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Warum die globale Bedeutung der Afrikanischen Union wächst

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Welche Rolle wollen die Länder Afrikas künftig in der globalisierten Welt
spielen? In den vergangenen 20 Jahren ist in den afrikanischen Staaten die
Erkenntnis gewachsen, dass Themen wie Klimakrise, Frieden, Sicherheit und
Handel nur gemeinsam angegangen werden können, und zwar innerhalb der
Afrikanischen Union (AU). Vor 60 Jahren, am 25. Mai 1963, wurde die
Vorläuferorganisation „Organisation der Afrikanischen Einheit“ (OAU)
gegründet, die 2002 in die AU transformiert wurde. Es könnten sich
Möglichkeiten eröffnen, die Integration Afrikas in Globalisierungsprozesse
aus Afrika heraus stärker zu gestalten, sagt Prof. Dr. Ulf Engel,
Professor für Politik in Afrika an der Universität Leipzig.

Vor 60 Jahren wurde der Vorläufer der Afrikanischen Union (AU), die
Organisation der Afrikanischen Einheit (OAU), gegründet. Welches Ziel hat
die Organisation damals verfolgt?

Die OAU hat zwei zentrale Ziele verfolgt: erstens die Souveränität ihrer
damals 32 Mitgliedstaaten zu stärken und diese in die globale Situation
der 1960er Jahre und die Blockkonfrontation zwischen Ost und West
einzupassen, und zweitens die Dekolonisierung der anderen Staaten Afrikas
voranzutreiben. Dazu zählte vor allem die Unterstützung des Kampfes gegen
das Apartheidregime in Südafrika und andere Siedlerkolonien im südlichen
Afrika, aber auch das Bemühen, im Verbund mit anderen postkolonialen
Staaten, zum Beispiel aus Asien, einen Weg der Blockfreiheit im Kalten
Krieg zu behaupten.

Mit der Transformation der OAU zur AU 2002, und angesichts der globalen
Zäsur des Endes des Kalten Krieges, haben sich diese Ziele verschoben.
Heute stehen Themen wie Frieden und Sicherheit, Handel oder Klimapolitik
im Zentrum der Politik der Afrikanischen Union.

Die Einzelinteressen der Staaten sind mutmaßlich noch stärker ausgeprägt
als die der Mitgliedsstaaten der EU. In welchen Dingen bestehen denn
grundsätzlich die meisten Übereinstimmungen der Mitgliedsstaaten?

In der Tat berufen sich die AU-Mitgliedstaaten in vielen Fragen auf ihre
nationale Souveränität und das Prinzip der Nichteinmischung in die inneren
Angelegenheiten. Trotzdem haben sich die 55 Mitgliedstaaten in den
vergangenen knapp 20 Jahren auf eine Reihe gemeinsamer Positionen
verständigen können. Dies betrifft unter anderem die Haltung zur Reform
des UN-Sicherheitsrates, illegale Finanzflüsse und Drogen, die
Entwicklungszusammenarbeit, die internationale Migration sowie das
Naturressourcenmanagement. In diesen Fragen spricht die AU-Kommission für
ihre Mitgliedstaaten, vor allem gegenüber den Vereinten Nationen und der
Europäischen Union.

Dieser Prozess der Vergemeinschaftung hat, verglichen etwa mit der
Europäischen Union, noch viel Potenzial. Während es in Europa etwa 310
vergemeinschaftete Politikfelder gibt (die sich unmittelbar auf die
Mitgliedstaaten auswirken), sind es in der AU vielleicht zwei Dutzend.
Dabei sind in zahlreichen Politikfeldern der AU weitere gemeinsame
Positionen nicht nur denkbar, sondern werden aktuell durchaus auch
diskutiert. Dieser Prozess ist zuweilen mühsam, aber durchaus
zukunftsweisend.

Afrika ist etwas stärker in den Fokus der Weltpolitik geraten, seit
einerseits die Flüchtlingsströme über das Mittelmeer gen Europa zugenommen
haben, andererseits ins Bewusstsein rückt, dass Russland und China ihren
Einfluss auf den Kontinent massiv ausweiten, sowohl militärisch als auch
wirtschaftlich. Ist Afrika immer noch der „vergessene Kontinent“?

Aus Sicht Deutschlands und der EU, aber eben auch anderer globaler Mächte,
ist Afrika sicherlich längst eine wichtige Größe. Der Kontinent ist aus
verschiedenen Gründen zum Ziel wichtiger globaler Ordnungsprojekte
geworden – von der „Neuen Seidenstraße“ Chinas zum europäischen „Global
Gateway“-Projekt. Dies hat zunächst eine ökonomische Dimension, aber wenn
wir an die Auswirkungen des Krieges Russlands gegen die Ukraine denken,
geht es natürlich auch um geostrategische Positionierungen.

China hat in den vergangenen knapp 20 Jahren erhebliche politische und
wirtschaftliche Investitionen in Afrika getätigt, mit denen die Staaten
Afrikas sehr erfolgreich in die eigenen Waren- und Wertschöpfungsketten
eingebunden worden sind. China hat wesentlich in Infrastrukturprojekte
investiert, und damit auch Abhängigkeiten geschaffen. Dies betrifft unter
anderem eine neue Verschuldungsspirale für zahlreiche afrikanische
Staaten. Russland hat nach Jahren der politischen Abstinenz auf dem
afrikanischen Kontinent zunächst eklektisch und opportunistisch agiert. In
den letzten Jahren wurde jedoch deutlich in Konfliktschwerpunkte
investiert, zum Beispiel in Libyen, Mali, Sudan und die
Zentralafrikanische Republik, mit dem Ziel, die politischen Positionen des
Westens zu unterminieren, eigenen geostrategischen Einfluss aufzubauen und
von illegalen Ökonomien zu profitieren, zum Beispiel im Goldhandel.

Wohin wird sich die Afrikanische Union in den kommenden Jahren Ihrer
Einschätzung nach entwickeln?

Die Afrikanische Union ist derzeit bemüht, ihre „strategischen
Partnerschaften“ mit den Vereinten Nationen und der Europäischen Union,
aber auch mit bilateralen Partnern wie China, Japan, Südkorea oder der
Türkei neu zu bestimmen. Wenn es gelänge, diese Beziehungen strategisch im
Sinne von fundamentalen AU-Interessen auszurichten, würden sich
Möglichkeiten eröffnen, die Integration Afrikas in aktuelle
Globalisierungsprozesse auch von Afrika aus stärker zu gestalten.

Gleichzeitig wird der Prozess der Institutionalisierung und
Professionalisierung der Organisation selbst zweifelsohne voranschreiten.
Die Fähigkeit der AU, die Interessen ihrer Mitgliedstaaten auch global
vertreten zu können, wird allerdings wesentlich davon abhängen, dass es
der AU gelingt, die Abhängigkeit von internationalen Gebern substanziell
zu verringern. Gegenwärtig werden etwa 66 Prozent des AU-Haushaltes von
internationalen Partnern bestritten. Die Transformation der OAU in die AU
hat wichtige Voraussetzungen für eine aktive globale Rolle der AU
geschaffen, die es nun mühsam auszubauen und dann auch zu nutzen gilt.

Prof. Dr. Ulf Engel forscht im Sonderforschungsbereich (SFB) 1199
„Verräumlichungsprozesse unter Globalisierungsbedingungen“ der Universität
Leipzig zu „Interregionalismus und Sicherheit im Sahel-Raum: Die
Afrikanische Union, ECOWAS und die Europäische Union“. Er ist zugleich am
Forschungsvorhaben New Global Dynamics im Rahmen der zweiten
Wettbewerbsphase der Exzellenzstrategie von Bund und Ländern beteiligt.