Neue Ausstellung in der Albertina: Spektakuläre Funde aus historischer Büchersammlung der Annaberger Kirchenbibliothek
Die Kirchengemeinde Annaberg-Buchholz beherbergt eine historische
Büchersammlung von außerordentlicher Bedeutung. Die Ursprünge der Sammlung
reichen bis zur Gründungszeit der Stadt Annaberg im späten 15. Jahrhundert
zurück, als in der Region bedeutende Silbervorkommen entdeckt wurden. Ein
Projektteam der Universitätsbibliothek (UB) Leipzig hat in den vergangenen
Jahren intensiv diese Sammlung erforscht und dabei einmalige Neufunde zur
Kultur- und Literaturgeschichte gemacht.
Die Sonderausstellung „BUCH AUF! Zu Tage geförderte Schätze aus der
Annaberger Kirchenbibliothek“ in der Bibliotheca Albertina präsentiert vom
26. Mai bis 27. August 2023 bedeutsame Entdeckungen, rekonstruiert die
frühen Büchersammlungen vor Ort und erzählt die Geschichte der Entstehung
dieser Kirchenbibliothek in Annaberg.
Die Ausstellung nimmt ihre Besucher:innen mit auf eine Reise ins Annaberg
des 15. und 16. Jahrhunderts, als das nahegelegene Silbervorkommen des
Schreckenbergs entdeckt und abgebaut wurde. Gegründet im Jahr 1496 von
Herzog Georg von Sachsen, beherbergt die Stadt außerdem eine umfangreiche
Bibliothek, die „unter den Kirchenbibliotheken der Evangelisch-
Lutherischen Landeskirche Sachsens mit ihren rund 3.500 Titeln an Drucken
und Handschriften heraussticht“, so Prof. Dr. Thomas Fuchs, einer der vier
Ausstellungskurator:innen und Leiter des DFG-Projekts „Erschließung und
Teildigitalisierung der Kirchenbibliothek Annaberg“ an der UB Leipzig.
Drei dieser Annaberger Titel sind besonders hervorzuheben und werden neu
erschlossen der Öffentlichkeit präsentiert: Zunächst ist da das
„Annaberger Predigtexempel“, eine Kurzerzählung in deutscher Sprache. Wann
die Handschrift produziert wurde, die als Fragment entdeckt wurde, lässt
sich an den Buchstabenformen erkennen – diese weisen in die Zeit um 1200.
Aus dem heutigen Südsachsen und Ostthüringen, wie aus Gesamtsachsen, sei
bislang kein so altes Zeugnis deutscher Literatur erhalten, so Dr.
Christoph Mackert, Leiter des Handschriftenzentrums an der UB Leipzig und
Mit-Kurator der Ausstellung. Der Annaberger Neufund sei mindestens ein
halbes Jahrhundert älter als alles, was bislang an deutschsprachiger
Literatur aus diesem Raum erhalten ist.
Dann die „Windberger Psalmen“: Sie sind eine Übersetzung des lateinischen
Bibelbuchs der Psalmen, die wohl im letzten Viertel des 12. Jahrhunderts
entstanden ist. Die nun entdeckten Fragmente geben wie das
‚Predigtexempel‘ einen Einblick in die Anfänge von deutschsprachiger
Literatur im heutigen Südsachen und Ostthüringen.
Schließlich „Der Papstesel“, der wohl zu den berühmtesten Holzschnitten
des Lucas Cranach gehört und Abbildung eines Wesens ist, das aus Teilen
verschiedener Tiere zusammengesetzt ist. Cranach schuf diesen Holzschnitt
im Jahr 1523 für eine Streitschrift gegen das Papsttum von Philipp
Melanchthon. Der Annaberger Fund ist einerseits ein selten erhaltenes
Beispiel für die vorreformatorische Bildpublizistik, andererseits die lang
gesuchte Bestätigung dafür, dass Cranach für seinen „Papstesel“ auf damals
kursierende Flugblätter zurückgegriffen hat.
Die Entdeckungen sind damit zum Teil älter als die Annaberger
Kirchenbibliothek selbst: Mit Gründung der Stadt wurde ab 1499 die
imposante Stadtkirche St. Anna erbaut, die eine Bibliothek für die
Geistlichen beherbergte. Fast zeitgleich wurde ein Franziskanerkloster
gegründet, um die geistlichen Bedürfnisse der Bevölkerung zu versorgen.
Die Franziskaner bauten eine umfangreiche Bibliothek auf, die nach der
Einführung der Reformation und der damit einhergehenden Aufhebung des
Klosters im Jahr 1540 in die Stadtkirche verlegt wurde. Weitere Sammlungen
kamen in den darauffolgenden Jahrzehnten hinzu. Die Kirchenbibliothek von
Annaberg ist damit beispielhaft für die prozesshafte Entstehungsgeschichte
und heterogene Zusammensetzung einer solchen Sammlung und schon deshalb
besonders, da sie bis heute in ihrer historischen Form nahezu geschlossen
erhalten geblieben ist.
Durch intensive Zusammenarbeit und Förderung durch die Deutsche
Forschungsgemeinschaft, der Koordinierungsstelle für die Erhaltung des
schriftlichen Kulturguts, der Landesstelle für Bestandserhaltung in
Dresden und dem Förderverein Bibliotheca Albertina e. V. ist es nun
möglich, die Schätze der Annaberger Kirchenbibliothek sowohl für die
Wissenschaft als auch für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Der zur Ausstellung erscheinende Katalog „BUCH AUF! Zu Tage geförderte
Schätze aus der Annaberger Kirchenbibliothek“ bietet nicht nur einen
Einblick in die Geschichte der Annaberger Kirchenbibliothek, sondern
präsentiert auf 120 Seiten herausragenden Einzelstücke der Sammlung. Die
intensive Untersuchung der Bücher durch das Projektteam der UB Leipzig
verdeutlicht, wie es zur Entstehung einer so bedeutenden Kirchenbibliothek
in Annaberg kommen konnte.
„BUCH AUF! Zu Tage geförderte Schätze aus der Annaberger
Kirchenbibliothek“ ist ein erhellender Einblick in reformatorische
Bibliothekssammlungen für sowohl geschichtsinteressierte Besucher:innen
als auch Wissenschaftler:innen. Dr. Anne Lipp, Direktorin der UB Leipzig
ist sich sicher: „Die Ausstellung gewährt einen einzigartigen Einblick in
die reiche Kultur- und Buchgeschichte der Region und wird dazu beitragen,
das kulturelle Erbe von Annaberg-Buchholz weiterhin zu bewahren und zu
erforschen.“
Kurzinfos:
Die Ausstellung „BUCH AUF! Zu Tage geförderte Schätze aus der Annaberger
Kirchenbibliothek“ ist vom 26. Mai bis 27. August 2023 täglich von 10:00
bis 18:00 Uhr in der Bibliotheca Albertina zu sehen. Der Eintritt ist
frei.
