Umweltkommissar Sinkevičius: Fast Fashion ist aus der Mode
„Textilsektor Schlüssel für grüne Transformation“ – DBUgoesBrussels
Osnabrück/Brüssel. Die Textilbranche in Europa steht innerhalb der
nächsten sieben Jahre vor grundlegenden Veränderungen und muss sich auf
dem Weg zu einer grünen Transformation auf striktere EU-Vorgaben
einstellen. „Fast Fashion ist aus der Mode“, sagte Virginijus Sinkevičius.
Der in der Europäischen Union (EU) zuständige Kommissar für Umwelt, Meere
und Fischerei skizzierte gestern Abend in Brüssel auf der Veranstaltung
„DBUgoesBrussels“ der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) in Kooperation
mit der Vertretung des Freistaates Bayern bei der EU ein Europa im Jahr
2030, „wenn die auf dem Markt befindlichen Textilprodukte langlebig,
reparier- und recycelbar sind“ und es viele profitable Servicebetriebe für
Wiedernutzung und Reparatur gebe.
Umweltkommissar Virginijus Sinkevičius: Das ist keineswegs nur Träumerei
Die EU-Strategie für nachhaltige und kreislauffähige Textilien vom März
2022 sei in diesem Sinne mit Blick auf das Jahr 2030 eine Vision, jedoch
„keineswegs nur Träumerei“, so Sinkevičius. „Denn es geht um realistische
Maßnahmen für eine bessere Zukunft.“ Am 1. Juni folgt das Votum des EU-
Parlaments zur EU-Strategie. Alles beginne bereits beim Produktdesign,
sagte der Umweltkommissar in einer Videobotschaft zur DBUgoesBrussels-
Veranstaltung „Green Deal für Textilien: Warum die Circular Economy in
Mode kommen muss“. Ende 2019 hatte die EU-Kommission ihre Ambitionen für
besseren Klima- und Umweltschutz mit der Ankündigung eines europäischen
Grünen Deals bekräftigt – mit dem Ziel, bis 2050 klimaneutral zu werden
und nicht mehr klimaschädliche Treibhausgase (THG) auszustoßen, als wieder
gebunden werden können. „Der Textilsektor ist ein Schlüssel für die grüne
Transformation“, betonte der Umweltkommissar.
Weltweit rund 60 Millionen Beschäftigte im Textilsektor – und ein massiver
Rohstoffverbrauch
Sinkevičius verwies besonders auf die derzeit auf EU-Ebene verhandelte
Ökodesign-Verordnung für nachhaltige Produkte, zu der die Kommission –
ebenfalls im März 2022 – einen neuen Gesetzesvorschlag unterbreitet hatte.
Sie ist zentraler Baustein des European Green Deal, soll die bisherige
Richtlinie von 2009 ersetzen und neue Anforderungen an die ökologische
Nachhaltigkeit für fast alle Arten von Produkten festsetzen – mit
besonderem Fokus auf den Textilsektor als einen der weltgrößten
Wirtschaftszweige mit global rund 60 Millionen Beschäftigten, zugleich
verantwortlich für jährlich fast 92 Millionen Tonnen Abfall, enorme
Treibhausgasemissionen und massiven Rohstoffverbrauch. Am Montag dieser
Woche hatten die EU-Länder ihren Standpunkt zur Ökodesign-Verordnung
festgelegt. Ein Beschluss: Das Vernichten fabrikneuer Textilien oder
Schuhe soll in Europa weitgehend verboten werden. Sinkevičius: „Die neue
Ökodesign-Verordnung soll nachhaltige und kreislauffähige Produkte zur
Norm machen – entlang der gesamten Wertschöpfungskette.“
Digitaler Produktpass soll Nachhaltigkeit von Waren überprüfbar machen
Sinkevičius forderte gleiche Kennzeichnungssysteme, „die klar, robust und
vertrauenswürdig sind“. Der Umweltkommissar weiter: „Unser Ziel ist
deshalb ein digitaler Produktpass zu Textilien mit verbindlichen
Informationsanforderungen über kreislauffähige Produkte.“ Das helfe
Verbraucherinnen und Verbrauchern wie nie zuvor, die Nachhaltigkeit von
Waren zu überprüfen. Sinkevičius machte deutlich, warum es für all diese
Schritte keinen Aufschub mehr geben darf: Fast Fashion – also
schnelllebige, in immer kürzeren Zyklen produzierte billige, minderwertige
Mode – trägt erheblich dazu bei, dass der Textilsektor weltweit zu den
drei Hauptursachen für Wasser- und Landverbrauch zählt. Bei der
Inanspruchnahme von Primärrohstoffen und Treibhausgasen rangiert die
Textilbranche an fünfter Stelle. Und: „Im Durchschnitt wirft jeder Mensch
in der EU jedes Jahr rund elf Kilogramm Kleidung weg“, sagte Sinkevičius.
„Wir brauchen alle Akteurinnen und Akteure der Textilbranche für den
Übergang in ein textiles Ökosystem an Bord.“
Bayerischer Staatsminister Glauber: Hoher Textilkonsum geht zu Lasten der
Umwelt und der Menschen
DBU-Generalsekretär Alexander Bonde und der bayerische Staatsminister für
Umwelt und Verbraucherschutz, Thorsten Glauber, waren einig darin, dass
die Zukunft der Kreislaufwirtschaft gehört. Bonde: „Die Transformation hin
zur Klimaneutralität und zur Circular Economy ist eine drängende
Herausforderung – aber auch eine Riesen-Chance unserer Zeit.“ Glauber rief
dazu auf, auch mal Hosen zu flicken, Socken zu stopfen oder einen Knopf
anzunähen. Upcycling sei mehr als nur ein Modewort. „Warum nicht aus der
alten Jeans eine neue machen, aus dem alten Anzug wieder einen neuen?“ Der
Ressourcenverbrauch, zum Beispiel rund 11.000 Liter Wasser für die
Produktion einer Jeans, sei ein „alarmierender Trend“. Glauber: „Unser
hoher Textilkonsum geht zu Lasten der Umwelt und – noch schlimmer – der
Menschen in den Entwicklungsländern.“ Vor zehn Jahren, am 24. April 2013,
starben bei einem der schwerwiegendsten Unfälle in der internationalen
Textilindustrie mehr als 1000 Menschen durch den Einsturz der
achtstöckigen Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch. Sie hatte in
internationaler Massenfertigung vor allem Kleidung für den Export unter
anderem für europäische Modefirmen produziert. Prof. Dr.-Ing. habil. Maike
Rabe, Leiterin des Forschungsinstituts für Textil und Bekleidung an der
Hochschule Niederrhein und eine der Panel-Teilnehmenden bei der
DBUgoesBrussels-Veranstaltung, bringt die Malaise der Modeindustrie so auf
den Punkt: „Zu viel, zu billig, zu intransparent.“ Die Statistik gibt
tatsächlich Anlass zum Umsteuern: mehr Kollektionen als Jahreszeiten,
Billionen Mikrofaser in den Ozeanen sowie laut EU lediglich ein Prozent
Recycling von Textilien. Und: Jede Sekunde landet eine Lasterladung
Kleidung in Müllverbrennungsanlagen oder auf Deponien.
