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Neuer Leitlinienbeauftragter für Altersmedizin: „Wir können für die Bedürfnisse multimorbider Menschen sensibilisieren“

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Neuer Leitlinienbeauftragter der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie
(DGG) ist Dr. Klaus Friedrich Becher, Chefarzt der Allgemeinen und
Geriatrischen Rehabilitation an der Klinik Wartenberg in Oberbayern. Er
übernimmt diese Aufgabe zusätzlich zu seiner Funktion als DGG-Beauftragter
der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen
Fachgesellschaften (AWMF).

„Als zentraler Ansprechpartner übernehme ich eine Schnittstellenfunktion,
damit wir uns in Zukunft noch gezielter und effizienter mit geriatrischen
Themen in die Leitlinienarbeit einbringen können. Insbesondere junge
Kolleginnen und Kollegen will ich dazu ermutigen. Wer Interesse an dieser
wissenschaftlichen Arbeit hat und Unterstützung benötigt, kann sich ab
sofort bei mir melden“, sagt Becher. Was er genau vorhat, welche
Herausforderungen und Chancen er sieht, darüber hat er mit uns im
Interview gesprochen.

Herr Dr. Becher, zu welchen Fragen könnten aktive Geriaterinnen und
Geriater den Kontakt zu Ihnen als Leitlinienbeauftragten suchen?

Im Grund zu allen relevanten Fragestellungen und in allen Phasen der
wissenschaftlichen Leitlinienarbeit. Also von der ersten Idee bis zur
Umsetzung eines neuen Leitlinienprojektes. So helfe ich auch bei Fragen zu
Regelwerken und unterstütze bei der Kontaktaufnahme zu Mitarbeitern
anderer Fachgesellschaften, die sich gerne an DGG-eigenen Leitlinien
beteiligen wollen. Die Autoren sollen sich auf das wissenschaftliche
Arbeiten konzentrieren und von abschreckender Verwaltungsarbeit entlastet
werden.

Wie können die Leitlinien-Autorinnen wie -Autoren aus Ihrer Sicht weiter
unterstützt werden?

Insbesondere Nachwuchswissenschaftler, die bisher noch keine oder wenig
Erfahrung mit der Erstellung von Leitlinien haben, kann ich bei formalen
Prozessen unterstützen. Zum Beispiel bei der notwendigen Registrierung
eines Projektes oder bei der Erfassung und Beratung zu Fragen um
Leitlinienentwicklungen oder die Regeln der AWMF. Ich übernehme aber auch
die Koordination der Mitarbeit von erfahrenen DGG-Mitgliedern an
Nationalen Versorgungsleitlinien und an Leitlinienentwicklungen innerhalb
sowie außerhalb unserer Fachgesellschaft.

Wie binden Sie andere Fachgesellschaften in Ihre Aktivitäten ein?

Als Geriater bin ich es schon immer gewohnt, interdisziplinär zu arbeiten
– und so pflege ich auch über mein gut 35-jähriges Berufsleben hinweg den
intensiven Austausch zu Mitgliedern anderer Fachgesellschaften. Diese
Vernetzung wird mir helfen, Leitlinien-Autoren anderer Fachgesellschaften
von der Relevanz geriatrischer Aspekte zu überzeugen. Und so bin ich
natürlich auch Ansprechpartner für fremde Fachgesellschaften, die unsere
Mitarbeit an neuen Leitlinien oder an Updates bereits bestehender
Publikationen anfragen.

Welche konkreten Ziele haben Sie sich für die kommenden zwölf Monate
gesetzt?

Ich will einmal strukturiert erfassen, welche Mitglieder der DGG bereits
jetzt an Nationalen Versorgungsleitlinien, an Leitlinien der DGG oder eben
auch Projekten anderer Fachgesellschaften mitwirken. Ganz egal, ob in
leitender Funktion, koordinierend oder als reiner Autor. Darüber hinaus
will ich ein kontinuierliches Monitoring des aktuellen Standes von
Leitlinien-Projekten innerhalb der DGG und bei anderen Fachgesellschaften
mit Beteiligung von DGG-Mitgliedern einführen. Zudem will ich insbesondere
bei unseren aktiven Arbeitsgruppen-Mitgliedern für eine Mitarbeit an
Leitlinien-Projekten werben und diese beratend unterstützen.

Nun sind Sie auch AWMF-Beauftragter der DGG. Welche Rolle spielt diese
Verzahnung?

Für mich ist das in Personalunion die sinnvolle Verbindung von zwei
Aufgaben, da das umfangreiche Regelwerk der AWMF zur Erstellung von
Leitlinien wichtig für sämtliche Projekte ist. Als AWMF-Beauftragter nehme
ich aber auch zweimal im Jahr an den Mitgliederversammlungen teil –
zuletzt im Mai in Frankfurt am Main. Diese Versammlungen haben für uns als
Mitglied zunächst einen hohen Informationsgehalt, da inzwischen mehr als
180 Mitglieder von Fachgesellschaften und wissenschaftlichen
Organisationen eine Vielzahl von Themen und Aufgaben in sogenannten Ad-
hoc-Arbeitsgruppen abdecken. Hier geht es dann nicht mehr nur um die
Leitlinienarbeit – auch im europäischen Kontext –, sondern auch um Fragen
der Weiterbildungsordnung, der Approbationsordnung, der Krankenhausreform
oder auch um die Fragen der Staatsexamina. Die Neuigkeiten aus den AWMF-
Versammlungen berichte ich dann direkt an den DGG-Vorstand.

In welchen Bereichen sollten sich Geriaterinnen und Geriater verstärkt an
Leitlinien beteiligen?

Das Gute ist: Schon jetzt bringen DGG-Mitglieder ihr Know-how in mehr als
70 Leitlinien ein. Das ist enorm für unser Fach. Auffallend ist für mich
auf den ersten Blick dennoch, dass bei onkologischen und bestimmten
chirurgischen Leitlinien – mit Ausnahme der Unfallchirurgie und
Alterstraumatologie – anscheinend nur wenige Geriater beteiligt sind. Dies
lässt sich bei einzelnen Projekten bestimmt entwickeln.

Welche Herausforderungen und zugleich Chancen sehen Sie hier?

Die größte Herausforderung ist sicherlich, interessierte DGG-Mitglieder zu
finden, die Freude und Zeit an der Leitlinienarbeit haben – und dies neben
ihrer allgemeinen Arbeit in der Klinik oder der Praxis. Motivierend kann
natürlich sein, dass hier eine sehr wichtige Aufgabe wahrgenommen wird,
die letztendlich bei der täglichen Arbeit und somit den hochaltrigen
Patientinnen wie Patienten helfen kann. Als große Chance erkenne ich hier,
dass wir auf diese Weise relevante Inhalte und Ziele der Altersmedizin auf
wissenschaftlicher Ebene bearbeiten und schlussendlich in den
Arbeitsalltag transportieren können. Das heißt konkret: Wir können andere
Fachgesellschaften sowie Kolleginnen und Kollegen für die Fragen und
Bedürfnisse hochbetagter multimorbider Menschen sensibilisieren und diese
in Leitlinien integrieren. Hieraus können neue Fragestellungen entstehen
oder unter Umständen auch alte Zöpfe abgeschnitten werden.

Wie motivieren Sie insbesondere Nachwuchswissenschaftler, sich an der
Leitlinien-Arbeit zu beteiligen?

Darauf gibt es leider keine einfache Antwort, da die individuellen
Ausgangssituationen ganz unterschiedlich sind. Die Leitlinien-Arbeit
beginnt oft zunächst mit der Motivation und Neugierde, sich in einer
Arbeitsgruppe der DGG einem bestimmten altersmedizinischen Thema zu
widmen. Andere Interessierte stoßen über die Arbeit in der eigenen Klinik
oder Praxis auf komplexere Fragestellungen zur Diagnostik und Therapie bei
älteren multimorbiden Menschen – und wollen dann selbst passende Lösungen
finden. Wichtig ist, sich immer wieder einmal Fragen zu stellen. Warum
passen manche Behandlungsschemata nicht? Warum ist der Therapieverlauf bei
unseren Großeltern oder Eltern so und nicht anders? Fakt ist: Bei der
Leitlinien-Arbeit lernt man viele neue Kolleginnen und Kollegen kennen,
die anhand einer gemeinsamen Fragestellung passende Lösungen oder
Empfehlungen erarbeiten möchten. Das gemeinsame Interesse verbindet und
begleitet einen ein Berufsleben lang. Leitlinien-Autoren schauen
sprichwörtlich über den eigenen wissenschaftlichen Tellerrand hinaus.
Dabei entwickelt man nicht nur mehr Beachtung für das Gebiet der
Altersmedizin, sondern insbesondere auch für die eigene Zukunft. Und das
ist eine hervorragende Motivation.