Stunden
Schlaf benötigt zu haben. Und seine Hobbies sowie Unternehmungen mit
Freunden geben wiederum viel Raum für gute Ideen.

Fan von flachen Hierarchien

„Meine Eltern haben sich immer gewünscht, dass mein Bruder und ich mit
gutem Beispiel vorangehen und zeigen, wie viel man aus eigener Kraft
erreichen kann, ohne dabei das Gefühl für Dankbarkeit zu verlieren. Nun,
vollkommen integriert und im Beruf angekommen, sind wir an der Reihe,
etwas zurückzugeben sowie unseren Teil zur Gesellschaft beizutragen“, sagt
er. Vor seiner neuen Aufgabe, als Juniorprofessor der Hauptverantwortliche
zu sein, habe er großen Respekt: „Die Führungsqualitäten müssen sich noch
entwickeln. Aber ich bin ein Fan von flachen Hierarchien und hoffe, dass
wir als Team gut zusammenwachsen und gemeinsam entscheiden, wo die Reise
hingeht.“

*https://www.bmbf.de/bmbf/de/forschung/wissenschaftlicher-nachwuchs/das-
tenure-track-programm/das-tenure-track-programm_node.html